GELSENKIRCHEN – Nach dem spektakulären Einbruch in die Sparkasse Gelsenkirchen-Buer zum Jahreswechsel verdichten sich Hinweise, dass die Täter nicht nur mit brachialer Gewalt, sondern mit erheblichem Insiderwissen vorgingen. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bestätigte die Einschätzung der polizilichen Ermittler in einem Interview: „Dass dort über Tage hinweg ungestört Tausende Schließfächer aufgebrochen werden konnten, ohne dass ein Alarm die Polizei erreichte, ist mehr als merkwürdig.“
In der Tat, denn immer mehr sucht die Kripo nicht nur nach den Einbrechern, sondern nimmt die internen Abläufe in der Sparkasse und die Angestellten unter die Lupe.
Am Morgen des 29. Dezembers war die Feuerwehr zu einem Brandmeldealarm in die Filiale an der Nienhofstraße gerufen. Doch die anrückenden Einsatzkräfte fanden kein gewöhnliches Feuer dort, sondern die Überreste eines hochprofessionellen Verbrechens. Die Täter waren dazu über ein angrenzendes Parkhaus in die Bank eingedrungen, hatten eine Betonwand durchbohrt und sich so direkten Zugang zum Tresorraum verschafft. Dort brachen sie dann in Seelenruhe über 3.000 Schließfächer auf. Beute: Goldbarren, Bargeld und Juwelen im geschätzten Wert von 100 Millionen Euro.
Warum spricht Innenminister Reul jetzt von „Merkwürdigkeiten“?
Nun, die Einbrecher bohrten nicht irgendwo, sondern trafen „zufällig“ die Wand des Tresorraums exakt an einer Stelle, die von außen nicht einsehbar war und im Inneren eine tote Zone der Überwachung darstellte. Ohne detaillierte Baupläne oder Informationen über die Positionierung der Sensoren ist ein solches Vorgehen kaum vorstellbar.
Ein weiterer brisanter Aspekt ist die Spur einer Chipkarte. Wie die Polizei heute weiß, wurde für den Zugang zu sicherheitsrelevanten Zwischenbereichen eine elektronische Zugangskarte benutzt. Ermittler prüfen jetzt, ob die Karte eines Mitarbeiter entwendet wurde, oder ob es sich um eine illegale Kopie handelt.
In einem hochmodernen Tresorraum sollten Erschütterungsmelder, Infrarotsensoren und Kameras eigentlich jede unbefugte Bewegung sofort an eine Notruf- und Serviceleitstelle melden. Doch in Gelsenkirchen blieb dieser Alarm aus. Erst die Rauchentwicklung durch die Trennschleifer löste am Ende den Brandmelder aus. Doch da war es längst zu spät. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Sicherheitssysteme gezielt manipuliert wurden. Wer konnte das?
Das will die Staatsanwaltschaft wissen, die am 6. Januar mit einem Durchsuchungsbeschluss in die Sparkasse im wohlhabenden Stadtteil Buer einrückte, ein beispielloser Vorgang. Und es geht noch weiter: Minister Reul und die Ermittlungsbehörden zeigten sich befremdet darüber, dass die Sparkasse Daten zu Schließfachbewegungen und Videoaufnahmen unter Verweis auf den Datenschutz nicht sofort freiwillig herausgab. Ein Mauern, dass die Ermittlungen in der Anfangsphase massiv verzögerte.
Und dann gibt es noch ein Szenario, das die Sicherheitsbehörden in NRW besonders alarmiert
Ist es möglich, dass kriminelle „Clans“, gezielt Finanzinstitute im Ruhrgebiet unterwandern, dass sie gezielt Mitglieder solcher kriminelle Großfamilien direkt als Angestellte oder bei Sicherheits- und Wartungsfirmen eingeschleust haben?
Für die Schließfachinhaber ist die aktuelle Situation verheerend. Viele stehen vor dem finanziellen Ruin, während die Aufarbeitung der „Merkwürdigkeiten“ gerade erst begonnen hat.
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