Ein Verbot der Prostitution ist genau der falsche Weg, um diese Frauen wirksam zu schützen

Prostituierte auf dem sogenannten "Straßenstrich"

Gastbeitrag von SYLVIA PANTEL

BERLIN – Ein Sexkaufverbot klingt auf den ersten Blick nach einem starken Signal für Frauenrechte. Tatsächlich droht es aber, gerade diejenigen Frauen weiter ins Unsichtbare zu drängen, die Schutz, Beratung und einen realistischen Ausstieg brauchen. Wer Prostitution pauschal verbietet, löst ihre Ursachen nicht, er verschiebt sie in ein Dunkelfeld, das staatliche Stellen, Beratungsangebote und Polizei noch schwerer erreichen können.

Ich habe mich als damalige Berichterstatterin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Themenfeld Prostitution maßgeblich dafür eingesetzt, dass mit dem Prostituiertenschutzgesetz ein rechtlicher Rahmen geschaffen wurde. Das Gesetz wurde 2016 beschlossen und trat am 1. Juli 2017 in Kraft. Es war keine Verherrlichung der Prostitution und auch kein Versuch, sie zu einem gewöhnlichen Beruf zu erklären. Im Gegenteil, es war die Antwort auf einen über lange Zeit unzureichend regulierten Bereich, in dem zu viele Frauen ohne verlässliche Rechte, ohne Zugang zu Informationen und ohne wirksamen staatlichen Schutz tätig waren, damals galt Deutschland als Bordell Europas.

Viele Menschen in der Prostitution kommen aus anderen europäischen Staaten oder Drittstaaten. Sie kennen die deutschen Zuständigkeiten oft nicht, sprechen die Sprache nur begrenzt und wissen nicht, an wen sie sich bei Gewalt, gesundheitlichen Problemen, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen oder Zwang wenden können. Wer in einer solchen Lage ist, braucht nicht den erhobenen Zeigefinger, sondern erreichbare Hilfe, vertrauliche Beratung, Informationen über Rechte, Gesundheitsversorgung, Schutz vor Gewalt sowie konkrete Wege in eine andere berufliche und persönliche Zukunft.

Genau hier setzte das Prostituiertenschutzgesetz an

Es führte eine Anmeldepflicht für in der Prostitution tätige Personen ein, verbunden mit einem Informations- und Beratungsgespräch sowie einer gesundheitlichen Beratung. Es verpflichtete Betreiber von Prostitutionsgewerben zu einer behördlichen Erlaubnis und zu Schutzstandards. Darüber hinaus enthält das Gesetz Regelungen zur Sicherheit und zum Gesundheitsschutz, zur behördlichen Überwachung sowie zur Kondompflicht.

Das war und ist wichtig. In kaum einem anderen Gewerbe würden wir akzeptieren, dass Menschen ohne erkennbare Schutzstandards, ohne überprüfbare Betreiber, ohne Gesundheitsinformationen und ohne klaren Zugang zu Hilfe arbeiten. Niemand käme auf die Idee, im Baugewerbe oder in der Gastronomie auf Arbeits- und Gesundheitsschutz vollständig zu verzichten, weil Missstände existieren. Gerade wenn es Risiken gibt, muss der Staat hinschauen, Mindeststandards setzen und die Betroffenen stärken.

Die Anmeldung ist dabei kein Selbstzweck. Sie schafft überhaupt erst die Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Wer nicht weiß, dass eine Frau in Deutschland tätig ist, kann ihr weder Beratung noch medizinische Unterstützung, Schutz vor Gewalt oder Hilfen beim Ausstieg vermitteln.

Die staatliche Statistik zeigt zugleich die Grenzen dieses Instruments deutlich. Ende 2025 waren rund 32.500 Prostituierte gültig angemeldet, während nicht angemeldete Personen und Gewerbe ausdrücklich nicht erfasst werden. Daraus folgt nicht, dass die Registrierung überflüssig ist. Es zeigt vielmehr, dass der Vollzug verbessert, Beratung ausgebaut und die aufsuchende Sozialarbeit gestärkt werden müssen.

Auch die unabhängige Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes, die der Bundesregierung im Juni 2025 vorgelegt wurde, kommt nicht zu einem einfachen Schwarz-Weiß-Urteil. Sie benennt Stärken und Schwächen des Gesetzes und formuliert konkrete Empfehlungen, um den Schutz von Menschen in der Prostitution zu verbessern sowie Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksamer zu bekämpfen. Die richtige politische Konsequenz lautet deshalb nicht, abschaffen und wegsehen. Sie lautet nachbessern, konsequent kontrollieren und Hilfen verlässlich finanzieren.

Ich halte Prostitution nicht für einen Beruf wie jeden anderen

Viele Frauen sind in höchst prekären, abhängigen oder ausbeuterischen Situationen. Gerade deshalb darf die Politik sie nicht bevormunden und aus dem Blick verlieren. Erwachsene Menschen haben grundsätzlich das Recht, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Wo diese Selbstbestimmung durch Zwang, Armut, Gewalt, Menschenhandel oder Abhängigkeit eingeschränkt ist, muss der Staat entschieden eingreifen gegen Täter, Zuhälter, Menschenhändler und ausbeuterische Betreiber. Zugleich muss er den betroffenen Frauen praktische Alternativen eröffnen.

Die Frauen Union der CDU fordert inzwischen ein Sexkaufverbot nach dem sogenannten Nordischen Modell. Freier sollen bestraft, Prostituierte selbst nicht kriminalisiert und Ausstiegshilfen ausgebaut werden. Dieses Anliegen, Ausbeutung und Menschenhandel zu bekämpfen, ist richtig.

Ein reines Verbot bleibt jedoch der falsche Weg, denn es  verhindert nicht, dass Prostitution in noch unsichtbarere, unkontrollierbare Strukturen abwandert. Selbst Fachstimmen warnen, dass dadurch der Zugang zu Beratungsstellen sowie zu rechtlicher und gesundheitlicher Hilfe erschwert werden kann.

Statt symbolpolitischer Verbote brauchen wir eine Politik des Hinschauens, niedrigschwellige Beratung, ausreichende Ausstiegsangebote, sicheren Zugang zur Krankenversicherung und Gesundheitsversorgung, konsequente Kontrollen der Betreiber, wirksame Strafverfolgung bei Menschenhandel und Zwang sowie eine bessere Zusammenarbeit von Ordnungsbehörden, Polizei und Fachberatungsstellen. Das Prostituiertenschutzgesetz war dafür ein erster notwendiger Schritt. Es war kein Endpunkt.

Wer Frauen schützen will, darf sie weder schutzlos lassen noch sie durch ein Verbot erneut in die Unsichtbarkeit drängen. Schutz entsteht durch Rechte, erreichbare Hilfe, Kontrolle derjenigen, die Geld mit Prostitution verdienen und echte Perspektiven für den Ausstieg. Dafür sollten wir das bestehende Gesetz weiterentwickeln, nicht die Uhr in eine Zeit zurückdrehen, in der der Staat zu oft gar nicht wusste, wer Hilfe braucht.

 

 

Bildquelle:

  • Prostitution_Straßenstrich: adobe.stock/wb77

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