Die sowjetische Massendeportation der Deutschen: Wie die blühende Wolgarepublik 1941 ausgelöscht wurde

Im Viehwaggon deportiert ins grausame Nirgendwo: Schicksal Hunderttausender Wolgdeutscher.
von KLAUS KELLE
BERLIN – Das Schicksal von Viktor Heinrich ist nur eines, das stellvertretend für Hunderttausende wolgadeutsche Familien steht. 1909 im kleinen Ort Fischer (1500 Einwohner) geboren, hatte sich seine Familie über Generationen ein bescheidenes, aber friedliches Leben an der Wolga aufgebaut.

Als im Spätsommer 1941 die NKWD-Soldaten in das Dorf einmarschierten, blieben seiner Familie nur wenige Minuten, um ein Bündel Kleidung und etwas Brot zu greifen.

Viktor, seine Frau und die kleinen Kinder wurden wie Vieh in die Waggons getrieben. Doch der schlimmste Albtraum folgte nach der Ankunft in der eisigen Steppe: Viktor wurde erbarmungslos von seiner Familie getrennt und in die sogenannte „Trudarmee“ (Zwangsarbeitslager) gepresst. Mütter blieben mit ihren Kindern allein in der bitteren Kälte Zentralasiens zurück, ohne Nahrung und ohne Schutz, während die Väter hinter Stacheldraht im Ural schufteten. Viele Kinder sahen ihre Väter nie wieder.

Der NKWD, Narodny Komissariat Wnutrennich Del, übersetzt „Volkskommissariat für innere Angelegenheiten“, vereinte die reguläre Polizei, den Geheimdienst, die Grenztruppen und sogar die Verwaltung der Zwangsarbeitslager in einer Hand.

Die Unterdrückungsbehörde war das primäre Werkzeug Stalins, um die sowjetische Bevölkerung zu kontrollieren, politische Gegner auszuschalten und den totalitären Staat aufrechtzuerhalten. Dazu gehörte auch die Verwaltung eines riesigen Netzes von Zwangsarbeitslagern, sogenannten Gulags, dessen unmenschliche Barbarei der russische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn in seinem erschütternden Monumentalwerk „Der Archipel Gulag“ beschrieben hat.

Erstmals 1973 im Westen veröffentlicht, deckte das Buch die brutale Wahrheit über den sowjetischen Staatsterror auf und erschütterte das weltweite Bild der Sowjetunion grundlegend.

Solschenizyn verknüpfte in dem dreibändigen Werk seine eigenen elfjährigen Erfahrungen als Häftling mit den Berichten und Briefen von 257 anderen Zeitzeugen.

Solschenizyn beschreibt im „Archipel Gulag“ nicht nur das Leben hinter Stacheldraht, sondern er widmet sich im fünften („Die Katorga“) und im sechsten Teil („Die Verbannung“) seines Werkes explizit den Massendeportationen ganzer Völker, darunter der Wolgadeutschen, Krimtataren und Tschetschenen.

Sie wurden kollektiv zu „Staatsfeinden“ erklärt und als vollkommen Rechtlose zur wirtschaftlichen Ausbeutung in Taiga und Steppe getrieben.

Wie grausam die Realität in diesen Zwangsarbeitslagern der Trudarmee wirklich war, beschreibt der wolgadeutsche Zeitzeuge Heinrich Wick in seinen Erinnerungen:


„Die Menschen wurden ohne Gericht und gesetzliche Untersuchung nicht ‚mobilisiert‘ … sondern verhaftet und mit bewaffneten Soldaten ins Lager befördert […]. Auch in unserer Kolonne Nr. 152 starben die Menschen wie Fliegen und wurden frühmorgens auf den Schlitten geladen und dicht am Wäldchen gestapelt – bis zum Frühjahr.“

Es ist der 28. August 1941, als das Schicksal der Wolgadeutschen, einer jahrhundertealten Kultur, mit einem Federstrich besiegelt wurde.

