Was ist eigentlich Kunst?

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist eigentlich Kunst? Die Frage stellt sich im Alltag vieler Menschen, die ihre Miete nicht bezahlen können oder das Auftanken ihres Autos, überhaupt nicht. Die haben andere Sorgen. Und jeder meiner Leser hier könnte ohne zu zögern 20 weitere Themen aufzählen, die ihm oder ihr Sorgen bereiten im besten Deutschland aller Zeiten.

Aber dennoch sind Kunst und Kultur wichtig für eine Gesellschaft und dann wieder doch für die Menschen, die in dieser leben.

Ich zum Beispiel sehe den Kulturbetrieb in Deutschland, aber auch in anderen Ländern der westlichen Welt kritisch, weil die Kulturszene nicht mehr wirklich frei ist, sondern als Volkserziehungswerkzeug genutzt und mit horrendem Staatsgeld aus unserem Steuertopf finanziert wird.

Als ich vor 40 Jahren das erste Mal in Amerika war, wurde ich mit einem ganz anderen Denken konfrontiert.

Ein Freund erzählte mir, dass es dort eine staatliche Subventionierung etwa von Theatersitzen nicht gibt. „Was nix kostet, is‘ auch nix“, würde der Kölner in seiner unnachahmlichen Art formulieren.

Warum sollen Sie und ich Theaterstücke finanzieren, die kaum einer sehen will? Hier ist doch Marktwirtschaft, oder?

Oder nehmen Sie die staatliche Filmförderung!

Klar, es gibt da immer mal Leuchtturmprojekte, die vorgezeigt werden – von deutschen Filmen, die mit Geldern der Filmförderung produziert wurden und dann auch in den Kinos wirklich erfolgreich waren. Aber es gibt unzählig mehr staatlich geförderte Filme, die hinterher– entschuldigen Sie! – kein Schwein freiwillig sehen wollte.

Apropos Amerika, erlauben Sie mir eine kleine Anekdote aus der Nachwendezeit…

Ich hatte, es muss so 1995 gewesen sein, eine junge, erfrischende Frau aus der vormaligen DDR kennengelernt, und wir verbrachten einige innige Monate miteinander. Und tatsächlich waren wir auch zusammen in den USA, im Hort des Kapitalismus, in New York natürlich. Und wenn Sie in New York sind, und vor allem, wenn jemand dabei ist, der noch nie dort war, dann gibt es einfach Dinge, die MUSS man besuchen oder erleben.

Also zum Beispiel hoch aufs Empire State Building fahren und von oben herunter auf die unfassbar vielen gelben Taxis in den Straßenschluchten schauen.

Oder man muss zum Broadway, ein Musical schauen, am Times Square bei „Sbarro’s“ ein Stück Pizza „to go“ erwerben und beim Weiterlaufen verzehren. Und, seit ich einmal zufällig da hineingeriet, immer ein Abendessen im berühmten „Chez Josephine“ an der 413 West 42nd Street, das der legendären Josephine Baker gewidmet ist und von ihrem Adoptivsohn Jean-Claude Baker 1986 gegründet wurde. Mit seinen plüschigen roten Samtwänden, den Kronleuchtern und jeden Abend Live-Klaviermusik.

Ja, es gibt da viel zu gucken in New York

Und ein Muss ist natürlich auch das „MoMA“ – nicht das bei der ARD, sondern das Museum of Modern Art, eine der bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst auf der Welt.

Ich schleppte meine Lebensgefährtin aus Potsdam also dorthin, um irgendwie auch als kunstbeflissen und weltmännisch zu erscheinen.

Irgendwann standen wir vor einem gemalten Bild von vielleicht einem Meter Breite und 60 Zentimeter Höhe. Es hatte – in Öl – die Grundfarbe Hellgrau, horizontal ein vielleicht 15 cm breiter dunkelblauer Strich über die ganze Fläche, gekreuzt von einem ebensolchen vertikalen blauen Strich. Im Grunde einfacher als das Deutsche-Bank-Logo. Die V. schaute sich das schweigend und interessiert eine ganze Weile an und fragte mich dann, was so ein Kunstwerk wohl koste. Ich bekannte, dass ich es natürlich nicht genau wisse, aber ich schätzte so etwa 500.000 US-Dollar.

Nach einem Moment des Schweigens sagte sie zu mir: „Ihr spinnt doch alle im Westen …“

Und damit hat sie wohl recht, wie ich in diesem Moment begriff

Ich bin ein alter weißer Mann. Für mich ist „Top Gun“ mit Tom Cruise Kultur und die James-Bond-Filme natürlich auch. Michael Jackson habe ich einst siebenmal live erlebt, das „Phantom der Oper“ ebenso. Ich bin eher so der Typ Populärkultur. Und ich komme gut damit klar.

Aber das andere, das, was ich nicht wirklich verstehe, das fasziniert mich

So wie jetzt gerade eine Ausstellung in Berlin, über die ich einen Beitrag auf „Radio eins“ aufmerksam wurde und dann einen Artikel im „Tagesspiegel“ darüber gelesen habe.

Vorab müssen Sie wissen: In Berlin, New York und anderen urbanen Zentren der westlichen Welt gibt es Berufe, die es anderswo nicht so gibt – die zumindest nicht so heißen.

„Influencer“ ist gerade sehr modern. Aber ich liebe auch „Performance-Künstler“

Eine solche lebende Legende ist Marina Abramović, eine der zweifellos bedeutendsten Performance-Künstlerinnen der Gegenwart.

Seit den 1970er-Jahren nutzt sie – laut Pressetext – „ihren eigenen Körper als Medium, um physische und mentale Grenzen zu erforschen und das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum neu zu definieren“.

Das ist mal eine Ansage, oder?

Ihr Schaffen sei „geprägt von Extremen, Schmerz, Ausdauer und der Suche nach Transzendenz“.

1974 erlangte sie weltweite Berühmtheit mit ihrem Projekt „Rhythm 0“. Da setzte sie sich sechs Stunden lang passiv in die Galleria Studio Morra in Neapel und stellte sich dem Publikum zur Verfügung, indem sie einfach nur dasaß und die Menschen anguckte. Sitzen und Gucken also – was ich als flapsige Bemerkung gern zum Thema Yoga verwende.

Also, Frau Abramović saß da in Neapel, und die Umstehenden fanden 72 Objekte vor (darunter Rosen, Federn, aber auch ein Messer und eine geladene Pistole), die sie „an ihr benutzen durften“. Wo sind die Frauenbeauftragten, wenn man sie mal braucht, oder? Aber Frauenbeauftragte gab es 1974 noch gar nicht. Gute alte Zeit…

Ich werde mir ihre Ausstellung kommende Woche übrigens anschauen. Die Schlange vor dem Eingang zum Gropius Bau ist bei Marinas Ausstellung – sie selbst ist nicht vor Ort, jedenfalls bisher nicht – jeweils hunderte Meter lang. Das Interesse des zahlenden Publikums ist überwältigend. Denn wie gesagt: Wir spinnen doch alle im Westen.

Herzliche Grüße

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.