Wir bewegen uns auf eine Katastrophe zu, und im Internet posten sie Ulk-Smilyes

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Liebe Leserinnen und Leser,

der Krieg, den Russland in der Ukraine völkerrechtswidrig begonnen hat, wird immer mehr zu einem Konflikt zwischen Russland und dem gesamten Westen, ja großen Teilen der Welt, wenn Sie sich die Abstimmung in der UN-Vollversammlung aus der vergangenen Woche anschauen. In diesem Konflikt stellt sich die Frage nicht mehr, wer gut und wer böse ist. Wladimir Putin selbst hat diese Frage mit seinem vollkommen unsinnigen Krieg beantwortet.

Dabei hat er offenkundig eine Reihe von Fehleinschätzungen als Grundlage seiner Entscheidung zum Angriff zugrunde gelegt.

Denn die Ukrainer sind eben nicht ein schwaches Volk, das nur darauf wartet, von der Russischen Föderation heim ins Reich geholt zu werden. Die Leute, die da am Straßenrand stehen, wenn russische Panzer heranrollen, haben keine weiß-blau-roten Fähnchen in den Händen, sondern Gewehre und Panzerfäuste. Und keine Spur von erlahmendem Widerstand. Selbst wenn – was nach wie vor wahrscheinlich ist – russische Truppen diesen Waffengang „gewinnen“: Herr Putin und seine Entourage werden keine Freude an ihrer „Beute“ haben.

Putin hat auch die Fähigkeit und Bereitschaft Europas und der USA unterschätzt, massiv und schnell zu reagieren auf diesen Krieg. Deutschland mit neuer Peacenick-Regierung, Frankreich vor der Präsidentenwahl…aber es läuft offenbar rund. Russland liefert kein Gas mehr? Na und? Der Winter ist vorbei, die Vorbereitungen überall in Europa laufen auf Hochtouren, sich von Energielieferungen aus Russland abzukapseln. Das treibt schon jetzt die Preise unerträglich in die Höhe, aber im Wirtschaftsministerium von Herrn Habeck überlegen sie konkret, wie sie durch staatliche Eingriffe und Steuersenkungen die Energiepreise wieder gedrückt bekommen. Und die Versorgungssicherheit auch für Deutschland ist für dieses Jahr sowieso garantiert. Was im Winter wird? Das sehen wir, da gibt es viele Prognosen, mal schauen, was bis dahin alles passiert.

Wir brauchen preiswertes russisches Gas, Öl und Getreide – Russland braucht echtes Geld. Eigentlich ist die globale Wirtschaft eine gute Sache, und klar wäre es schön, mit der Russischen Föderation wieder Geschäfte machen zu können. Aber eben nur, wenn alle Beteiligten die Regeln einhalten. Und dazu ist Putin offenbar nicht bereit. Seine spürbar leiser werdenden Claquere in Deutschland aus dem SED- und AfD-Milieu halten sich an den täglichen Meldungen der „Heeresgruppe Ost“ fest, wie ich die angeblich großen Erfolgsmeldungen über die angeblich gewaltigen Landgewinne russischer Truppen zynisch nenne, weil sie an die täglichen Nazi-Erfolgsmeldungen per Volksempfänger im Zweiten Weltkrieg erinnern. Hier mal eine Kleinstadt besetzt, da ein Dorf mit Panzern beschossen, dazwischen freies Land mit Panzern durchfahren ohne Kampfhandlungen – sieht aber toll aus auf den bunten Bildchen mit den roten Pfeilen überall über Landgewinne und den russischen Vormarsch.

Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen, die Ukrainer lügen und die Russen lügen auch. Im Krieg lügen immer alle direkt Beteiligten. Wenn ich sehe, wie tapfer sich Kiew verteidigt gegen tägliche russische Angriffe auch auf zivile Ziele, wenn ich Fotos von ausgebrannten russischen Fahrzeugkolonnen sehe, dann kommt mir nicht in den Sinn, das hier ein Feldzug generalstabsmäßig nach Plan verläuft. Und ich empfinde auch keine Freude darüber, wie die großkotzigen Verbreiter der „Heeresgruppe-Ost“-Erfolgsmeldungen in den Netzwerken. Mir tun die Leute leid, die in den umkämpften Gebieten ausharren und hoffentlich ihre Frauen und Kinder rausbringen konnten. Und mir tun die jungen Soldaten auf beiden Seiten leid, die in einen Krieg geschickt wurden, für den sie nichts können. Der ukrainische Geheimdienst hat gestern abgehörte Funksprüche aus russischen Panzern veröffentlicht, von denen einige Soldaten weinten in ihren rollenden Stahlkolossen. Auch das habe ich nicht selbst abgehört natürlich, auch das schreibe ich mit aller gebotenen Vorsicht hier.

Aber es erinnert mich an den ersten Irak-Krieg zur Befreiung Kuwaits, völkerrechtlich absolut geboten, von einer internationalen Koalition aus 36 Staaten geführt gegen den Aggressor Irak. Ich arbeitete damals für einen Berliner Radiosender und war verantwortlich für die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung aus diesem Krieg. Damals gab es bedrückende Ton-Dokumente, die wir veröffentlichten von Menschen, die mit Gasmasken über dem Kopf in Jerusalem saßen und auf Raketeneinschläge mit Giftgas warteten. Das werde ich nie vergessen, ebenso einen abgehörten Funkspruch aus einem irakischen Bunker – wohl sichere Quelle – und kein Wort zu verstehen, was da geschrien wurde. Die jungen Soldaten saßen da und wurden seit vier Tagen ununterbrochen von der US-Luftwaffe bombardiert. Rund um die Uhr Todesangst, und man hörte es an ihrem Schreien und Weinen, ohne ein Wort zu verstehen. Wahrscheinlich flehten sie ihren Gott an, dass es ein Ende haben möge. Oder sie riefen in Todesangst nach ihrer Mutter.

Was da gerade in der Ukraine passiert, ist nichts für dümmliche Smilyes und angebliche Erfolgsmeldungen der „Heeresgruppe-Ost“. Es zeigt nur die Gefühlskälte und Dummheit der Leute, die das Leid anderer Menschen und deren Todesangst für ein lustiges Spiel halten, das da gerade passiert. Und das ist es ganz und gar nicht.

Am Abend kam die Meldung, dass Polen seine Mig-29-Kampfjets den USA überlassen wird zur freien Verwendung sozusagen, weil Polen direkt nicht in den Ukraine-Krieg eingreifen kann und will. Die Amerikaner könnten das, aber dann bestünde die jetzt schon wachsende Gefahr eines wirklich großen Krieges, an dessen Ende niemand, wirklich niemand gewinnen wird. Und ganz sicher nicht Herr Putin. Wir stehen alle am Abgrund und reden über Fußball, Maskenpflicht und die Preise für Diesel an der Tanke. Wir sollten darüber sprechen, wie die Spirale der Gewalt gestoppt werden kann.

Die Flugzeit einer russischen Mittelstreckenrakete bis zum deutschen Staatsgebiet soll knapp 20 Minuten betragen, wurde mir jüngst erklärt. Und für all die Putin-Fans, die meinen, man könnte 1989 nochmal im Nachhinein drehen und Russland sei doch sowieso ganz toll: Wenn russische Raketen bis Düsseldorf 20 Minuten fliegen, dann sind sie in 16 Minuten auch in Leipzig und Dresden.

Es muss aufhören. Alles. Und zwar schnell.

Mit besorgten Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.