Ein mysteriöser Todesfall in Berlin – und Herr Putin ist ein ehrenwerter Mann

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Liebe Leserinnen und Leser,

ein Vorfall, der sich bereits vor drei Wochen in Berlin ereignete, schlägt hohe Wellen weit über Berlin hinaus. Am Morgen des 19. Oktober gegen 7.20 Uhr entdeckten Objektschützer auf einem Bürgersteig an der Behrensstraße die Leiche eines Mannes. Wiederbelebungsversuche eines Notarztes blieben erfolglos. Bei dem 35-Jährigen soll es sich um einen „Zweiten Botschaftsekretär“ handeln, der deutschen Sicherheitsdiensten als FSB-Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes bekannt gewesen ist.

Der Mann soll aus einem Fenster in einem der oberen Stockwerke des Gebäudekomplexes in den Tod gestürzt sein. Oder gestürzt worden sein.

Der Oppositionelle Leonid Wolkow bezweifelt, dass es sich um einen natürlichen Tod, einen tragischen Unfall, gehandelt hat. Die Fenster des Gebäudes seien danach nicht hoch genug, um einen Selbstmord nahezulegen. Doch, machen wir uns nichts vor, auch die Opposition gegen Putins Regime in Moskau hat ein Interesse daran, jede Gelegenheit zu nutzen, das System Putin international bloßzustellen. Wie immer, wenn ein Zusammenhang mit geheimdienstlichen Aktivitäten naheliegt, ist jede Information von jeder beteiligten Seite mit höchster Vorsicht zu betrachten.

Die für gewöhnlich erstaunlich gut informierte Informationsplattform „Bellingcat“ im Zusammenspiel mit „The Insider“ berichtet, bei dem Toten handele es sich um den Sohn eines ranghohen FSB-Offiziers, der demnach die Abteilung „Verwaltung für den Schutz der verfassungsmäßigen Ordnung“ leitet. Diese Abteilung der russischen KGB-Nachfolgeorganisation beschäftige sich „mit außergerichtlichen Hinrichtungen von Aktivisten und Journalisten“.

Bellingcat hatte minutiös nachweisen können, wer hinter dem Abschuss einer Boeing der Malaysia Airlines mit Flugnummer MH17 am 17. Juli 2014 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über umkämpftem Gebiet in der Ostukraine abgeschossen hatt. Dabei wurden alle Insassen – die meisten aus den Niederlanden – getötet. Bellingcat und ein internationales Ermittlerteam konnten nachweisen, dass das Flugzeug mit einer aus Russland stammenden Luftabwehrrakete vom Typ Buk offenbar versehentlich von Separatisten mit militärischer Unterstützung Russland abgeschossen wurde. Diesem Ergebnis schlossen sich die Ermittler in Holland und eigentlich inzwischen die ganze Welt an. Nur Russland hält an der Geschichte fest, MH17 sei von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden. Dazu wurden im Internet peinliche Photoshop-Erzeugnisse verbreitet, die handwerklich so lächerlich waren, dass man fast Mitleid haben konnte. Natürlich finden sich in Deutschland auch heute noch Putin-Fans, die die absurde Geschichte gebetsmühlenartig erzählen.

Seit Putins ersten Amtsantritt bis heute sind nach Schätzung von Menschenrechtsorganisationen rund 200 regimekritische Journalisten und prominente Oppositionelle ermordet worden. Dahinter steckt angeblich die Abteilung für die Terrorismusbekämpfung des FSB. Deren Agenten sollen auch in den Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny im Sommer 2020 aktiv verwickelt sein. Westliche Geheimdienste sehen außerdem eine Verbindung zum sogenannten Tiergartenmord. Am 23. August 2019 war der 40-jährige Georgier Selimchan C. im Kleinen Tiergarten in Moabit durch zwei Schüsse aus einer Pistole mit Schalldämpfer in Kopf und Rücken getötet worden.

Erkennbar ist nur die Spitze eines Eisberges.

Sergej Juschenkow, stellvertretender Kommissionsvorsitzender und liberaler Abgeordneter, wurde 2003 vor seinem Haus in Moskau niedergeschossen. Der Mord wurde nie aufgeklärt.

Jurij Schtschechotschichin, ebenfalls Duma-Abgeordneter und Ausschussmitglied starb im selben Jahr an einer mysteriösen Vergiftung, die sich über einige Wochen hinzog. Die russischen Behörden lehnten die Autopsie seiner Leiche ab. Angehörigen gelang es dennoch, in London eine Hautprobe untersuchen zu lassen. Die Diagnose lautete auf Thallium. Ein Gift, das der sowjetische Geheimdienst KGB bevorzugt einsetzte.