Mit dem Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR über die „Umsiedlung der in den Wolgabezirken wohnhaften Deutschen“ initiierte die sowjetische Führung unter Josef Stalin eines der brutalsten ethnischen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs.

Innerhalb weniger Wochen wurde eine blühende Gemeinschaft von mehr als 400.000 Menschen im europäischen Teil der Sowjetunion restlos zerschlagen, entrechtet und in die Weiten Sibiriens und Zentralasiens verschleppt. Es ist der Beginn eines jahrzehntelangen Leidensweges, der als kollektives Trauma tief im Gedächtnis der Russlanddeutschen verankert geblieben ist.

Dazu muss man wissen: Die Wolgadeutschen waren keine Neuankömmlinge

Ihre Ahnen waren ab 1763 dem Ruf der Zarin Katharina II. gefolgt, die ausländische Siedler für die Erschließung der landwirtschaftlich ungenutzten Steppenregionen an der Wolga anwarb. Den Kolonisten wurden weitreichende Privilegien garantiert: Religionsfreiheit, Landbesitz, Steuerbefreiung und die Befreiung vom Militärdienst.

Über Generationen hinweg bauten die Einwanderer unter härtesten Bedingungen hunderte florierende Dörfer auf. Sie bewahrten ihre deutschen Dialekte, ihre Konfessionen (meist lutherisch oder katholisch) und ihre kulturellen Traditionen, während sie gleichzeitig zu loyalen Untertanen des russischen Zarenreiches wurden.

Nach der Oktoberrevolution trug der sowjetische Staat dieser Identität zunächst Rechnung: 1924 wurde die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (Wolgarepublik) mit der Hauptstadt Engels gegründet. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten hier etwa 600.000 Menschen, eingebettet in eine eigene Verwaltung, ein deutsches Schulsystem und eine eigene Presselandschaft.

Mit dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 änderte sich alles

Ungeachtet der Tatsache, dass Zehntausende Russlanddeutsche in der Roten Armee dienten und bereit waren, ihre sowjetische Heimat gegen die Wehrmacht zu verteidigen, geriet die gesamte Volksgruppe unter Generalverdacht.

Das berüchtigte Dekret vom 28. August 1941 lieferte die pseudorechtliche Begründung für eine umfassende ethnische Säuberung. Darin wurde den Wolgadeutschen pauschal und ohne jeden Beweis vorgeworfen, „Tausende von Diversanten und Spionen“ in ihren Reihen zu verstecken, die auf ein Signal aus Berlin warteten, um Sabotageakte zu verüben.

Da niemand diese vermeintlichen Verräter den Behörden gemeldet habe, so die infame Logik des Dekrets, sei die gesamte Bevölkerung mitschuldig. Die Kollektivschuld wurde zum Dogma erhoben. Die Wolgarepublik wurde liquidiert, ihr Territorium aufgeteilt und die Totaldeportation befohlen.

Die Durchführung der Deportation glich einer militärischen Strafaktion, koordiniert vom sowjetischen Geheimdienst NKWD unter Lawrenti Beria.

Den betroffenen Familien wurde oft nur wenige Stunden, manchmal nur eine halbe Stunde Zeit gegeben, um das Nötigste zu packen. Alles, was sie sich über Generationen aufgebaut hatten – ihre Häuser, das Vieh, der Hausrat und die Ernte –, mussten sie zurücklassen.

Es folgte ein beispielloser Terror gegen die Deutschstämmigen

Zwischen September und Dezember 1941 wurden schätzungsweise 440.000 Wolgadeutsche (und im weiteren Kriegsverlauf fast eine Million Deutsche aus anderen Teilen der UdSSR) in tagelangen, qualvollen Transporten deportiert. Zusammengepfercht in fensterlosen, ungeheizten Viehwaggons, mangelhaft versorgt mit Wasser und Nahrung, rollten die Züge Richtung Osten.

Die hygienischen Zustände waren katastrophal. Krankheiten wie Fleckfieber und Ruhr brachen aus. Wer die tagelange Fahrt nicht überlebte, wurde bei kurzen Zwischenstopps von den Wachmannschaften lieblos am Bahndamm verscharrt. Zielgebiete waren dann die unwirtlichen Regionen Kasachstans, der Ural und Sibirien.

