Von Krieg und Spekulatius – könnten wir uns verteidigen, wenn wir müssten?

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Liebe Leserinnen und Leser,

bald beginnt die Adventszeit, wir trinken wieder mehr schwarzen Tee hier zu Hause, heute war ich mit meiner Tochter einkaufen, und als wir nach Hause kamen, hatten wir Spekulatius, Nürnberger Lebkuchen und Aachener Printen dabei. Die ersten Nachbarn haben Lichterketten aufgehängt, morgen werden wir damit auch aufrüsten. Eigentlich alles vorbereitet, trotz Corona irgendwie das Beste aus der schönsten Jahreszeit zu machen. Trotz allem.

Aber wenn wir ehrlich sind: es ist gar nicht schön. Die Politik nicht, die Corona-Lage nicht, eigentlich gar nichts, wenn man von Freunden und Familie und dem bevorstehenden Gänseessen im Kreis wunderbarer Menschen bei Kerzenlicht einmal absieht.

Was mir wirklich ernsthaft große Sorgen macht ist mein wachsender Eindruck, dass es wieder zu einem offenen Krieg kommen könnte. Das war so weit weg für meine Generation, seit 1945 mit Ausnahme des Balkankrieges und der russischen Aggression gegen die Ukraine war doch alles friedlich in diesem Teil der Welt. Ja, klar, regionale Nickligkeiten und der Kalte Krieg – das war schon ernst zu nehmen. Doch ich habe in meinem ganzen Leben nie das Gefühl gehabt, Deutschland, wir alle hier, könnten noch einmal einen Krieg erleben wie die Generation unserer Eltern. Mit Panzern in den Straßen, Granateneinschlägen, Leichen am Wegesrand, Sirenen, die nie wieder damit aufhören zu heulen. Wir sind doch zivilisiert heute und beschäftigen uns mit Klima und Geschlechtergerechtigkeit.

Aber irgendwie braut sich etwas zusammen.

Zugegeben, ich beschäftige mich jeden Tag mit Nachrichten. Hunderte Meldungen aus aller Welt laufen in so einer Zeitungsredaktion auf, wir suchen das heraus, was wir denken, Ihnen präsentieren zu sollen. Damit Sie sich ein Bild von der Wirklichkeit machen und nicht nur auf ARD und Konsorten angewiesen sein müssen. Es ist in diesen Zeiten gut und notwendig, alternative Medien zu lesen. Viele Bürger tun das inzwischen, nicht nur bei uns, sondern auch bei den anderen seriösen Bloggern, die wachsende Leserzahlen haben.

Aber ein Krieg? In echt? Mit Luftangriffen und Bomben? Ich will mir das gar nicht vorstellen, auch, weil ich denke, wer immer heutzutage Krieg führt, verliert in jedem Fall.

In dem Hollywood-Film „Crimson Tide“ kommt die Führung eines amerikanischen Atom-U-Bootes in eine gefährliche Situation. Abgeschnitten von der Außenwelt sind sie mit der Frage konfrontiert, schießen wir unsere Raketen ab oder nicht? Denzel Washington und Gene Hackmann sind die Gegenpole, hier der alte Haudegen, der den Knopf drücken, der einfach funktionieren will. Dort der junge Erste Offizier, der auf strikte Einhaltung der Vorschriften pocht. Ein dramatisches Szenario unter Wasser, ein mitreißender Film. Bei einem Wortwechsel zwischen den Offizieren gleich zu Beginn sagt Korvettenkapitän Hunter (Washington) sinngemäß, dass im Krieg nicht der Gegner der Feind ist, sondern der Krieg an sich der Feind aller Seiten ist. Das beschäftigt mich, weil dieser Gedanke nicht von der Hand zu weisen ist.

Leser meiner Artikel über die Jahre wissen, dass ich den Krieg zur Verteidigung nicht grundsätzlich ablehne, sondern als Ultima Ratio unbedingt befürworte. Und ich bin froh, dass unser Land Teil der Nato ist, des immer noch gewaltigsten Bündnisses in der Geschichte der Menschheit. Aber es geht eben nicht nur um die technische Raffinesse von Kampfflugzeugen, es geht besonders um die innere Einstellung der Bevölkerungen. Und hier in Deutschland sinkt seit Jahren genau diese Bereitschaft, sich zu verteidigen, enorm. Weil unsere Kinder in der Schule nicht lernen, dass es gerechte Kriege geben kann. Weil wir uns so unschöne Dinge einfach bequem wegdenken. Aber Hitler-Deutschland wurde nicht von Sozialarbeitern und Friedensforschern besiegt, sondern von Männern in Uniform, die bereit waren, ihr Leben einzusetzen und auch zu töten. Auschwitz wurde nicht von „Fridays for Future“ oder Rezo befreit, sondern von russischen Soldaten.

Niemand will doch Krieg, der halbwegs bei Verstand ist. Schon gar nicht wir hier in der Mitte Europas. Wir wollen Spekulatius essen. Aber wenn es Krieg gibt, zum Beispiel unsere Partner im Baltikum angegriffen werden – welcher Deutsche würde dafür sein Leben riskieren, wie die Amis, Briten, Kanadier und viele andere, die 1944 in der Normandie landeten? Wenn ich mir manche Bundestagsdebatten anschaue, wenn ich höre, was unsere Kinder in Schulen lernen, aus denen Jugendoffiziere der Bundeswehr ausgeschlossen werden – unserer Bundeswehr, die uns im schlimmsten Fall verteidigen soll – dann bekomme ich Gänsehaut. Kevin Kühnert und Annalena Baerbock im Kommandobunker unter dem Kanzleramt. Man mag sich das gar nicht vorstellen und hofft instinktiv, dass der Liebe Gott dieses Szenario unbedingt verhüten möge.

Ich zweifle, dass wir Deutschen im Fall eines militärischen Ernstfalls fähig wären, uns gegen einen entschlossenen Feind zu verteidigen. Weil die politisch Verantwortlichen ein solches Szenario nicht ernsthaft durchdenken wollen. Hätt‘ schon immer joot jejange, sagt der Kölner. Aber es geht eben nicht immer gut.

Die Grenzregion zwischen Polen und Weißrussland wird immer mehr zu einem Pulverfass, die Zahl der Mitspieler wächst. Die Ukraine hat gerade Tausende Soldaten an die Grenzen zu Belarus verlegt, Diktator Lukaschenko schickt Massen arabischer Migranten auf den Weg nach Deutschland zur polnischen Grenze, russische Kampfflugzeuge fliegen rund um die Uhr entlang der Grenzen zwischen Belarus und Polen, in Südostasien ist die Spannung zwischen China und seinen Nachbarn mit Händen zu greifen.. Für mich fühlt sich das alles, was gerade passiert, deutlich schlimmer an als der Kalte Krieg damals…

Mit besorgten Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.