Wie können wir nach dem verpatzten Craig-Abschied sicher sein, dass Bonds Martini auch in Zukunft geschüttelt und nicht gerührt wird?

Typischer "Move" von James Bond

von KLAUS KELLE

LONDON – In den Büros von Eon Productions in London wird geradezu fieberhaft an der Zukunft einer globalen Ikone gefeilt. Seit Daniel Craigs emotionalem und in den Augen vieler langjähriger Fans groteskem Abschied in „Keine Zeit zu sterben“ klafft ein Vakuum im Geheimdienst Ihrer Majestät. Denn die ewige Frage nach dem „Wer“ ist nun untrennbar mit dem „Was“ verbunden. In welchem Szenario, in welcher Welt muss (und kann) der neue James Bond eigentlich glaubhaft unterwegs sein?

Während die 90er-Jahre Bond sogar als „Relikt des Kalten Krieges“ belächelten, ist die Realität des Jahres 2026 von einer Rückkehr zur harten Realität geprägt. Der neue Bond kann kein nostalgischer Rückblick sein, aber auch kein Mittelpunkt von Szenarien der Pussy- und Gendergeneration mehr, wie es zuletzt zum Ärger vieler Fans wie auch mir anklang.

Zumal wir in Zeiten leben, wo sich der Kalte Krieg nicht nur nicht überlebt hat, sondern fröhliche Urständer mit einem heißen Krieg in der Ukraine und hybriden Angriffen Russlands gegen Deutschland und Europa feiert.
Phantasieszenarien wie isolierte Terrorfürsten oder größenwahnsinnige Milliardäre, die vom Weltraum aus die Erde bedrohen, waren damals schon absurd, sind jetzt aber definitiv nicht mehr zeitgemäß. Es war Daniel Craig zu verdanken, der mit „Casino Royale“ wieder den Weg zurück zu der harten Vorlage der Romane von Ian Fleming einschlug. Bis zu dem Gaga-Ende im letzten Film von ihm.

Wenn Barbara Broccoli und Michael G. Wilson jetzt davon reden, sie planten, die Rolle „neu zu erfinden“, dann müssen sie auf eine Welt reagieren, in der die Grenzen zwischen Frieden und Krieg längst verschwommen sind.
Ein 007-Agent mit der Lizenz zum Töten muss in dieser Zeit gleichermaßen mit der Walther PPK umgehen können als auch mit der Abwehr von Desinformationskampagnen, die Demokratien von innen heraus destabilisieren. Ich bin sicher: Der nächste Herausforderer wird keine fiktive Organisation wie SPECTRE sein, sondern ein Schattenkonstrukt, das im Auftrag einer Großmacht agiert – ein Spiegelbild der aktuellen Spannungen zwischen Ost und West. Aber ganz sicher keine „Liebesgrüße aus Moskau“ wie 1964. In Putins Russland ist keine Liebe mehr.

Warum nun „Jung“ das neue „Erfahren“ werden muss

Die Entscheidung der Produzenten, einen jungen Darsteller in den frühen Dreißigern zu finden, ist kein Jugendwahn, sondern eine erzählerische Notwendigkeit.

Ein Bond, der im „neuen Kalten Krieg“ sozialisiert wurde, ist ein „Digital Native“. Er versteht die Algorithmen der Macht besser als seine Vorgänger. Ein jüngerer Bond erlaubt es zudem, seine Geschichte über ein ganzes Jahrzehnt zu erzählen, physisch noch belastbarer als jemals vorher. Wie der junge Tom Cruise vielleicht: In einer Welt von Drohnenschwärmen und Künstlicher Intelligenz nur noch so etwas wie der Sand im Getriebe der digitalen Kriegsführung.

Und damit kommen wir zur entscheidenden Frage: Wer?

Wer bringt das nötige Charisma und die physische Präsenz mit, um das Erbe von Connery, Moore, Brosnan und Craig antreten zu können?

Drei Namen werden derzeit hoch gehandelt:

Aaron Taylor-Johnson (33): Er gilt als der Spitzenreiter der Kandidaten. In Filmen wie „Bullet Train“ hat er bewiesen, dass er Action und Eleganz meistert. Er ist jung genug für einen Zehn-Jahres-Vertrag.
James Norton (38): Er verkörpert den klassischen britischen Gentleman-Typus, hat aber in „Happy Valley“ eine dunkle, physische Intensität gezeigt. Er wäre die sicherere, traditionellere Wahl für ein Publikum, das sich nach Beständigkeit sehnt.
Damson Idris (32): Er wäre ein mutiges Statement. Als Star von „Snowfall“ bringt er eine enorme Bildschirmpräsenz mit. Er könnte einen Bond darstellen, der die moderne Vielfalt des heutigen Großbritanniens repräsentiert, ohne die Wurzeln der Figur zu verraten.
Da nicht einmal das Drehbuch vollständig geschrieben ist, dürfte der neue Bond nicht vor Ende 2028 starten, denn gedreht werden muss ja auch noch. Der Bond der Zukunft wird uns zeigen, wie man in der Welt der permanenten Unsicherheit, des Cyberkriegs und der globalen Instabilität Haltung bewahrt. Und ganz ehrlich, ich freue mich drauf, ob der Martini auch in Zukunft geschüttelt und nicht gerührt bleibt.

Bildquelle:

  • James Bond Outfit: adobe-stock

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.