von KLAUS KELLE
BUDAPEST – Für viele Konservative in Europa, und damit auch hierzulande, ist Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán ein politischer Held. Einer, der sich der Nomenklatura in Brüssel widersetzt, einer der ausschert, wenn die EU-Staaten Russland-Sanktionen beschließen und Waffen an die ukrainischen Streitkräfte liefern.
Einer, der nicht mitspielt, der sich auf großer Bühne in Budapest mit AfD-Chefin Alice Weidel trifft.
Als Orbán im April 2022 mit absoluter Mehrheit für eine fünfte Amtszeit gewählt wurde, war ich in Budapest als Journalist bei einer großen Wahlparty dabei. Viele junge Menschen aus verschiedenen Ländern, Konservative aus ganz Europa, ich habe Polen, Franzosen, Ukrainer kennengelernt, selbst ein junger Kollege aus Texas war eingeflogen, um dabei zu sein, wenn der kantige Ungar für seine fünfte Amtszeit gewählt wird.
Ein wunderbarer Abend, Konservative können freie Wahlen gewinnen. Herrlich!
Zugegeben, mit einigen deutschen Kollegen wurde es abends dann noch etwas spät, und es gab das ein oder andere Bier über den eigentlichen Durst hinaus. Viktor Orbán, das ist die Zukunft Europas, ein Vorbild für Konservative auf dem ganzen Kontinent. So wie einst der junge Sebastian Kurz aus Österreich. Leider erfüllte er die hohen Erwartungen dann letztlich nicht, wie sie alle wissen, und wenn die Ungarn im kommenden Jahr erneut an die Wahlurnen gerufen werden, dann kann es auch für Viktor Orbán ein jähes politisches Erwachen geben.
50.000 Bürger demonstrierten jetzt am Wochenende in Budapest gegen Orbán. In Sprechchören forderten sie laut „Orbán, hau ab!“. Aktueller Grund ist ein Bericht über weit verbreiteten Missbrauch in staatlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen, der von der Orbán-Regierung vor der Öffentlichkeit vertuscht worden sein soll.
Die Wut der Leute auf den Straßen ist auch deshalb so groß, weil es schon im Februar 2024 einen Pädophilie-Skandal in Ungarn gab, der hohe politische Wellen schlug. Damals musste die ungarische Staatspräsidentin Katalin Novak zurücktreten, nachdem bekannt wurde, dass sie einen Mann begnadigt hatte, der als Vizedirektor eines Waisenhauses den Missbrauch durch seinen Chef gedeckt hatte. Auch die damalige Justizministerin, Judit Varga, die dem Gnadengesuch zugestimmt hatte, trat zurück.
Viktor Orbán und seine Fidesz stehen für ein konservatives Familienbild. Vater, Mutter, Kind, das ist das Leitbild seiner Regierung. Junge, erstmals verheiratete Frauen unter 40 Jahren können einen subventionierten Kredit in Höhe von bis zu 10 Millionen Forint erhalten. Mütter, die vier oder mehr Kinder geboren und aufgezogen haben, sind lebenslang von der Einkommensteuer befreit, es gibt erhebliche Steuergutschriften, die je nach Kinderzahl gestaffelt sind und so weiter. Ungarns Familienförderung ist vorbildlich, deutlich besser auch als die in Deutschland.
Und dennoch schlägt das nicht auf die Geburtenrate durch
Die lag im Jahr 2024 noch bei etwa 1,38 Kindern pro Frau, gleichauf mit der mickrigen deutschen mit 1,35. Der Gedanke also, man könne mit staatlichen Subventionen Frauen motivieren, mehr Kinder zu bekommen, ist offensichtlich falsch. In Deutschland funktioniert das nicht, in Ungarn auch nicht.
Aber die Fidesz-Regierung hat eben auch den Kinderschutz zur höchsten Priorität erklärt, und das funktioniert scheinbar auch nicht.
Kindesmissbrauch ist überall weit verbreitet, ein schändliches Verbrechen
Es passiert in Kirchengemeinden, katholischen ebenso wie evangelischen, in Schulen, im Sportverein. Doch jetzt ist dieser Bericht auf dem Tisch, über Missbrauchsfälle in staatlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen.
Oppositionsführer Peter Magyar hat ihn ausgegraben, veröffentlich und zu Demonstrationen aufgerufen. 3000 Missbrauchsfälle werden darin dokumentiert. Seit 2021 existiert das Dokument, 2022 wurde es bereits an die zuständigen Behörden weitergeleitet, „um deren Arbeit zu unterstützen“, wie das Innenministerium in einer Stellungnahme bestätigte. Doch passiert ist in den drei Jahren nichts, um die ungarischen Kinder in den Einrichtungen zu schützen. Jedes fünfte Kind (!) soll dort betroffen sein von den Übergriffen.
Das schreckt auch die treuesten Orbán-Unterstützer auf dem Land auf
Klar, in der Europa zugewandten Metropole Budapest ist seit jeher die Kritik am rechten Orbán lauter. Hier gewannen 2022 sogar Kandidaten, die nicht zur Fidesz gehören. Das ist keine ungarische Besonderheit, auch in Berlin, Paris und London wählt das urbane bunte Volk anders als in Klein- und Mittelstädten.
