Ein System, kein Flugzeug: Die neue Super-Kampfjet der Europäer droht zu scheitern – das wäre ganz schlecht

von KLAUS KELLE

BERLIN/PARIS – Totgesagte leben länger – das Sprichwort gilt in der Rüstungsbranche besonders. Dennoch wird das Future Combat Air System (FCAS) derzeit von vielen Beobachtern bereits abgeschrieben.

FCAS ist eines der ambitioniertesten europäischen Rüstungsprojekte – und war 2017 politisch wie industriell eine direkte Reaktion auf den Brexit. Für Deutschland und Spanien bedeutete es den Ausstieg aus fünf Jahrzehnten Kooperation mit Großbritannien und Italien. Stattdessen sollte gemeinsam mit Frankreich ein neues Kapitel europäischer Verteidigungsintegration aufgeschlagen werden: ein vernetztes Luftkampfsystem, das ab den 2040er Jahren heutige Kampfflugzeuge ersetzt. Ein bemannter Jet, verbunden mit unbemannten Drohnen und digitalen Führungssystemen – ein System, kein Flugzeug.

Warum also steht dieses Projekt unter massivem Druck?

Der Kern des Problems liegt nicht in der Technologie, sondern in der Industriepolitik. Auf französischer Seite steht Dassault – ein Unternehmen, das über Jahrzehnte erfolgreich eigenständig Kampfflugzeuge entwickelt hat und bis heute wenig Interesse an echter Partnerschaft erkennen lässt. Auf deutscher und spanischer Seite steht Airbus, das – auch mit Blick auf Deutschland als vermutlich größtem Kunden – auf Augenhöhe besteht.
Dieser Zielkonflikt ist bislang nicht in Einklang zu bringen. Dassault beansprucht Führung und Kontrolle, wahrscheinlich auch mit Blick auf Exportentscheidungen. Airbus verlangt Mitführung und Gleichberechtigung. Man kommt nicht zusammen.

Hinzu kommt ein tiefer liegender strategischer Unterschied: Frankreich versteht Kampfflugzeuge als Instrument geopolitischer Handlungsfähigkeit in der Sicherheits- und Exportpolitik. Deutschland hingegen verfügt weder über vergleichbare Ambitionen noch über die entsprechende Industriepolitik. Das erschwert die Zusammenarbeit ebenso wie die starke transatlantische Orientierung der Luftwaffe. Diese konnte sich noch nie begeistern für die Idee eines französischen Kampfflugzeuges, wie sie FCAS im Bendler-Block nennen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es eher wahrscheinlich, dass FCAS als gemeinsames Kampfflugzeugprojekt scheitert.

In Berlin, aber auch in Teilen der Industrie und bei Gewerkschaften, wird bereits über einen nationalen Alleingang nachgedacht

Diese Debatte zeigt jedoch weniger eine tragfähige Strategie als den Versuch, industrielle Wunschvorstellungen von den Realitäten zu entkoppeln. Ein solcher Weg wäre finanziell wie technologisch nämlich kaum darstellbar.

Realistischer erscheint, dass Deutschland für das Kampfflugzeug der sechsten Generation erneut Partnerschaften mit Großbritannien, Italien oder mit Schweden sucht. Dafür dürfte es noch nicht zu spät sein.

Doch selbst ein Scheitern des Flugzeugprojekts wäre kein Grund, FCAS insgesamt aufzugeben. Denn der eigentliche Kern des Programms liegt längst nicht mehr im Jet, sondern in der Vernetzung: unbemannte Systeme, digitale Führungsfähigkeit, Datenintegration. Hier entscheidet sich die militärische Leistungsfähigkeit der Zukunft – und hier ist europäische Kooperation nicht nur möglich, sondern notwendig.

Gleichzeitig stellt sich für Deutschland eine strategische Grundsatzfrage: Wie eng will man sich langfristig an Frankreich binden – auch im sensibelsten Bereich der Sicherheitspolitik?

Ein Blick auf die bisherige Kooperation seit den fünfziger Jahren zeigt viele große Erfolgsgeschichten bei Transportflugzeugen, Panzerabwehr, Raketen, Hubschraubern und anderen. Jetzt kommen bewaffnete Drohnen, die Fähigkeit zum Deep Precision Strike, gemeinsame Panzerentwicklungen wie MGCS oder die Combat Cloud für FCAS & MGCS, aber auch grenzüberschreitende Unternehmensfusionen in kritischen Fähigkeiten der Raumfahrt, der Sensorfusion, Air Defense und digitaler Kommunikation in den Blick.

Besonders lohnt aber ein Blick auf das Angebot Frankreichs für einen nuklearen Schirm für Europa. Eine konkrete deutsche Antwort könnte zum Beispiel sein, sich mit einem bedeutenden Beitrag finanziell und industriell als Zulieferer an der Weiterentwicklung französischer Fähigkeiten zu beteiligen – insbesondere bei zukünftigen nuklearen Trägersystemen wie einem französischen Kampfflugzeug. Das wäre mehr als Industriepolitik. Es könnte der Einstieg in eine europäische Abschreckungsarchitektur sein und die Türe zu einer nuklearen Teilhabe öffnen.

Fortschritte in den oben genannten Feldern könnten zu einer Vorwärtsstrategie führen, bei der die Frage, wer wie welches Kampfflugzeug entwickelt, zu einem Nebenkriegsschauplatz wird.

Die Mühe lohnt sich: Denn nichts ersetzt die politische Bedeutung der Partnerschaft mit Frankreich. Gerade in einer Phase wachsender geopolitischer Unsicherheit gilt das mehr denn je.

Deshalb wäre es voreilig, das „Totenglöckchen“ für FCAS zu läuten. Die entscheidende Frage ist nicht, ob dieses Projekt in seiner heutigen Form überlebt – sondern ob Europa die Kraft findet, mit oder ohne FCAS eine echte Vorwärtsstrategie zu entwickeln.

Bildquelle:

  • FCAS-Kampfsystem_Fighter: bundswehr/jane schmidt

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.