Vorzüglich essen bei Francine: Warum Belgier entspannter leben als wir

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Liebe Leserinnen und Leser,

viele von Ihnen haben das schon mal gehört, wenn wieder jemand die (angebliche) Bildungslosigkeit der Amerikaner hervorheben will. „Die wissen ja nicht einmal, wo Belgien liegt!“ Und die Antwort der Freunde von God’s own Country war dann: „Warum sollte jemand, der in New York, San Francisvo oder auf Key West lebt, wissen müssen, wo Belgien liegt…?“

Und damit grüße ich Sie vom Frühstückstisch eines meiner inzwischen besten Freunde, der vor einem Jahr „rüber gemacht hat“ ins 12-Millionen-Nachbarland, westlich des Niederrheins in NRW, wo wir wohnen. Mein Freund Thomas hat in den zwei Jahren der Pandemie selbst verspürt, wie schlimm die Regulierungswut in Deutschland inzwischen geworden ist, und weil er sowieso schon oft in Brüssel zu tun hatte neben Deutsch und Englisch auch noch Niederländisch und Französisch spricht, lag nahe, dass er – wie so viele andere inzwischen – seinen Lebensmittelpunkt ins Ausland, nach Belgien, verlegt.

Ich habe viele Freunde, die mit solchen Gedanken spielen, spätestens seit Corona die Welt massiv verändert hat, oder sagen wir: Die Lockdowns und die „Maßnahmen“. Gestern Abend bei einem guten Glas peruanischen Rums auf seiner Terrasse sprachen wir noch darüber, warum man vor zwei Jahren nicht die gefährdeten Gruppen der Gesellschaft besonders geschützt hat, statt wirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe allein in Deutschland anzurichten und unsere Kinder zu zwingen, in der Schule stundenlang mit Mund-Nasen-Maske auszuharren.

Stefan, ein anderer sehr guter Freund, ist gerade mit Frau und Kinder in die USA ausgewandert. Er lebt und arbeitet jetzt in Fort Meyers in Florida. Der Spindoctor eines früheren Bundesministers, den ich zufällig neulich in Berlin traf, lebt heute in Kroatien und betreibt ein kleines Restaurant. Früher zog er in Berliner Nobelrestaurant Strippen für seinen Meister, heute bekocht er einheimische Gäste und wacht morgens in einer Hängematte am Strand mit Blick aufs Meer auf.

Aber ich will Ihnen eigentlich von Belgien erzählen, wo ich das Wochenende bei Thomas verbringe. In Ostbelgien, dem deutschsprachigen Teil. Hier, so sagt Thomas, ist es wie früher in Deutschland, nur gelassener und mit viel Savoir-Vivre, also der guten Lebensart. Heißt: Gutes Essen spielt hier eine ganz andere Rolle als bloße Nahrungsaufnahme.  Es ist Genuss, Lebensfreude und Gaumenkitzel. Thomas hat hier seine Liebe gefunden – und die ist Chefin eines der besten Restaurants Belgiens. Francine Wickler ist 43 und betreibt ihr Lokal „Le Jardin“ in Oudler, nahe der Burg Reuland, in Familientradition seit 125 Jahren. Und immer waren es die Frauen in der Familie, die dafür sorgten, dass nicht nur schmackhaftes Essen auf den Teller kam, sondern das auch noch herausragend präsentiert wird.

Das „Le Jardin“ ist bei den genussfreudigen Luxemburgern ebenso beliebt wie bei Gästen aus der belgischen Hauptstadt und auch aus Deutschland. So wie mir zum Beispiel gestern Abend. Es gab Iberico-Schwein in einer von der Chefin selbst kreierten Pfeffersauce, Kartoffelgratin, vorher ein „Duo von Lachs und Ente aus eigener Räucherei“ und dazu zwei Gläser Pinot Noir aus – Sie glauben es nicht – Belgien, genau aus Dinant an der Maas, und vorher einen Chardonnay vom gleichen Weingut „Chateau bon Baron“. Und zum Abschluss gab es selbst gemachtes Pralineneis und Waldbeeren. Phantastisch, oder?

Jetzt denkt mancher von Ihnen, der Kelle hat wieder einen PR-Auftrag abgegriffen und macht Werbung für ein Restaurant, wo er gratis essen durfte. Aber mitnichten…

Ich wollte Ihnen einfach die Geschichte von Francines Gourmettempel erzählen, vom Weingut in Dinant, wo übrigens Adolphe Sax geboren wurde, der – nach, was wohl? – das Saxophon erfunden hat. Mein Lieblingsinstrument übrigens, Gruß an Candy Dulfer!

Das Leben in diesem Teil Belgiens zumindest, ist sowas von entspannt, das kann man sich kaum vorstellen, wenn man hier nicht gewesen ist. Auf der Straße von Fremden angebrüllt zu werden, weil man die Maske nicht ordnungsgemäß vor dem Gesicht hängen hat, das macht uns Deutschen keiner nach. In Belgien würde man gar nicht auf die Idee kommen.

Heute haben Thomas und ich noch ein sehr anstrengendes Programm. Wir frühstücken gleich, fahren dann zur Heiligen Messe in die kleine Gemeinde St. Stephanus in Reuland, wo auf Deutsch zelebriert wird. Von Pfarrer Batty, mit dem wir schon mal – natürlich – bei Francine gemeinsam eingekehrt sind und uns lange über seinen obersten Chef unterhalten haben.

Dann sind wir beim belgischen Erstligaspiel zwischen KAS Eupen und dem Meister Club Brügge. Vor Anpfiff gibt es auf der Freiterrasse im Kehrweg-Stadion natürlich noch ein Drei-Gänge-Menü und das ein oder andere Gläschen vom Guten aus Dinant, rot oder weiß – völlig egal. Wir treffen da auch den Ministerpräsidenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Oliver Paasch, und den Präsidenten der Königlich-Belgisch-Deutschen-Gesellschaft, Graf Jacques de Lalaing. Ob es dabei etwas zu essen gibt, weiß ich noch nicht. Es ist aber wahrscheinlich.

Und am Abend gönnen wir uns – so viel Patriotismus eint Thomas und mich dann doch noch mit unserem schwierigen Vaterland – das EM-Finale der Fußball-Frauen. Ich hätte vor Monaten nicht für möglich gehalten, dass ich diese Formulierung mal wählen würde. Aber die Damen sind richtig klasse. Und Alexandra Popp wird’s schon richten in Wembley…

Einen sonnigen und gesegneten Sonntag, essen Sie etwas Schönes heute!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.