Weltweites Aufsehen weckte der Mord an dem ehemaligen russischen Geheimdienstler Alexander Litwinenko im November 2006 in London. Ihm war – von wem auch immer – radioaktives Polonium verabreicht worden. Litwinenko war ein aufgewiesener Putin-Gegner und hatte Nachforschungen zu Sprengungen mehrerer Häuser im Herbst 1999 aufgenommen. Danach floh er aus Russland nach Großbritannien. Doch auch dort war er nicht sicher vor seinen Mördern.

Im Oktober 2006 wurde die oppositionelle Journalistin Anna Politkowskaja, Redakteurin der Zeitung „Nowaja Gaseta“ im Fahrstuhl ihres Wohnhauses im Moskauer Zentrum kaltblütig hingerichtet. Sie hatte Putins Krieg in Tschetschenien öffentlich kritisiert.

Eine direkte Beteiligung des russischen Geheimdienstes konnte nicht belegt werden, aber wer sollte sonst ein Interesse daran haben, Politkowskaja zum Schreigen zu bringen?

Der liberale Politiker Boris Nemzow gab der deutschen ARD am 10. Dezember 2014 ein Interview, in dem er den russischen Staatschef Wladimir Putin massiv kritisierte. Russland sei ein unter Putin zu einem Mafiastaat geworden: Es gebe im Kreml einen engen Kreis von Personen, die „gefüttert werden und vollkommen von ihm abhängig sind …. Sie kontrollieren alle wichtigen Massenmedien.“ Und Anfang 2015 kritisierte Nemzow Präsident Putin erneut scharf und kündigte weitere Enthüllungen über den Krieg in der östlichen Ukraine an.

Und dann der 27. Februar 2015: Nemzow war in Begleitung seiner 26-jährigen Freundin Anna Durizkaja, ein Model aus der Ukraine, auf der Großen Moskwa-Brücke in unmittelbarer Nähe des Kreml unterwegs. Unvermittelt trafen in vier Schüsse in Rücken und Hinterkopf aus einer Makarow-Pistole. Er war sofort tot, die junge Frau blieb unverletzt.

Die Pressestelle von Präsident Wladimir Putin erklärte kurz darauf, es handele sich um einen Auftragsmord und eine „außergewöhnliche Provokation“. Der amerikanische Präsident Barack Obama rief die russische Regierung zu einer „raschen, überparteilichen und transparenten Ermittlung“ auf.

Der deutsche „Zeit“-Journalist Michael Thumann, kommentierte seinerzeit:

„In Russland herrscht eine Hexenjagd, in der die öffentliche Bloßstellung von Oppositionellen und politischen Gegnern Putins zum Tagesgeschäft gehört. Das Fernsehen hetzt gegen die Opposition, behauptet, sie sei vom Ausland bezahlt und würde den vom Volk geliebten Putin stürzen wollen. Putin selbst spricht immer wieder von ‚Staatsfeinden im Innern‘, die Russland zerstören wollten. Es ist der staatlich geförderte Hass, der Boris Nemzow umgebracht hat.“

Die Liste ungeklärter Morde an Oppositionellen ließe sich beinah endlos fortführen, etwa der Fall des Stanislaw Markelow. Der Anwalt vertrat die Familie einer ermordeten 18-jährigen Tschetschenin. Ihr Mörder, der russische Offizier Jurij Budanow, war frühzeitig aus der Haft entlassen worden. Markelow kündigte auf einer Pressekonferenz an, dass er dagegen Klage erheben werde. Kurz danach wurde er auf offener Straße in Moskau hinterrücks erschossen.

Im Januar 2009 wurde auch die junge Journalistin Anastasija Baburowa von der Nowaja Gaseta ermordet, eine Zeitung, die die Existenz der gefürchteten Todeskommandos des kremltreuen Republikchefs Ramsan Kadyrow aufdeckte. Sie wurde vor ihrem Haus in Grosny verschleppt und Stunden später in der Nachbarrepublik Inguschetien in einem Straßengraben tot aufgefunden. Der Fall wurde nicht aufgeklärt.

Alles nur Zufälle? In Deutschland gibt es Menschen, die das tatsächlich vertreten, befeuert durch reichweitenstarke Nischenmedien, die direkt aus russischen Geldquellen finanziert werden. Sicherheitskreise in Deutschland und anderen europäischen Staaten sehen eine Bank in der Schweiz in die Finanzierung dieser antiwestlichen Propagandakampagne maßgeblich verwickelt. Und einzelne Abgeordnete des Deutschen Bundestages.

Das alles ist keine Nebensächlichkeit, was derzeit hier passiert. Und der steigende Ölpreis ist unser kleinstes Problem. Warum eigentlich ist der mysteriöse Todesfall an der Berliner Botschaft der Russischen Föderation erst gestern bekannt geworden? Die Leiche des Opfers ist übrigens längst wieder in Russland, das gegenüber den deutschen Behörden eine Obduktion der Leiche verweigert hat.

Mit besten Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.