Eberls Loyalität in allen Ehren: Keinen Bock mehr auf Rose!

Max Eberl und Marco Rose beim Auftakt
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von RALF GRENGEL

Loyalität ist eine tolle Sache. So grundsätzlich zumindest. Aber wie sieht es aus, wenn der Arbeitgeber voller Überzeug und treu an der Seite seines leitenden Angestellten steht, obwohl der in ein paar Monaten bei der Konkurrenz anheuert? Und das auch noch öffentlich bekundet hat.

Der Volksmund sagt, „Nichts ist edler, nichts ehrwürdiger als Loyalität“. Insofern ist Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, so etwas wie ein edler Ehrenmann. Wenn es so etwas im Profifußball überhaut geben kann, dann stimmt das sogar. Seitdem der Ex-Profi maßgeblich die Geschicke des Traditionsvereins vom Niederrhein bestimmt, hat sich der Klub vom Abstiegskandidaten zu einem Europapokalteilnehmer gemausert. Eine stete Entwicklung über ein Jahrzehnt lang hinweg. Skandalfrei, ohne die Seele des Vereins an einen Investor zu verkaufen.

Der Volksmund sagt aber auch, „Blut macht dich verwandt, Loyalität macht dich zur Familie“. Borussia Mönchengladbach ist Familie. Das ist nicht nur ein Claim. Es ist auch keine Floskel. Das ist per Marktanalyse erwiesen und von keinem geringeren als Papst Franziskus bestätigt. Laut Gemeinschaftsstudie der Goethe Universität Frankfurt in Zusammenarbeit mit „Service Value“ und „Welt am Sonntag“ ist Borussia der familienfreundlichste Club der Bundesliga. Sieben Mal in Folge haben die Gladbacher diesen „Titel“ gewonnen. Mehr Familie kann ein Klub also nicht sein. Das ist selbst dem Heiligen Vater nicht entgangen. Als Papst Franziskus im Sommer 2017 Mannschaft, Trainer und Funktionäre der Borussen zu einer Privat-Audienz empfing, lobte er, „dass bei Verein und Fans die Familien einen besonderen Stellenwert haben“.

Damals hieß der Trainer Dieter Hecking. Loyal seinem Arbeitgeber gegenüber. Bis zum letzten Tag, obwohl er bereits zwei Monate vor Saisonende erfahren hatte, dass sein Vertrag nicht verlängert wird. Er verabschiedete sich als Tabellenfünfter, als Europa-League-Teilnehmer. Und mit den besten Wünschen für die Zukunft. Das war vor knapp zwei Jahren. Max Eberl wollte die Familie verjüngen, sie etwas hipper, forscher, angriffslustiger machen. Die Tradition der 70er-Jahre, der erfolgreichsten Epoche des Vereins, wieder aufleben lassen. Als die Borussia zur Fohlenelf wurde, weil sie ungebremst und stürmisch von Titel zu Titel eilte. Eberls Traum ist es, das betont er immer wieder, bei der Borussia irgendwann „etwas Blechernes in den Händen“ zu halten. Die Sehnsucht nach dem ersten Titel seit dem DFB-Pokalsieg 1995 ist groß.

Seit dem vergangenen Dienstag ist klar, dass auch Heckings Nachfolger Marco Rose diese Sehnsucht der Borussenfamilie nicht wird stillen können. Das 0:1 im DFB-Pokal gegen Dortmund bedeutete das Aus im Viertelfinale. Der Traum von etwas Blechernem ist geplatzt. Das Weiterkommen in der Champions League scheint nach der 0:2-Hinspielniederlage gegen die Übermächtigen von Manchester City in etwa so unrealistisch wie der Klassenerhalt von Schalke 04. In der Bundesliga dümpeln die Gladbacher auf Platz zehn, mit 22 (!) Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Bayern München.

Das alles ist ziemlich trostlos. Aber lange nicht das Schlimmste. Viel härter sollte es Eberl treffen, dass viele in seiner großen Borussenfamilie mit fast 100.000 Mitgliedern sowie Millionen von Fans im ganzen Land nicht mitleiden, nicht zetern, nicht weinen, nicht zürnen.

Sie sind loyal, aber nicht mehr emotional. Sie sehnen nur noch das Saisonende herbei. Und dass sie Marco Rose nicht mehr sehen müssen. Zumindest nicht mehr mit der schwarz-weißen Borussen-Raute auf den Klamotten.

Bei seiner ersten Pressekonferenz im Juni 2019 klebten die Anhänger noch an Roses Lippen. So cool und eloquent wie zuvor kein anderer Coach erklärte er Borussia zu einem „lässigen Verein“ für den er sich ganz bewusst entschieden habe, um „hier etwas aufzubauen“. Dann ging’s los: Offensiver Powerfußball, wochenlang Spitzenreiter, Bayernbezwinger, Champions-Leaugue-Quali. Die Borussenfamilie war verzückt. Trotz Pandemie. Marco Rose und seine Fohlen sorgten für Freude und Halt in schwierigen Ausnahmezeiten. Auch ohne den Rückhalt in den Stadien stürmte das Team in einer Gruppe mit Real Madrid, Inter Mailand und Schachtar Donezk erstmals seit 43 Jahren ins Achtelfinale des wichtigsten Europacups. 16 erzielte Tore! So viele wie der große FC Barcelona, nur die Bayern trafen zweimal mehr. Wohin sollte das noch führen?

Marco Rose gab die Antwort. Zum BVB. Zumindest für ihn persönlich. Der coole, lässige Typ, der bei Borussia etwas aufbauen wollte, macht sich aus dem Staub. Ausgerechnet zur falschen Borussia. Vom Messias zum Judas. So jedenfalls sehen es viele, die es mit der Borussia vom Niederrhein halten und bei den Duellen mit dem BVB stets voller Inbrunst den eigens kreierten Song „Es gibt nur eine Borussia“ anstimmen. Marco Rose sieht das anders.

Und schon wären wir wieder beim Volksmund: „Blut macht dich verwandt, Loyalität macht dich zur Familie“. Max Eberl zählt Marco Rose immer noch zur Familie. Und es scheint niemand da zu sein, der ihm erklärt, dass eine Ehe keinen Sinn mehr macht, wenn der andere in ein paar Wochen woanders einheiraten wird.

Rose will seinen familiären Pflichten bis zum Saisonende nachkommen. Er kann nicht erkennen, dass er etwas falsch gemacht hat. Bei seiner Unterschrift in Mönchengladbach ließ er sich eine Ausstiegsklausel in den Vertrag einbauen. Die zieht er jetzt. So funktioniert das Geschäft. Recht hat er. Das einzige was ihn wirklich zu nerven scheint, ist die Tatsache, dass seine Wechselabsichten frühzeitig an die Presse durchgesteckt wurden und er somit frühzeitig unter Druck geraten ist. Hätten alle die Füße stillgehalten und er die Ausstiegklausel erst – wie vertraglich vereinbart – im Mai gezogen, wären alle Messen gesungen gewesen. Er sollte mal darüber nachdenken, wer dafür verantwortlich ist, dass alles anders kam. Denn Loyalität ist eine tolle Sache. So grundsätzlich zumindest.

 

 

 

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