Gipfeltreffen in Washington: Die ganze Welt ist nichts als ein großes Schachspiel

Das Schicksal der Welt als ein großes Schachspiel

von KLAUS KELLE

WASHINGTON D.C. / PEKING – Wenn sich Donald Trump und Xi Jinping persönlich treffen, dann ist Aufmerksamkeit für alle geboten, denn nominell handelt es sich dabei um die beiden mächtigsten Männer auf dem Planeten. Und viele verknüpften Hoffnungen auf eine Entspannung der internationalen Lage mit dem Gipfel der beiden Großmächte.

So hatte das Weiße Haus nach Jahren der subtilen und offenen Konfrontation, nach Handelskonflikten und Drohungen jede Menge Charme aufgeboten, um den Gegenspieler aus dem Reich der Mitte milde zu stimmen.

Doch seien wir nicht naiv: Hinter lächelnden Gesichtern und protokollarischen Höflichkeiten verbirgt sich ein hochkomplexes globales Pokerspiel.

Kein Wunder, denn China ist das einzige Land, das den Vereinigten Staaten auf der Weltbühne ernsthaft Paroli bieten kann. Und so ist das tatsächliche Verhältnis zwischen den USA und China von einer tiefen strategischen und ökonomischen Rivalität geprägt.

Xi Jinping lockt mit munterem Handel auf dem größten Markt der Welt, unterstützt aber hinter einem freundlichen Lächeln gleich mehrere Stellvertreterkonflikte, um die USA zu schwächen. Und dann hat er noch die Chuzpe, von Trump ein Wegsehen beim chinesischen Griff nach Taiwan zu fordern.

Zentraler Hebel ist für China dabei die kalkulierte Unterstützung von Amerikas ärgerlichsten geopolitischen Widersachern: Russland und dem Iran.

Amerikanische Medien veröffentlichten gestern – passend zur Abschiedszeremonie Trumps für seinen Gast aus Asien – aktuelle Analysen amerikanischer Geheimdienste.

Denen zufolge versorgt China – detailliert belegt – den Iran mit hochauflösenden Satellitendaten der Jilin-1-Konstellation, die es der Islamischen Republik ermöglichen, US-Militärstützpunkte im Nahen Osten sowie die internationale Schifffahrt mit erschreckender Präzision anzugreifen. Gleichzeitig unterstützt Peking die russische Kriegswirtschaft im Ukraine-Konflikt durch die umfangreiche Lieferung von sogenannten „Dual-Use-Gütern“ – zivilen Technologien wie Mikrochips und Drohnenteilen, die direkt im russischen Rüstungssektor verbaut werden.

Aus Sicht von Xi Jinping dürfte das reine Zweckmäßigkeit sein

Solange die USA und ihre westlichen Verbündeten Milliardenbeträge, politische Aufmerksamkeit und militärische Ressourcen im Nahen Osten und in Osteuropa binden, sind auch ihre Kapazitäten im Indopazifik nur noch begrenzt.

Jeder Konflikt, in den die Amerikaner involviert sind, verschafft Peking strategischen Freiraum.

In Washington sprach Trump dieses heikle Thema natürlich offen an.

Xi lächelte und machte vage Zugeständnisse. Weil er natürlich weiß, wo die roten Linien auch für China verlaufen.

Eine unkontrollierte Eskalation im Nahen Osten, die die Straße von Hormuz blockiert, würde Chinas eigene Energieversorgung gefährden. Ganz abgesehen von harten Sekundärsanktionen der USA, die der ohnehin angeschlagenen chinesischen Wirtschaft zusätzliche Probleme bereiten würden. China unterstützt den Iran und Russland also nur so weit, wie es den USA zwar schadet – zieht aber sofort die Reißleine, wenn eigene Kerninteressen bedroht sind.

Was Xi Jinping im globalen Schachspiel wirklich interessiert: die Endlösung der Taiwan-Frage

Die demokratische Inselrepublik stand deshalb im Zentrum der dreitägigen Verhandlungen in Washington. Xi nutzte die demonstrativ entspannte Atmosphäre des Treffens, um den Druck auf Trump bei diesem Thema drastisch zu erhöhen.

Xi forderte die US-Regierung dazu auf, die „Unabhängigkeit Taiwans aktiv abzulehnen“. Damit geht China einen Schritt weiter als je zuvor, denn bisher verlangte man von Washington lediglich, eine Abspaltung der Insel „nicht zu unterstützen“. Für Peking ist die Einverleibung Taiwans zweifellos nicht verhandelbar.

Die USA nutzen andererseits Taiwan als strategisches Bollwerk und als Hebel gegen Chinas Großmachtstreben.

Die Trump-Administration hat ein gigantisches US-Waffenpaket für Taiwan im Wert von rund 14 Milliarden US-Dollar zwar aufgelegt, aber auch erst einmal auf Eis gelegt. Eine Art Verhandlungsmasse, wie es scheint. Taiwan ist also Trumps Joker bei Handelsfragen und geopolitischen Kungeleien.

Dieses erneut Disruptive des amerikanischen Präsidenten führt in Taipeh erneut zu großer Verunsicherung. Würde Trump Taiwan als Bauernopfer wirklich preisgeben, um China im Ukraine- und Iran-Krieg aus seiner aktiven Rolle zu nehmen? Das Furchtbare an der Amtszeit Trumps ist leider, dass selbst so ein Verrat niemand mit Sicherheit ausschließen kann.

Nach Xi‘s Abreise bleibt die Erkenntnis, dass es beim Gipfel in Washington schöne Fernsehbilder, Geschenke und festliche Dinner gab, aber für das Publikum nichts Greifbares, das auf eine Verbesserung des amerikanisch-chinesischen Verhältnisses hindeuten könnte. Das bleibt bis auf Weiteres von tiefem Misstrauen geprägt.

Bildquelle:

  • Schachspiel: adobe.stock/sapphire

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.