BERLIN – Was passiert eigentlich, wenn Russland die NATO „testet“? Das geschieht ja im Grunde schon seit Monaten durch russische Saboteure und Agenten, und jeder, der mit der Materie vertraut ist, weiß das.
In den verschiedenen denkbaren Modellen wird dabei stets das „Narwa-Szenario“ in Estland genannt und die Suwałki-Lücke an den Grenzen zu Litauen. Sie ist zweifellos eine geografische Achillesferse des westlichen Bündnisses und geeignet für so etwas.
Denn Narwa ist die drittgrößte Stadt Estlands, liegt direkt an der russischen Grenze und hat mehr als 95 Prozent Menschen der sogenannten russischsprachigen Minderheit, die im Grunde eine deutliche Mehrheit ist.
Moskau könnte genau hier die gleiche Nummer durchziehen wie im Osten der Ukraine schon lange vor dem großen Krieg ab 2022: Unruhen in der Bevölkerung schüren, gelogene Narrative über soziale Netzwerke verbreiten, „grüne Männchen“ (Söldner ohne Hoheitsabzeichen) einsickern lassen, um angeblich bedrohte Russen dort zu beschützen.
Was würde der Westen, was würden NATO, USA und auch Deutschland in einem solchen Fall tun?
Würden sie, würden wir zögern? Auch noch nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine?
Als Russland die ukrainische Halbinsel Krim 2014 einnahm, zögerte der Westen, reagierte nur halbherzig mit Sanktionen, die Moskau nicht wehtaten.
Die Lehre daraus für Putin: Der Westen ist schwach, er wird auch dann nicht reagieren, wenn die Vollinvasion der Ukraine tatsächlich beginnt.
Und in den ersten Wochen sah es danach aus
Inzwischen weiß Wladimir Putin, dass sich die Dinge geändert haben und dass Europa geeint wie nie zuvor ist, die NATO größer und stärker, und dass der Westen die Ukraine in ihrem Freiheitskampf nicht allein lässt. Inzwischen wird der Krieg zunehmend auf russisches Staatsgebiet getragen – eine Entwicklung, die im Kreml 2022 sicher niemand für möglich gehalten hat.
Was werden NATO und Europa also tun, wenn Moskau die Suwałki-Lücke und damit das Bündnis testet?
Die Antwort hat der Chef der deutschen Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann (57), jetzt in einem Interview mit dem britischen „Telegraph“ gegeben: Wenn Deutschland müsse, sei man „bereit, auch heute Nacht gegen Russland zu kämpfen“. Und Neumann präzisiert: „Wir werden mit allem reingehen, was wir in Deutschland haben, die Luftwaffe, aber auch in der NATO, um unser Land, unsere Werte, unsere Bevölkerung und unser Bündnis zu verteidigen.“
Bei einem russischen Angriff auf NATO-Gebiet werde man „jeden Zentimeter“ des Bündnisgebiets verteidigen. Zudem würde die deutsche Luftwaffe verheerende Luftschläge auf dem russischen Territorium durchführen, so Neumann weiter.
Analysen der Geheimdienste der skandinavischen Länder und Satellitenbilder zeigen, dass Russland nach Ende des Krieges in der Ukraine vermutlich bis zu 115.000 Soldaten in Nähe der Grenzen zu diesen NATO-Ländern stationieren werde.
Starke Worte wie die von Generalleutnant Neumann haben wir in Deutschland seit Jahrzehnten von hochrangigen Bundeswehroffizieren nicht mehr gehört. Vielleicht sind sie nötig, um der deutschen Bevölkerung klarzumachen, dass es hier kein Spaß mehr, sondern dass die russische Bedrohung real ist. Nach aktuellen Umfragen befürchten heute mehr als zwei Drittel der Deutschen, dass Russland einen Krieg gegen NATO-Gebiet beginnen könnte.
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