Aber Kinderschutz? Das rührt am Kern der christlich-konservativen Stammklientel Orbáns.
Wenn die ungarischen Wähler am 12. April 2026 zu den Urnen gerufen werden, wird es nicht um eine Richtungsentscheidung gehen, sondern um eine Abrechnung mit einer Ära.
Über 15 Jahre lang prägte Viktor Orbán das Land mit seinem Modell der „illiberalen Demokratie“. Doch zum Jahresende 2025 zeigt die Fassade tiefe Risse.
Ein zentrales Element seiner Außenpolitik – die demonstrative Nähe zum Kreml und zu Putin – hat sich von einem strategischen Vorteil in eine wachsende, ja existenzielle Last verwandelt.
Jahrelang basierte Orbáns Popularität auf einem einfachen Versprechen: Politische Loyalität gegenüber Wladimir Putin sichere Ungarn niedrige Energiepreise und damit den sozialen Frieden. „Rezsicsökkentés“, die staatlich verordneten Senkungen der Nebenkosten, waren das wichtigste Wahlgeschenk des Fidesz.
Doch jetzt im Winter 2025/2026 kollabiert dieses Narrativ. Ungarn zahlt für russisches Gas Preise, die teilweise über dem europäischen Marktniveau liegen, da die langfristigen Verträge mit der Gazprom für den ungarischen Staatshaushalt zur Schuldenfalle wurden. Die Folge: Eine der höchsten Inflationsraten der EU, die den ungarischen Mittelstand im Jahr 2025 massiv ausgezehrt hat. Die Wähler spüren im Portemonnaie, dass die „pragmatische Partnerschaft“ mit Moskau keinen Wohlstand mehr garantiert, sondern zunehmend Armut importiert.
Die Isolation in Europa und das Milliarden-Loch
Und Ungarn ist im Jahr 2025 politisch so isoliert wie nie zuvor in Europa. Die Blockadehaltung gegenüber Ukraine-Hilfen und die Weigerung, westliche Sanktionen gegen Russland vollumfänglich mitzutragen, haben dazu geführt, dass die EU-Kommission wichtige Kohäsionsmittel und Corona-Wiederaufbauhilfen in Milliardenhöhe weiterhin teilweise eingefroren hält. Da helfen auch schöne Bilder von gemeinsamen Fernsehauftritten mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, einem Wesensverwandten, nicht mehr.
Das EU-Geld fehlt an allen Ecken in Ungarn: im maroden Gesundheitssystem, in der Infrastruktur und im Bildungswesen. Während Péter Magyar, charismatischer Anführer der TISZA-Partei, im Wahlkampf verspricht, durch eine Rückkehr zum „europäischen Kern“ diese Gelder freizusetzen, kann Orbán nur auf Kredite aus Russland und China verweisen. Doch diese Kredite – etwa für den Ausbau des Atomkraftwerks Paks II – binden Ungarn auf Jahrzehnte an autokratische Mächte. Ein wachsender Teil der Bevölkerung scheint nun zu erkennen, dass Orbáns Politik das Land nicht souveräner macht, sondern in eine neue Abhängigkeit führt, die fatal an die Zeit vor 1989 erinnert.
Das nationale Trauma: 1956 gegen 2026
Viktor Orbán hat sich stets als Verteidiger der ungarischen Freiheit inszeniert. Doch seine Weigerung, Russland als Aggressor im Ukraine-Krieg klar zu benennen, hat ihn in einen moralischen Konflikt mit der ungarischen Identität gebracht. Die Erinnerung an den Volksaufstand von 1956 gegen die sowjetische Unterdrückung ist im kollektiven Gedächtnis der Ungarn tief verwurzelt.
Péter Magyar, selbst ein ehemaliger Insider des Systems, stellt Orbán nicht als geschickten Taktiker dar, sondern als „Verräter an der nationalen Sache“, der die Freiheit Ungarns für persönliche Machtinteressen an Moskau verkauft hat. Dieser Angriff auf Orbáns Kernkompetenz – den Patriotismus – trifft Fidesz dort, wo er am verwundbarsten ist. Umfragen im Dezember 2025 zeigen, dass besonders junge Wähler und die städtische Bevölkerung die Russland-Politik als „beschämend“ und „gefährlich“ für die nationale Sicherheit empfinden.
Warum könnte Orbán die Wahl 2026 tatsächlich verlieren?
Weil es erstmals eine geeinte Alternative gibt, die nicht „links“ oder „liberal“ abgestempelt werden kann. Die TISZA-Partei unter Péter Magyar spricht die Sprache der Konservativen, fordert aber Transparenz und eine klare Westbindung.
Magyar ist es im Laufe des Jahres 2025 gelungen, das Medienmonopol des Fidesz durch eine massive Social-Media-Präsenz und eine unermüdliche Tour durch die Provinz zu brechen. Er thematisiert nicht nur die Korruption, sondern verknüpft sie direkt mit den russischen Großprojekten. Sein Slogan „Weder Brüssel noch Moskau – sondern Ungarn in Europa“ zieht jene Wähler an, die Orbáns Konfrontationskurs leid sind, aber keine Rückkehr zu den alten sozialistischen Eliten wollen.
Bildquelle:
- Viktor_Orbán: eu parliament
