100. Geburtstag der Herbertstraße: An der „Fleischtheke“ in Hamburg

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Liebe Leserinnen und Leser,

ich weiß nicht, ob man es als Zeichen einer hohen Zivilisation oder als altrömische Dekadenz werten soll, aber die Herbertstraße in Hamburg feierte gestern ihren 100. „Geburtstag“, und weil wir in Deutschland sind, auch gleich mit einem „Tag der offenen Tür“. Allen Ernstes.

Also, wer mit dieser Straße nichts anfangen kann, in der Herbertstraße werden leichtbekleidete Frauen in Schaufenstern ausgestellt, die man sich stundenweise mieten kann, um gegen Geld Geschlechtsverkehr zu haben, oder haben zu lassen oder wie immer wir hochzivilisierten Bewohner der bunten Republik Deutschland das nennen. Alle Worte, die mir spontan einfallen, kann ich nicht schreiben, aber manche von Ihnen wissen, was ich meine. Jedenfalls müssen Sie sich das so ähnlich vorstellen, wie die Fleischtheke im Supermarkt.

Der „Geburtstag“ einer Einkaufszone für Prostituierte ist für die Stadt Hamburg Grund genug, ein Fest auszurufen und zum Tag der offenen Tür einzuladen. Und Johanna Weber, allen Ernstes die politische Sprecherin des Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen, verkündet, dass allein in der Herbertstraße etwa 250 Dirnen arbeiten. Und sie freut sich, dass „die Sexarbeit“ in der Hamburger Herbertstraße „gesellschaftlich anerkannt“ wird. Ist das nicht schön?

Bei der lustigen Feier gestern wurden Führungen zur Geschichte der Herbertstraße, Bordellführungen, Kunstausstellungen und Live-Musik geboten. Die Deutsche Presse-Agentur meldet, dass reger Verkehr…also Andrang geherrscht habe, auch von Frauen, die mal gucken wollten, wo ihre Männer nach der Arbeit immer gern voreischauen.

Bitte sehen Sie mir den Zynismus nach!

Ich weiß, dass nicht jede Frau – oder auch Mann – zur Prostitution gezwungen wird. Dass nicht alle von ihren Zuhältern grün und blau geprügelt werden, ja, dass viele gar keinen Zuhälter haben. Oder der Zuhälter der eigene Ehemann ist, weil ja noch so viel abzuzahlen ist für das Haus. Oder weil – wie mir letztens ein Puffgänger erzählte, der ungeniert bekannte, dass er nach einer hässlichen und teuren Scheidung die Nase voll habe von der heiligen Institution Ehe.

Ich bin nun wirklich ein großer Freund dieser Institution, wie Sie wissen, aber ich verstehe dennoch, was er mir sagen wollte. O-Ton: „Diese Frauen sehen das als einen Job, in dem sie viel Geld verdienen. Ein bisschen Hoppe-Hoppe-Reiter ist doch besser als für wenig Geld an der Supermarkt-Kasse…“ Ich lasse diesen Satz hier einfach mal unkommentiert im Raume stehen…

Ich kann so nicht denken, und ich will auch so nicht denken. Und dennoch ist das – 5 Euro ins Phrasenschwein – älteste Gewerbe der Welt nicht auszulöschen, nicht zu verbieten nicht durch Appelle wegzubekommen. Sexualität ist im Leben fast aller Menschen etwas ungemein Wichtiges. Lesen Sie bei Sigmund Freud nach, der den Sexus als eine der wichtigsten Triebfedern im menschlichen Dasein beschrieb. Und was folgt daraus für diejenigen – vorwiegend zweifellos Männer -, die subjektiv meinen, zu wenig Sex zu haben?

Oder nehmen Sie das Thema „Sexualassistenz“, auf das ich das erste Mal stieß, als ich irgendwo einen Bericht darüber las, dass da Behinderte irgendwo in einem Pflegeheim in Deutschland auf Kosten der Stadtverwaltung – sprich der Steuerzahler – zweimal im Monat eine Prostituierte bestellen dürfen. Was mich spontan empörte. Ich teilte das Thema am Telefon mit einer langjährigen Freundin, die seit vielen Jahren sozial engagiert in der Behindertenarbeit ist. „Was sollen die denn machen?“, lautete ihre lapidare Antwort.

Es gibt so viele Aspekte beim Thema Prostitution, viel zu viele, um sie hier in einer Frühkolumne alle zu behandeln. Aber es gibt, wie bei den meisten Themen, keine einfachen Lösungen bei bezahlten „sexuellen Dienstleistungen“. Ich bin gegen ein Verbot der Prostitution, ganz einfach, weil man sie nicht verbieten kann. Wenn die „Gewerblichen“ registriert sind, wenn sich das Gesundheitsamt um sie kümmert und die Polizei darauf achtet, dass die „Sexarbeiterinnen“ nicht von irgendwelchen Rockergangs oder Clans mit anderem kulturellen Hintergrund oder von Menschenhändlern drangsaliert werden, dann ist natürlich nicht alles gut, aber wahrscheinlich ein akzeptabler Zustand hergestellt. Moralisch nicht, um das nochmal klarzustellen.

Am besten wäre es natürlich, es ginge niemand zu Prostituierten. Oder es gäbe gar keine Angebote, Sex gegen Geld zu tauschen. Aber bleiben wir in der Welt, wie sie nun einmal leider ist.

Bevor Sie mir nachher schreiben und mich fragen, wie es denn eigentlich mit mir so ist, wo doch jeder wisse, dass alle Männer „schon mal im Puff waren“ und sich nur nicht trauen, das zuzugeben.

Deshalb hier für Sie, die klugen Leser unserer ungewöhnlichen Tageszeitung exklusiv das ehrliche Bekenntnis: Ja, ich war schon einmal im Bordell. In Berlin am üblen Stuttgarter Platz, spät am Samstagabend. Allerdings zusammen mit 150 Polizisten, die eine Razzia in sechs der Läden veranstalteten. Ein Puffbesuch, der mir gefallen hat. Weil danach waren die Läden erstmal eine Zeit lang dicht für den Berufsverkehr.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.