MÜNCHEN/TALLINN – Auf der Münchner Sicherheitskonferenz gibt sich die NATO geschlossen und allen denkbaren Gegnern unserer Zeit überlegen. Vor allem die finnische Außenministerin Elina Valtonen fand heute deutliche Worte in Richtung Moskau. Die schiere industrielle und technologische Übermacht des Westens reiche aus, um jede Aggression Russlands im Keim zu ersticken – vorausgesetzt, der politische Wille zur Führung ist da. In einem vielbeachteten Statement stellte sie klar: „Russland ist der NATO völlig unterlegen!“
Doch während – wie am Vortag auch von NATO-Generalsekretär Mark Rutte – rhetorisch geglänzt wird, zeigt sich fast zeitgleich bei einem Manöver in den Wäldern Estlands eine andere, beunruhigende Wahrheit: Die NATO kämpft immer noch mit alten Methoden gegen die neue Art des Krieges.
Beim Großmanöver „Hedgehog“ in Estland kam es nämlich zu einem Szenario, das die anwesenden NATO-Generäle geradezu fassungslos zurückließ.
Eine Gruppe von gerade einmal zehn ukrainischen Soldaten, unterstützt von estnischen Experten für Drohneneinsätze, trat als fiktiver Gegner („Red Cell“) gegen zwei reguläre NATO-Verbände an. Das Ergebnis war eine simulierte Vernichtung der Bündnissoldaten innerhalb weniger Stunden. Was die Ukrainer vorführten, war ein Lehrbeispiel dafür, wie moderne Kriegsführung erfolgreich sein kann.
Die Ukrainer nutzten das KI-gestützte Führungssystem „Delta“ in Kombination mit 30 billigen FPV- und Aufklärungsdrohnen. Damit schalteten sie 17 gepanzerte Fahrzeuge aus und neutralisierten die beiden starken NATO-Verbände (darunter eine britische Brigade und eine estnische Division).
Die NATO-Soldaten agierten dabei, als hätten sie in einem Lehrbuch aus den 90er Jahren gelesen. Sie parkten ihre Fahrzeuge offen auf Lichtungen, tarnten ihre Zelte nicht ausreichend und bündelten Signale, die für die ukrainischen Drohnen wie ein Leuchtfeuer wirkten. Ein Kommandeur fasste das Desaster später in einem internen Bericht drastisch zusammen: „Wir sind am Arsch. Wir haben gegen eine Handvoll Leute verloren, weil wir dachten, wir führen einen Krieg von gestern.“
Manöver ist Manöver, aber nach den Erkenntnissen dieser Übung stellt sich die Frage, ob es für die NATO nicht gut wäre, die kampferprobte ukrainische Armee bald in ihren Reihen zu haben. Und ganz dringend natürlich: Sind die Soldaten der NATO überhaupt schon in einem „Gefechtsmodus“? Während ukrainische Soldaten seit vier Jahren in einem hochintensiven Abnutzungskrieg gelernt haben, dass jede Sekunde Unachtsamkeit den Tod bedeuten kann, agieren NATO-Truppen oft so gemütlich und unachtsam, wie es jahrzehntelang der Fall gewesen ist.
Für die NATO-Verbände sind hohe logistische Standards wichtig, feste Gefechtsstände und geregelte Abläufe. Die Ukrainer hingegen improvisieren; sie operieren dezentral, hochflexibel und ohne Rücksicht auf klassische Hierarchien. Die NATO verlässt sich auf teure High-Tech-Systeme, die im Ernstfall durch billige Massendrohnen, wie sie die Ukrainer einsetzen, schlicht überrannt werden.
Elina Valtonen hat recht, wenn sie sagt, dass die NATO Russland auf dem passiv deutlich überlegen ist. Doch die Ukraine-Einheit in Estland hat gezeigt, dass Masse und theoretische Überlegenheit nichts nützen, wenn die Taktik veraltet ist. Die NATO kann viel von der Ukraine lernen.
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