Warum wir uns instinktiv vor Schlangen und Spinnen fürchten, aber nicht vor Autos oder Bären

Spinnennetze sind für manche Menschn schon bedrohlich

Sie betreten einen dunklen Keller, sehen einen schwarzen Schatten mit acht Beinen über die Wand huschen, und augenblicklich rast Ihr Herz. Die Hände werden feucht, der Atem stockt. Ähnliches passiert im hohen Gras, wenn ein raschelndes Geräusch eine Schlange vermuten lässt. Viele Menschen empfinden diese instinktive Angst als irrational – schließlich sind die meisten Hausspinnen völlig harmlos. Doch die Furcht vor Spinnen und Schlangen sitzt tiefer, als wir denken. Es handelt sich um ein biologisches Erbe, das uns seit Jahrmillionen begleitet.

Wie weit geht diese Angst?

Die Abneigung gegen Krabbeltiere und Kriechtiere ist nicht selten, sondern eine der am weitesten verbreiteten Ängste der Menschheit. Schätzungen zufolge empfinden bis zu 22 Prozent der Bevölkerung ein deutliches Unbehagen oder Ekel gegenüber Insekten und Spinnentieren. Bei etwa 3 bis 5 Prozent steigert sich dieses Gefühl zu einer klinisch relevanten Phobie – der Arachnophobie (Angst vor Spinnen) oder Ophidiophobie (Angst vor Schlangen).

Dabei geht es oft gar nicht nur um die Angst vor einem Biss. Viele Betroffene ekeln sich vor der unvorhersehbaren Art der Bewegung oder der Körperbeschaffenheit. Diese „Biophobie“ kann in einer modernen, urbanen Welt so weit führen, dass Menschen den Aufenthalt im Wald oder im eigenen Garten meiden.

Unsere Angst ist im Betriebssystem

Lange Zeit stritt die Wissenschaft darüber, ob wir die Angst vor Spinnen und Schlangen von unseren Eltern lernen oder ob sie uns in die Wiege gelegt wird. Eine bahnbrechende Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig brachte 2017 Licht ins Dunkel. Die Forscher untersuchten sechs Monate alte Säuglinge, ein Alter, in dem Babys noch keine kulturelle Prägung haben, etwa durch Fernsehen, Gruselfilme und Ähnliches. Den Säuglingen wurden dabei Bilder von Spinnen und Schlangen gezeigt, während Infrarot-Kameras ihre Augen fixierten. Das Ergebnis war eindeutig: Beim Anblick der Tiere weiteten sich die Pupillen der Babys deutlich stärker als bei Kontrollbildern von Blumen oder Fischen.

Da die Pupillenweite direkt mit dem Noradrenalin-Spiegel im Gehirn korreliert, bewies die Studie, dass das menschliche Gehirn eine angeborene Stressreaktion auf diese Tiergruppen besitzt. Wir kommen also mit einer „biologischen Warnsoftware“ auf die Welt. In der Evolution war es überlebenswichtig, diese Tiere blitzschnell im Dickicht zu erkennen, da ein einziger Biss für unsere Vorfahren in Afrika oft tödlich endete. Wer schneller erschrak, überlebte eher und gab so seine Gene weiter.

Dabei drängt sich allerdings die logische Frage auf: Wenn wir vor winzigen Spinnen Angst haben, warum lösen dann Löwen, Tiger oder Bären bei den meisten Menschen keine vergleichbare Schockreaktion aus?

Für die Antwort muss man sehr weit zurückin die Mnschheeitsgeschichte blicken

Primaten leben seit etwa 40 bis 60 Millionen Jahren in Lebensräumen, die von giftigen Schlangen und Spinnen bevölkert sind. Diese extrem lange Zeitspanne hat dazu geführt, dass die Erkennungsmuster fest im Sehzentrum unseres Gehirns verankert sind. Große Raubkatzen oder Bären traten in der Entwicklungsgeschichte des Menschen erst viel später als universelle Bedrohung auf.

Ein Bär oder ein Tiger ist groß und meist gut sichtbar. Man musste kein „Spezialprogramm“ im Gehirn entwickeln, um ein 200 Kilo schweres Raubtier zu bemerken. Die Gefahr durch Schlangen und Spinnen liegt jedoch in ihrer Verborgenheit. Die Evolution musste uns darauf trimmen, kleinste Muster im komplexen visuellen Hintergrund (wie Laub oder Ästen) sofort zu isolieren.

Ein faszinierendes Beispiel für die Trägheit der Evolution ist der Vergleich mit modernen Gefahren. Autos, Steckdosen oder Schusswaffen töten heute weitaus mehr Menschen als Spinnen. Dennoch haben wir keine angeborene Angst vor ihnen. Unser Gehirn braucht anscheinend hunderttausende von Jahren, um neuen Gefahren in das instinktive Warnsystem aufzunehmen.

Bildquelle:

  • Spinnennetz: adobe.stock / vandame

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