von KLAUS KELLE
PARIS/VATIKAN – Das Verhältnis zwischen dem Vatikan und Frankreich ist in diesen Monaten auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Medien berichten, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seit Wochen um eine offizielle Privataudienz bei Papst Leo XIV. ersucht. Doch das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken weltweit zeigt Macron unbeirrt die kalte Schulter. Beobachter deuten diesen ungewöhnlichen Vorgang als Ausdruck des tiefen Missfallens des Papstes über Macrons Legalisierung der Sterbehilfe und die Verankerung eines „Rechts auf Abtreibung“ in der französischen Verfassung. Beides steht in einem krassen Widerspruch zur Lehre der katholischen Kirche.
Frankreichs katholische Kirche lebt an der Basis – auch ohne eine Kirchensteuer
Arm, aber sexy würde man wohl sagen, wenn es nicht um die Katholiken ginge. Denn die diplomatische Krise zwischen Paris und Rom auf staatlicher Ebene steht im deutlichen Kontrast zur gelebten Spiritualität innerhalb Frankreichs. Trotz des strengen Prinzips des Laizismus, also der Trennung von Kirche und Staat seit 1905, und der sinkenden Zahl praktizierender Gläubiger ist die katholische Kirche in Frankreich alles andere als tot. Sie zeigt sich in vielen Bereichen lebendiger als die strukturell reichere, aber oft überalterte katholische Kirche in Deutschland.
So ist Frankreich etwa mit Lourdes, dem weltweit zweitwichtigsten Wallfahrtsort nach Guadalupe (Mexiko), ein Magnet für Millionen Gläubige jedes Jahr aus aller Welt. Und sie ist fähig, das Volk Gotts auch in der heutigen Zeit zu mobilisieren.
Als im Jahr 2013 in Frankreich die sogenannte „Ehe für alle“ (Mariage pour tous) eingeführt werden sollte, löste das in Frankreich eine der massivsten gesellschaftlichen Protestbewegungen der jüngeren Geschichte aus. Die wurde maßgeblich von katholischen Kräften getragen.
Bei der ersten großen Demo am 13. Januar 2013 zählte die Pariser Polizei rund 340.000 Protestler, Ende März waren mehr als 500.000 auf der Straße – und die katholischen Bischöfe in Soutane mit ihren Hirtenstäben führten den Umzug an.
Auch in Deutschland gab es damals Demonstrationen gegen die Einführung der „Homo-Ehe“ – mit etwa 4000 Teilnehmern. Eine reiche Kirche genügt sich eben selbst und ist satt und träge.
Die französische Kirche mag materiell arm sein – sie erhält keine Kirchensteuer und finanziert sich ausschließlich durch Spenden –, doch ihre Vitalität speist sich aus engagierten Gemeinden, neuen geistlichen Bewegungen und einer starken Verankerung in der Zivilgesellschaft. Diese lebendige Basis steht jedoch unter erheblichem Druck durch eine staatliche Politik, die ethische Prinzipien durchsetzt, die die Kirche niemals akzeptieren kann etwa beim Lebensschutz. Der ist nicht verhandelbar für Katholiken.
Die aktuelle Audienz-Verweigerung ist der aktuelle Höhepunkt einer Reihe diplomatischer Brüskierungen
So hatte der damalige Papst Franziskus Macrons Einladung zur Wiedereröffnung der Kathedrale Notre-Dame demonstrativ ausgeschlagen. Er reiste stattdessen nach Korsika. Franziskus‘ Fernbleiben war ein klares Zeichen der katholischen Missbilligung der französischen Politik zur Abtreibung und Sterbehilfe.
Oder die Inszenierung des „Letzten Abendmahls“ bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024. Macron verteidigte diese blasphemische Geschmacklosigkeit, im Vatikan und der katholischen Welt jedoch war die Empörung groß.
Macron selbst ist getauft, bezeichnet sich heute aber als Agnostiker, also einer, der nicht glaubt, aber auch nichts ausschließt. Politiker eben…
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