Dort angekommen wurde es für die Überlebenden noch schlimmer

Nahezu alle Männer im Alter von 15 bis 55 Jahren und bald darauf auch Frauen von 16 bis 45 Jahren – sofern sie keine Kleinkinder zu versorgen hatten – wurden zwangsrekrutiert. Mütter wurden erbarmungslos von ihren Kindern getrennt, die in den Dörfern der Einheimischen oft völlig schutzlos zurückblieben.

Hinter Stacheldraht und unter Bewachung von NKWD-Einheiten mussten die Russlanddeutschen unter unmenschlichen Bedingungen Schwerstarbeit leisten.

Sie bauten Rüstungsbetriebe, schufteten in Kohlebergwerken, fällten Bäume in der Taiga oder errichteten Eisenbahnlinien. Bei eisigen Temperaturen von bis zu minus 40 Grad, unzureichender Kleidung und einer täglichen Essensration, die kaum zum Überleben reichte, starben die Menschen massenhaft an Entkräftung, Unterernährung und Erfrierungen. Historiker schätzen, dass bis zu einem Drittel der Trudarmisten diese Lager nicht überlebt hat.

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Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 mit dem Sieg über den Nationalsozialismus endete, bedeutete dies für die deportierten Deutschen aber nicht das Ende ihres Leidens.

Während andere deportierte Kaukasusvölker in den 1950er Jahren begnadigt wurden und in ihre Heimat zurückkehren durften, legte ein Dekret des Sowjet-Regimes im Jahr 1948 fest, dass die Verschleppung der Deutschen „auf ewig“ gelten sollte

Jedes unbefugte Verlassen des zugewiesenen Wohnortes wurde mit bis zu 20 Jahren Zwangsarbeit bestraft. Die Deutschen lebten unter dem repressiven Status von „Sondersiedlern“ unter strengster polizeilicher Aufsicht.

Erst nach dem Tod Stalins und dem Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in Moskau im Jahr 1955 kam Bewegung in die Sache.

Die offizielle, moralische Rehabilitation durch den Obersten Sowjet erfolgte jedoch erst spät, im Jahr 1964.

Der pauschale Vorwurf des Landesverrats wurde endlich als haltlos zurückgenommen. Doch der entscheidende Schritt zur Wiedergutmachung blieb aus: Die Autonome Republik der Wolgadeutschen wurde nicht wiedererrichtet. Die ehemaligen Häuser und Ländereien der Deutschen waren längst von anderen Sowjetbürgern besiedelt worden. Eine Rückkehr an die Wolga blieb politisch unerwünscht und praktisch unmöglich.

Die Vertreibung der Wolgadeutschen war ein schweres Staatsverbrechen des sowjetischen Regimes. Es handelte sich um einen gezielten Ethnozid: Eine vitale, eigenständige Kulturlandschaft wurde physisch und geografisch ausgelöscht.

Die systematische Zerstörung der deutschen Sprache durch das jahrzehntelange Verbot von deutschem Schulunterricht führte dazu, dass spätere Generationen der Russlanddeutschen ihrer sprachlichen Identität weitgehend beraubt wurden.

Als Folge dieses bleibenden Unrechts und der anhaltenden Benachteiligung im sowjetischen Alltag suchten Millionen Russlanddeutsche nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ab den späten 1980er Jahren einen Ausweg. Über 2,3 Millionen Menschen machten von ihrem Recht Gebrauch, als Spätaussiedler in das Land ihrer Vorfahren nach Deutschland zurückzukehren. Die leeren, verfallenen oder zweckentfremdeten Kirchenruinen in den ehemaligen deutschen Dörfern entlang der Wolga stehen bis heute als stumme Zeugen eines blühenden Lebens, das im Spätsommer 1941 von einer brutalen Diktatur für immer vernichtet wurde.

Bildquelle:

  • Vertreibung_Wolgadeutsche: bundeszentrale für politische Bildung

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.