Wenn jede Mahlzeit ein Fest ist, das man gemeinsam zelebriert

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Liebe Leserinnen und Leser,

das Frühstück gestern morgen war für mich übersichtlich. Am Flughafen Düsseldorf hatte ich ein Körnerbrötchen mit Frikadelle und einen Capuccino. 12,70 Euro, im Grunde eine Unverschämtheit. Aber ich hatte Hunger, das Brötchen war warm, also…

Was für ein Unterschied zum Mittagessen in einem französischen Lokal an der Strandpromenade von Nizza in Südfrankreich. Bevor sie jetzt wieder denken, der Kelle bettelt immer um Spenden und dann leistet er sich mondäne Wochenendtrips zu den Reichen und Schönen an der Cote d’Azur: Es ist ein Arbeitsmeeting, das bis Übermorgen dauert. Es geht um ein Buch, und der Autor hat mich eingeladen, um über Vermarktungsstrategie und Inhalt zu beraten. Flug, Transfer, Unterkunft und Mahlzeiten bezahlt er. Also: Kein Grund zur Aufregung – und wir brauchen immer noch Spenden und Abos…

Aber die Leute in Frankreich essen ganz anders als wir. Ach, essen, was rede ich: sie zelebrieren das. Champagner als Aperitiv, rohen Fisch, Salat, Fleisch avec des Frites, denn Kaffee mit Tiramisu, Mousse au Chocolat und Apfelsrudel und Vanillesauce. Unvorstellbar. Mein Kardiologe darf das niemals erfahren. Dann drei Stunen arbeiten und erstmal Paté und so ein paar Sachen, zwei Fläschchen Rotwein dazu (zu viert). Der Hammer. Aber die essen immer so. Jeden Tag. Und erschwerend kommt dazu, dass meine Gastgeber ein wunderbares Paar aus Belgien sind. Belgier, das weiß ich inzwischen, haben alle guten Seiten, die uns Deutsche früher mal auszeichnrtrn, nur dass das Essen bei ihnen besser schmeckt.

Vor ein paar Monaten war ich von einem ehemaligen Freund zu einem Fußballspiel ins Stadion eingeladen, das vor dem Anpfiff mit einem Drei-Gänge-Menü und einer Flasche Sauvignon Blanc eingeleitet wurde. Beim Fußball, wo ich mir vor Spielen in Bielefeld im Stehen eine Rostbratwurst und 0,4 Liter Krombacher aus dem Plastikbecher ziehe, unvorstdellbar. Nein, diese Leute essen anders als wir. Essen ist da nicht die Aufnahme von Nahrung, sondern pure Lebensfreude. Da kommt es auch nicht auf zwei oder drei Stunden mehr an.

Als jemand, der sich mittags auch mal einen Döner, eine Currywurst oder eine Pizza holt, bewundere ich diese Leute, die aus jeder Mahlzeit ein Gaumenfest machen. Wirklich. Allein die Bedeutung, die das Essen für manche Leute hat. Als ich vor 22 Jahren meine Schwiegereltern aus Siebenbürgen mitheiratete, erfuhr ich das erste Mal, dass man 50 Prozent der Gespräche über Mahlzeiten führen kann. Was es am Sonntag gibt, wer wo was geschlachtet hat und wer vor 60 Jahren bei der Hochzeit was zum zweiten Mal auf den Teller geladen hat. Hey, Krautwickel mit Polenta, und dazu zwei, drei vom Selbstgebrannten – das kann man wirklich machen.

Warum ich Ihnen das erzähle? Es ist Wochenende, liebe Freunde, Sie haben Zeit. Kaufen Sie sich etwas Schönes und kochen zusammen. Oder gehen Sie am Sonntag mit ihrer Familie nach dem Gottesdient (bestenfalls) ins Wirtshaus und essen in Ruhe mit Ihren Lieben etwas. Und nehmen Sie sich ausreichend Zeit. Essen ist Lebensfreude.

Mit herzlichen Grüßen, guten Appetit!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.