Ausgangsbeschränkung? Kaufen Sie sich eine Lieferando-Jacke oder mieten Sie einen Hund

Radfahrer auf einer Großstadtstraße.
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von PETER JOECKEN

BERLIN – In vielen Städten und Landkreisen gelten jetzt bundesweit Ausgangsbeschränkungen. Ab einer Inzidenz von 100 werden die Menschen in unserem Land dazu verpflichtet, in ihren Häusern und Wohnungen zu verbleiben. Es sei denn, sie hätten einen triftigen Grund, diese Bereiche zu verlassen. Dann kann das Spazierengehen mit dem Hund sein oder das Joggen bis Mitternacht oder man beklagt einen medizinischen Notfall oder man ist auf dem Weg zur Impfung oder man muss sich um betreuungsbedürftige Angehörige kümmern oder man muss Tiere versorgen oder man arbeitet bei einem Lieferdienst oder…

Ausnahmen bestätigen nicht immer die Regel.

Vor allem dann nicht, wenn es darum geht, ein hochinfektiöses Virus zu bekämpfen. Die Menschen hierzulande ertragen den Corona-Flickenteppich aus Anordnungen, Verordnungen, Ordnungsgeboten, Verboten und eingeschränkten Erlaubnissen inzwischen nur noch mit Galgenhumor und Ironie. Und mit kreativer Findigkeit beim Aufsuchen von Schlupflöchern in diesem Wirrwarr von Widersinnigkeiten.

Bald werden sie sich Jacken von Lieferando kaufen, um so ihre „Systemrelevanz“ nach zeitlichem Eintritt der Ausgangsbeschränkungen vorzutäuschen. Sie tragen imaginäre Pizzas aus. Bei EBAY finden sich inzwischen Sets, die man „schnell und diskret“ kaufen kann, die dazu dienen, den Anschein zu erwecken, einem Lieferdienst zugehörig zu sein. Und man mag es nicht glauben, die Dinger gehen weg wie warme Semmeln.

Die Lieferdienste müssen ja bekanntermaßen zu Zeiten arbeiten, in denen der Normalo noch friedlich in sein Kopfkissen schnarcht. Es soll sogar Angebote geben, Polizeiuniformen zu kaufen oder es werden Hunde angeboten, die man nach 22 Uhr mieten kann. Während ich das hier alles schreibe, frage ich mich, ob ich in einer Realsatire bin.

Weiter konnte Wilhelm Tell seinen Pfeil nicht am Apfel auf dem Kopf seines Sohnes vorbeischießen. Nicht die bevormundenden Maßnahmen für den privaten Bereich der Bürger sind es, die anzuzweifeln sind auf Verhältnismäßigkeit und Wirksamkeit, sondern es ist ihre Zielrichtung.

Wie viele Menschen stecken sich schon zwischen 22 und fünf Uhr morgens an? Draußen?

Ist es nicht in Wirklichkeit so, dass die Regel vor allem auf Menschen zielt, die sich sonst zu privaten Partys treffen würden? Warum wird das nicht offen ausgesprochen?

Stattdessen redet SPD-Politiker Thomas Kutschaty davon, Menschen, die die Ausgangsbeschränkungen missachten, auf dem Weg von Partys nach Hause „erwischen“ zu wollen und drückt damit auf erschreckende Weise aus, wie Politiker die Bürger im Land sehen, wahrnehmen und behandeln. Sie sprechen ihnen Mündigkeit und Eigenverantwortung ab. Kollektiv. Und völlig ohne Respekt.

Der Effekt der Ausgangsbeschränkungen wird gering bleiben. Im Gegenteil. Im privaten, geschlossenen Bereich wird es zu einer erhöhten Infektionsrate kommen, weil die Menschen gezwungen werden, sich „zu nahe“ zu kommen.

Wenn die Bundesregierung wirklich Infektionsketten wirksam bekämpfen will, verspricht eine andere Zielscheibe wesentlich mehr Punkte. Aber die wird seit Krisenbeginn völlig ausgeblendet.

Tagtäglich begegnen sich Millionen Menschen im Nahverkehr, stehen in Werkshallen nebeneinander, teilen und verteilen ihre Aerosole im Büro. Essen zusammen in Kantinen. Das Wirtschaftsleben ist ein echter Infektionstreiber. Wann stellt sich die Bundeskanzlerin endlich vor die Kameras und verkündet die Notbremse für Industrie, Werkstätten und Großraumbüros?

Es wäre höchste Zeit für einen Lockdown in diesem Bereich. Er müsste gar nicht lange dauern. Konsequent durchgeführt nach meiner Schätzung zwei bis drei Wochen.
Aber Vorsicht: Die Wirtschaft und die Industrie sind die Lebensadern für die Funktionalität Deutschlands. Egal, ob es Waffen sind, die es zu produzieren gilt oder Autos für China.
Wir brauchen das Geld.

Was wir nicht brauchen, das sind mündige, eigenverantwortliche Bürger. Und schon gar nicht solche, die denken. Das machen doch andere jetzt für Sie.

Bildquelle:

  • Radfahrer_allein: pixabay
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