von KLAUS KELLE
DRESDN – Jedes Jahr am 13. Februar versammeln sich Tausende Dresdner in ihrer Innenstadt, um sich Hand in Hand zu einer Menschenkette zu formieren, die an das schmerzhafteste Ereignis der Stadtgeschichte erinnert: ein stiller, aber kraftvoller Protest gegen Krieg und Gewalt. Wenn dann am Abend um 21:45 Uhr – dem Zeitpunkt des ersten Alarms vor 81 Jahren – die Kirchenglocken der Stadt zu läuten beginnen, hält ganz Dresden den Atem an.
Denn es war der 13. Februar 1945, ein Faschingsdienstag, als das Inferno begann, als Bomber der Royal Air Force (RAF) erst Markierungsbomben und dann eine tödliche Mischung aus Spreng- und Brandbomben über Dresden abwarfen. Die Sprengbomben deckten die Dächer ab und zertrümmerten Fenster, damit die anschließend abgeworfenen Stabbrandbomben in die freigelegten Dachstühle und Treppenhäuser fallen konnten. Die Folge war apokalyptisch: Die enorme Hitze sog den Sauerstoff aus der Umgebung und riss Orkanböen in die brennenden Straßenzüge, die alles und jeden in eine wahre Feuerhölle zogen.
Am nächsten Tag und dann nochmals am 15. Februar folgten Angriffe der amerikanischen Luftwaffe. Als der Rauch sich verzog, war eines der schönsten Barockensembles Europas nur noch eine rauchende Trümmerwüste.
Unter den Schuttbergen und in den Kellern lagen die Toten. Eine Historikerkommission stellte 2010 nach jahrelanger Forschung fest: Ungefähr 25.000 Menschen verloren damals ihr Leben.
Dass Dresden überhaupt noch angegriffen wurde, lag an seiner Funktion als militärischer Eisenbahnknotenpunkt und Industriestandort. Doch die Intensität des Angriffs auf das zivile Zentrum bleibt ein düsteres Kapitel unserer Geschichte. Unter den Opfern waren natürlich viele Dresdner, aber auch zehntausende Flüchtlinge aus dem Osten, die in der Stadt Schutz gesucht hatten.
Beschämend: Kurz nach den Angriffen begann die NS-Propaganda unter Joseph Goebbels, die Opferzahlen massiv hochzurechnen. Die „unschuldige Kulturstadt“ sei von den Alliierten zu einem großen Grabfeld mit 200.000 Toten gemacht worden, hieß es. Ein Mythos, der heute noch in rechtsnationalen Kreisen gepflegt wird, der aber keiner wissenschaftlichen Untersuchung standhält.
Und vergessen wird dann auch, dass „sowas von sowas kommt“
Deutsche Bomber entfachten einen ähnlichen Feuersturm über London – im Englischen meist als „The Blitz“ bezeichnet – ab dem 7. September 1940. Das deutsche Inferno dauerte bis zum Mai des Folgejahres und forderte in Großbritannien über 43.000 zivile Opfer.
Es geht mir überhaupt nicht ums Aufrechnen; auch die amerikanischen Atomangriffe aus Hiroshima und Nagasaki gehören in diesem Zusammenhang genannt. Oder die amerikanischen Bombardements auf Hanoi im Dezember 1972 während des Vietnamkriegs.
Wenn ein Krieg erst einmal begonnen hat, dann gibt es meistens keine Grenzen mehr. Nicht der vermeintliche Gegner ist der Feind, sondern der Krieg selbst ist seinem Wesen nach der Feind der Menschlichkeit – der Feind von uns allen, die wir bei Verstand sind.
Bildquelle:
- Zerstörtes_Dresden_1945: bpb
