Ein Abend mit Angela Merkel: Putinversteherei stößt an ihr verdientes Ende

ARCHIV - Altkanzlerin Angela Merkel stellt sich den Fragen eines Journalisten. Foto: Michael Kappeler/dpa POOL/dpa
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Gastbeitrag von PHILIPP LENGSFELD

BERLIN – Der beachtenswerte erste größere Auftritt von Alt-Kanzlerin Merkel nach dem Ende ihrer Amtszeit ist schon viel diskutiert worden. Trotzdem möchte ich einen Punkt noch mal herausstreichen: Merkel hat der deutschen Putin-Versteherei-Obsession durch sehr klare Ansagen an den Journalisten Alexander Osang ganz deutlich die Grenzen aufgezeigt.

Während des gesamten über 90-minütigen Gesprächs ging es natürlich sehr viel um den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und die Rolle von Russland und Putin. Dabei sah sich Spiegel-Journalist Osang offenbar ständig in der Pflicht, bei Merkel nachhaken zu müssen, ob ihr Verhältnis zu Putin und Russland nicht eine spezielle Bedeutung oder Rolle in der Sache haben könnte.

Dabei sagt Merkel eigentlich von Anfang an Sätze, die keine großen Frage offenlassen: Schon bei ihrem Besuch in Sotchi 2007 war die fundamentale Trennlinie klar: Für Putin war der Zusammenbruch des Sowjetreichs eine Katastrophe, während die nur wenig jüngere Merkel ihm klar machte, dass es für sie „der Glücksumstand“ ihres Lebens war, der den Weg in die Freiheit und in ganz andere Möglichkeiten ebnete. Mehrfach macht Merkel im Gespräch deutlich, dass sie von Demokratie und Freiheit zutiefst überzeugt ist, während sie Putins Wertevorstellungen und den Weg, auf den er Russland zwingt, nicht für richtig hält.

Trotzdem hat sie als weltoffene, gebildete, protestantische Ostdeutsche ein großes Interesse für Russland und die russische Kultur, aber eben nicht nationalistisch verengt, sondern schon aus der Vorwendezeit mit genauem Blick auf die Komplexität und Spannungen u. a. im kommunistischen Vielvölkerstaat Sowjetunion. Ist das für Osang wirklich überraschend?

Aber sie sieht natürlich auch – in bester preußischer Tradition würde ich sagen, Osang fragt aber nicht in diese Richtung –, dass Russland und Europa sich nicht nur arrangieren müssen, sondern eine stabile europäische Zukunft auch ein stabiles und kooperierendes Russland mit einschließen muss. Gorbatschow nannte dies Mal das „Gemeinsame Haus Europa“, aber auch in diese Richtung fragt Osang nicht.

Alexander Osang versucht dagegen zwei Mal, wie ich finde auf ziemlich platte Art und Weise, der obsessiven Putin-Analysiererei in diesem Land gerecht zu werden. Obwohl er sich nicht wirklich wohl dabei fühlt, fragt er tatsächlich, ob Putin die notorische Hundenummer von Sotschi 2007 (Merkel hat wohl mindestens eine milde Form von Kynophobie) nicht doch hätte „nett“ gemeint haben können – immerhin war die riesige Töle eine Hündin. Und habe er nicht wenigstens vorher gefragt? Merkels Antwort? „Wer es glaubt, wird selig“. Wer übrigens die entsprechenden Berichte und Bilder von 2007 noch mal anschaut, kann eigentlich nur den Kopf schütteln, dass sich ein deutscher Journalist überhaupt traut, diese Frage so zu stellen.

Aber noch erfrischender ist Merkels Antwort auf Osangs: „Können Sie Putin erklären?“ – Merkel klar: „Darum geht es doch nicht!“.

Nein, offenbar muss man es manchen im Lande immer noch glasklar sagen, dass zwischen dem autokratischen, neoexpansionistischen, den Westen bekämpfenden Putin-Russland und dem demokratischen Europa und seinen osteuropäischen Freunden und Beitrittsaspiranten, wie der Ukraine oder Moldawien, viel mehr steht, als die Frage, ob man beim Telefonieren Russisch oder Deutsch spricht oder ob Merkel nicht nach Kriegsbeginn Putin hätte anrufen sollen (beides aus meiner Sicht übrigens völlig absurde Fragen, die zeigen, dass ein wichtiger Spiegel-Journalist von den Grundzügen internationaler Politik und Diplomatie offenbar gar keine Ahnung hat).

Nein, Merkels Antworten waren durchweg eindeutig: „Mein Herz schlägt für die Ukraine“. Es gibt keine Rechtfertigung und kein Verständnis für Russlands Aggression. Trotzdem war aber der Versuch der Errichtung einer neue Stabilitäts- und Sicherheitsordnung richtig, aber es ist bis dato eben nicht gelungen, „den kalten Krieg wirklich zu beenden“. Merkel sieht hier die zu unterschiedlichen Wertevorstellungen offenbar als die Hauptursache, vielleicht gepaart mit dem Umstand, dass Europa nicht immer entschlossen genug, nicht einig genug, aber vielleicht auch nicht immer flexibel genug agiert hat. Ob Corona diese falsche Tendenz begünstigt hat, da es die totale Isolation Putins befördert habe, sei letztlich nebensächlich, der verbrecherische Krieg ist falsch und schadet neben allem anderen natürlich auch Russland und seinem Volk.

Ich war darüber ehrlich froh: Selbst wenn es eigentlich offensichtlich ist, war es trotzdem gut, dies von Merkel in diesem Setting, bei diesen Fragen, in der Deutlichkeit zu hören: „Die Ukraine ist Teil des Problems, was der gesamte Westen mit Putin hat“.

Meine persönliche Hoffnung ist, dass die auch die Teile der deutschen Gesellschaft, die sich gerne mit Putins Tierliebe und anderen Dingen beschäftigt hat, endlich versteht, dass wir unsere Freiheit und unsere Werte heute mit der Ukraine gegen Autokraten wie Putin verteidigen müssen.

Slava Ukraini.

Philipp Lengsfeld war von 2013 bis 2017 als Abgeordneter der CDU Mitglied des Deutschen Bundestages.

Bildquelle:

  • Angela Merkel: dpa
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