Wie antikapitalistisch ist die Kirche? Christentum und Kommunismus – das ist so ähnlich wie die Heilsarmee und die Rote Armee

Auf Reichtum verzichten und sein Brot mit jedem teilen - das ist urchristlich.

von MARTIN EBERTS

ROM – Von Papst Franziskus sind eine Menge Äußerungen in Erinnerung, die irgendwie „kapitalismusfeindlich“ klangen. Hat er nicht gesagt: „diese Wirtschaft tötet“? Antikapitalismus pur! Oder? So ein Spruch, aus dem Zusammenhang gerissen, bleibt jedenfalls in Erinnerung, auch lange nachdem vergessen wurde, was er damit gemeint hatte. Und schlägt nicht auch Leo XIV. in dieselbe Kerbe, wenn er in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ die „Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits“ kritisiert und beklagt, die Schöpfung werde zu einem „Objekt der Ausbeutung“ degradiert? Klingt das nicht schon irgendwie sozialistisch?

Die Katholische Soziallehre, der sich Leo XIV. besonders verpflichtet weiß (was er schon mit der Wahl seines Papst-Namens unterstrich), ist allerdings ausdrücklich im Widerspruch gegen jede Art Sozialismus und Kommunismus entwickelt worden. Genau dafür wurde sie im 19. Jahrhundert konzipiert, wobei ihre Gedanken und Ideen nicht von marxistischen oder ähnlichen „Erkenntnissen“ ausgehen, sondern in der Tradition der christlichen Nächstenliebe und der Schöpfungstheologie verwurzelt sind.

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Dieser Hinweis ist nicht bloß von akademischem Interesse, sondern höchst aktuell und sogar politisch relevant, da bekanntlich diesseits und jenseits des Atlantiks wieder einmal mit Eifer versucht wird, Sozialismus und Kommunismus von ihrem schlechten Image reinzuwaschen und so zu tun, als sei das doch irgendwie eine gute Sache. Und da käme das (scheinheilige) Argument ja gerade recht, dass es hier um etwas gehe, das so ähnlich auch die Kirchen propagierten…

Christlicher Kommunismus?

Aber kann es so etwas geben wie „christlichen Sozialismus“ oder „christlichen Kommunismus“? Beide Begriffe – Sozialismus und Kommunismus – darf man getrost in einem Atemzug nennen; sie sind historisch gesehen in sämtlichen Erscheinungsformen realer Herrschaft, die es unter diesen Namen jemals gegeben hat, tatsächlich synonym. Also lassen wir verhüllende Redensarten beiseite und fragen uns: Kann das zusammengehen, Christentum und Kommunismus?

Ein kurzer Blick in die Geschichte scheint zunächst einen klaren Befund zu ergeben: Das ist ein Widerspruch in sich!

Wie viel Elend, Gewalt, Verbrechen und Tod haben Sozialismus und Kommunismus in allen ihren Erscheinungsformen über die Menschheit gebracht?

Nichts könnte unchristlicher sein. „Christlicher Kommunismus“, das ist wie „liebevoller Hass“ oder „schonende Hinrichtung“. Da hilft auch das abgenutzte „der-Kommunismus-wurde-nur-nie-richtig-umgesetzt“-Scheinargument nichts. Damit mochte man sich vor hundert Jahren noch täuschen lassen, aber sicher nicht mehr heute! Nein, am Kommunismus als tatsächlicher Erscheinung in der Geschichte der Menschheit ist nichts zu retten, nicht einmal der Name.

Aber „eigentlich“ eine gute Idee?

Fairerweise muss man sagen, dass vor der Machtergreifung sozialistischer und kommunistischer Regime die Konnotation natürlich eine andere war. Und aus dieser Zeit stammte ursprünglich auch der Begriff „christlicher Kommunismus“. Er entsprang der naiven Vorstellung, die Idee des „Gemeineigentums“ sei der Kern „kommunistischen“ Denkens, und das sei doch eigentlich auch irgendwie christlich.

Schreibt nicht der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte, dass die ersten Christen das Privateigentum abgeschafft, oder gar wie in einer Art Kommune gelebt hatten?

Kann nicht zumindest die ursprüngliche „Idee“ des Sozialismus oder Kommunismus zu Recht auf das Urchristentum zurück geführt werden? Eine heute gerade in „kirchlichen Kreisen“ nicht ganz fremde Überlegung.

Ein Herz und eine Seele

In der Apostelgeschichte kann man lesen: „Alle die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel wie er nötig hatte“ (Apg. 2, 43 f.). Wenig später heißt es: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam“. Im Weiteren wird sogar noch ausführlich beschrieben, wie die Gläubigen ihren Besitz verkauften und ihn „den Aposteln zu Füßen“ legten.

Dies geschah in einer Zeit existenzieller Bedrängnis der ersten Gemeinde, die aber trotz aller Nöte durch ihr Vorbild liebevoller Gemeinschaft und großer Frömmigkeit auffiel und tiefen Eindruck in der heidnischen Bevölkerung machte. Dieses Leben in einer großen Familie, das quasi eine Vorwegnahme des „himmlischen Jerusalem“ zu sein schien, beeindruckt bis zum heutigen Tag. Und es ist kein Zufall, dass der hierher stammende Ausdruck „ein Herz und eine Seele“ ebenso sprichwörtlich geworden ist, wie der „barmherzige Samariter“, der ja ebenfalls aus dem Neuen Testament stammt.

Vom Familiären zum Sozialen

Lukas beschreibt freilich auch den Übergang von der „familiären“ Keimzelle der ersten Christenheit zum „sozialen“ Handeln, wenn er über den Unmut berichtet, der unter den ersten Christen über die Benachteiligung bestimmter Gruppen in einer schnell wachsenden Gemeinschaft aufkam. Die Antwort war kein sektenhaftes Heraustreten aus der Welt und sicher keine Revolution, sondern etwas im besten Wortsinne Pragmatisches: die Benennung von Verantwortlichen für sozialen Hilfen (Apg. 6, 1-7).

Geistliche Gemeinschaft

Das Beispiel der allerersten Christengemeinde hat unter gläubigen Menschen immer einen großen Reiz als mögliches Vorbild gehabt. Die Kirchengeschichte ist voll von Versuchen, dieses Modell irgendwie nachzuahmen oder wiederherzustellen. Die guten und gelungenen darunter sind allerdings nicht Wirtschafts- oder Gesellschaftsmodelle, sondern geistliche Gemeinschaften.

Bekannte Beispiele sind zum Beispiel die sog. „Bettelorden“ des Hochmittelalters, in deren Armutsideal eine ähnliche Loslösung vom Materiellen gelebt wurde, wie in der urchristlichen Gemeinde. Das Modell des Gemeineigentums, oder, richtiger gesagt: der Gütergemeinschaft, findet sich – mit und ohne Armutsverpflichtung – auch in anderen geistlichen Gemeinschaften bis zum heutigen Tag.

Wer also im Ernst an einem christlichen Modell bedürfnislosen Lebens, der Gütergemeinschaft und der konsequenten Lösung vom Materiellen interessiert ist, dem sei das Leben in einem katholischen Orden oder einer ähnlichen geistlichen Gemeinschaft empfohlen. Mit Sozialismus und Kommunismus hat das so wenig zu tun wie die Heilsarmee mit der Roten Armee.

 

 

Bildquelle:

  • Brot_teilen: adobe.stock/raeli

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