von KLAUS KELLE
OSLO/BRÜSSEL – In den eisigen Weiten Nordnorwegens, wo die Quecksilbersäule jtzt locker auf lebensfeindliche -30 Grad Celsius sinkt, übten in den vergangenen Tagen 25.000 Soldaten aus 14 NATO-Mitgliedsländern die Verteidigung der Nordflanke des Bündnisses. 1.600 Soldaten der Bundeswehr waren dabei, und es ist an der Zeit, einen Tag vor Ende des Großmanövers „Cold Response“ eine erste Bilanz zu ziehen.
Denn diese Tage sind nicht nur ein Gradmesser dafür, welche militärische Leistungsfähigkeit das westliche Bündnis im Kriegsfall unter widrigen Umständen wirklich hat. Es fällt auch in eine Zeit, in der US-Präsident Donald Trump zum wiederholten Male die weitere Teilhabe der Vereinigten Staaten am Bündnis offen infrage stellt. Aktueller Grund ist die Ablehnung der meisten großen NATO-Länder, sich militärisch an Trumps Angriff auf den Iran aktiv zu beteiligen und die Straße von Hormus zu sichern. „Wir verteidigen Europa und helfen der Ukraine, Amerikaner und Israelis sind für den Job im Nahen Osten zuständig“ – auf diesen Standpunkt stellen sich der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), aber auch die Regierungschefs Starmer, Macron und Tusk, was das Weiße Haus offenbar als einen Affront der Europäer empfindet.
Ist die NATO bereit und fähig, das europäische Bündnisgebiet effektiv zu verteidigen, auch wenn die Amerikaner grummeln?
Eine spannende Frage. Zumindest belegt „Cold Response“, wie kraftvoll Mensch und Technik auch bei hohen Minustemperaturen zu funktionieren scheinen.
Jahrzehntelang galt die Arktis als eine Zone der internationalen Kooperation. Mit Russlands Aggression gegen die Ukraine und seiner zunehmenden Militarisierung des Nordpolarmeeres ist die NATO-Nordflanke plötzlich zu einem strategischen Brennpunkt geworden. Jetzt gilt es, sich selbst zu vergewissern und dem potenziellen Gegner zu zeigen, was Europa auch allein draufhat.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Amerikaner mit einem starken Kontingent von 4.000 Soldaten im arktischen Eis dises Mal noch dabei waren, darunter rund 3.000 Marineinfanteristen (Marines) der II. Marine Expeditionary Force aus North Carolina. Auch da zeigt sich, wie verzahnt das Bündnis inzwischen ist – konkret bei der Logistik. Erstmals wurden US-Marines durch eine deutsch-französische Lufttransportstaffel direkt nach Finnland verlegt, obwohl sie die Fähigkeiten dazu auch alleine hätten. Aber Washington verlangt zu Recht, dass wir Europäer selbst viel stärker in die Verantwortung gehen.
„Cold Response“ zeigt, dass das Bündnis nicht nur auf dem Papier existiert, sondern fähig ist, in einem Gelände zu operieren, in dem taktische Fehler oftmals harte Konsequenzen haben.
25.000 Soldaten aus 14 Nationen bei eisiger Kälte über Wochen in einer Region zu versorgen, in der Straßen oft nur vereiste Pfade sind, ist eine ultimative Herausforderung für die Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte.
Im multinationalen NATO-Aufgebot spielten die 1.600 deutschen Soldaten dabei eine Schlüsselrolle, die manche Beobachter wirklich überraschte. Die Gebirgsjägerbrigade 23 bewies, dass die Bundeswehr nicht nur schmückendes Beiwerk war, sondern mit gut ausgebildeten Kräften bei offensiven Operationen Mitte März mehrfach die Speerspitze bildete. Während andere Nationen mit der Technik kämpften, zeigten die deutschen Gebirgsjäger, dass ihre Ausbildung am Berg ihnen einen entscheidenden Vorteil verschafft. Die neue persönliche Schutzausrüstung hielt stand, die Moral war trotz der Entbehrungen spürbar hoch.
Probleme meldeten in Norwegen lediglich die Transportpanzer „Fuchs“ der Bundeswehr, die als Radpanzer manche Schwierigkeiten hatten und von Bergepanzern eingesammelt werden mussten. Ein finnischer Major zollte den deutschen Soldaten aber gegenüber norwegischen Medien hohen Respekt: „Die Deutschen haben schnell gelernt. Am Anfang war die Kälte ein Schock für ihr Material, aber ihre Taktik ist exzellent. Mit Schweden und Finnland als vollen Mitgliedern ist die NATO im Norden jetzt eine Einheit, die autark operieren kann.“
Das bringt uns zum „skandinavischen Kraftpaket“
Die Vollintegration von Finnland und Schweden in die NATO ist für das Bündnis ein großer Gwinn, wie man in diesem Manöver beobachten konnte.
Finnland bringt eine Armee mit, die seit dem Zweiten Weltkrieg konsequent auf den Abwehrkampf gegen einen materiell überlegenen Aggressor im Osten trainiert wurde. Die Finnen kennen den Winter nicht nur, sie beherrschen ihn. Schweden fungiert zur Ergänzung als logistische Drehscheibe und maritime Festung an der Ostsee. Durch den Beitritt der beiden Länder ist die Ostsee faktisch unter NATO-Kontrolle. Das Know-how in der arktischen Kriegsführung ist durch Finnland und Schweden zu einer Art Versicherungspolice für den Rest des Bündnisses geworden.
Bleibt die Frage: Was, wenn die USA sich wirklich aus Europa zurückziehen?
Das bisweilen disruptive Vorgehen Washingtons zwingt die Europäer zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme. „Cold Response 26“ war deshalb vielleicht auch so etwas wie ein Testlauf für uns in Europa. Wie stark und verteidigungsfähig sind wir, wenn die USA nicht mehr mitmachen?
Und da gibt es jetzt gute Nachrichten. Wenn auch noch nicht alles perfekt war und die Amerikaner noch dabei sind: Das Manöver hat gezeigt, dass die europäischen NATO-Staaten im Verbund mit Großbritannien, Norwegen und den neuen Partnern Schweden und Finnland eine ernstzunehmende und starke Verteidigungsarchitektur gschaffen haben. Die Europäer können die Nordflanke aus eigener Kraft sichern, wenn – das ist leider immer noch die große Unsicherhit – der politische Wille in den Mitgliedsstaaten vorhanden ist und die Bereitschaft zu hohen finanziellen Investitionen in das Material wächst.
Bildquelle:
- Bundeswehr_Cold_Response_2026: bundeswehr
