Wie Sandkünstlerin Anna Telbukh in der Corona-Krise überlebt

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von NINA GOLL

HAMBURG – Anna Telbukh ist eine attraktive, junge Frau, Anfang 30. Ihre Worte wählt sie mit Bedacht, man spürt an jeder Stelle, dass sie sich umfassend Gedanken macht. Natürlich zuerst über die Zukunft ihre Arbeit als Sandkünstlerin, aber auch über die Situation in unserem Land, in dem sie seit 2016 lebt.

Knapp 100 Auftritte hatte die gebürtige Ukrainerin im Jahr mit ihrer noch kaum bekannten Kunst. Sie füllte Hallen in Nürnberg und Münster und Hamburg und erzählte mit ihren Sandgemälden Geschichten über die Städte, in denen sie gastierte. Für Auftritte in Hamburg zum Beispiel hatte sie ausführlich zur Lebensgeschichte des hanseatischen Urgesteins und ehemaligen Kanzlers Helmut Schmidt recherchiert. Sie erzählt, dass sie zig Videos und Unterlagen gesichtet hat, um neben dem Politiker auch den Menschen darzustellen. Anschaulich schildert sie, wie sie allein mit Sand und untermalt von Musik und zum Teil Tonaufnahmen Stationen aus Schmidts Leben darstellte. Sie machte sich Gedanken, was und wie sie am besten die Story vorantreibt und übte auf einem speziellen Glastisch dafür immer und immer wieder in ihrem Haus in Hamburg. Man spürt ihre Hingabe, wenn sie erzählt, dass die Nürnberger ihre Sandgeschichte aufmerksam verfolgten und dabei doch die historischen Eckdaten und die Details rund um den berühmten Christkind`l – Markt ihrer Stadt detailliert kannten. Anna Telbukh lebte für ihre Kunst und sie genoß den verdienten Applaus der Zuschauer.

Bis die Corona–Maßnahmen der Bundesregierung das kulturelle Leben völlig zum Erliegen brachte. Und damit auch das berufliche Leben von Anna Telbukh. Seit mehr als 14 Monaten hatte die Künstlerin keinen einzigen Auftritt mehr. Sie selbst empfindet das als Berufsverbot. Staatliche Hilfen kommen nicht in Frage, da Bürokratie auf der einen Seite und wahrscheinliche Rückzahlung von Hilfsgeldern auf der anderen Seite die Kalkulation schwer machen. Zumal für sie wie für viele anderen Künstler gilt, dass man nicht absehen kann, wie und wann ein normaler Betrieb der Theater und Veranstaltungshallen wieder aufgenommen werden kann. Oder gar durch einen erneuten Lockdown erneut komplett geschlossen werden. Telbukh ist dabei nicht pessimistisch, sondern eher realistisch. Beklagt sie doch zu Recht, dass die Politik sehr wohl Ausnahmen für Sportveranstaltungen wie Fußballspiele insbesondere der Bundesliga ermöglicht hat. Die Kunst hat in unserem Land aber leider nur einen untergeordneten Stellenwert. Weswegen trotz sorgsamer Hygiene–Konzepte vieler Häuser im Lockdown von November 2020 bis Mai 2021 keine einzige Veranstaltung stattfand.

Wie ihr ergeht es derzeit vielen Künstlern in Deutschland. Sie selbst ist mit vielen in Kontakt, die ebenso wie sie eher schlecht als recht über die Runden kommen. Erinnert man sich an die mediale Kampagne, welche gegen die mutigen Schauspieler gelaufen ist, die in den Videos rund um Tukur und Liefers im März dieses Jahres die teils widersprüchlichen oder schlicht nicht nachvollziehbaren Maßnahmen im Rahmen der Corona – Maßnahmen der Bundesregierung kritisierten, versteht man die Hoffnungslosigkeit von Anna Telbukh. Kunst hat in unserem Lande derzeit keine Lobby. Telbukh steht stellvertretend für Schicksale in unserem Land, die von der Öffentlichkeit und von der Politik kaum beachtet werden. Mittlerweile versucht die Sandkünstlerin, mit Kunstunterricht für Kinder und Videos für Hochzeits- und Geburtstagsfeiern über die Runden zu kommen. Viele ihrer Kollegen haben Beruf und Berufung an den Nagel gehängt, um irgendwo unterzukommen und so den Lebensunterhalt zu sichern.

Ihre Situation dürfte typisch sein für eine Branche, die im Land der Dichter und Denker dem Gesundheitsschutz geopfert wird. Wer wird nach der Corona–Krise die Lücke füllen, die dadurch entsteht?

Bildquelle:

  • Sandkünstlerin_Anna: thegermanz
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