England glänzt ohne bunte Binde – 6:2 gegen Iran

Die Engländer setzten sich locker gegen den Iran durch. Foto: Robert Michael/dpa
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von PATRICK REICHARDT, JAN KUHLMANN & THOMAS WOLFER

AL-RAJJAN – Mitfavorit England hat dem Rummel um die symbolträchtige bunte Kapitänsbinde getrotzt und beim lockeren 6:2 (3:0) gegen den überforderten Außenseiter Iran sportlich das erste Ausrufezeichen bei der Fußball-WM in Katar gesetzt.

Die Fans sangen inbrünstig die Nationalhymne «God Save the King», aus den Boxen dröhnte Partymusik. Die englischen Rekord-Auftaktsieger um Torschütze Jude Bellingham klatschten sich locker und grinsend vor einer Ehrenrunde ab. Die Three Lions mit Kapitän Harry Kane, der nach angekündigten Sanktionen der FIFA doch nicht die «One-Love»-Binde für Vielfalt am Arm hatte, startete in Al-Rajjan so deutlich wie nie in seiner Geschichte in eine WM und wies so eindrucksvoll seine Ambitionen auf den Titel nach.

«Wir brauchten diesen guten Start», sagte Doppel-Torschütze Bukayo Saka der BBC: «Es wurde viel über unsere Form geredet und spekuliert, aber wir haben allen gezeigt, wie viel Qualität wir haben und was wir können. Ich bin so glücklich und so stolz.»

Extreme Nachspielzeit

Vor 45.334 Zuschauern, von denen einige wegen Problemen mit der Ticket-App zu spät ins Stadion kamen, erzielte Bellingham (35. Minute) für das Team von Cheftrainer Gareth Southgate das Führungstor. Die Flügelstürmer Bukayo Saka (43./62.), Raheem Sterling (45.+1), Marcus Rashford (71.) und Jack Grealish (90.) legten weitere Treffer nach. Für England war es der erste Sieg seit März, im Sommer gelang in sechs Nations-League-Partien kein einziger Erfolg. Mehr als zwei Tore durch Mehdi Taremi (65./90.+13/Foulelfmeter) waren für den Iran nicht drin. Gleich zweimal gab es aufgrund zahlreicher Unterbrechungen mehr als zehn Minuten Nachspielzeit.

Das Spiel stand schon vor Anpfiff im Chalifa International Stadion, in dem 2019 auch die Leichtathletik-WM stattfand, stark unter politischen und symbolischen Gesichtspunkten. England-Kapitän Kane trug die Binde deshalb nicht, weil die FIFA die Kampagne mehrerer europäischer Verbände als Zeichen für Vielfalt mit Gelben Karten und weiteren Strafen zu sanktionieren drohte. Noch vor einer Woche hatte der Verband FA angekündigt, auch Strafen für das Zeichen für Vielfalt in Kauf zu nehmen. Nun betonten die Verantwortlichen, man wolle die Spieler auf dem Rasen nicht in die Bredouille bringen.

Umso sichtbarer waren die Zeichen des Außenseiters aus Asien – allerdings in ganz anderer Sache. Einige iranische Fans zeigten ihre Solidarität mit den Protesten im Heimatland, indem sie Shirts mit der Aufschrift «Frauen, Leben, Freiheit» trugen. Der Iran wird seit Wochen von den schwersten Protesten seit Jahrzehnten erschüttert. Der Tod einer jungen Frau im Polizeigewahrsam hatte diese ausgelöst, der Sicherheitsapparat reagierte mit Härte. Bei der Hymne schwiegen die iranischen Spieler, die Fans machten zusätzlich Lärm – auch das wird als Protest verstanden.

Sport zum Teil im Hintergrund

Der Sport und damit der erste Auftritt von Vize-Europameister England rückte über weite Strecken ordentlich an den Rand der Aufmerksamkeit. So auch nach etwa zehn Minuten, als Iran-Keeper Ali Beiranvand nach einem heftigen Zusammenstoß mit einem Mitspieler am Boden lag und behandelt werden musste. Die Ärzte tauschten das blutverschmierte Trikot und versuchten, Beiranvand nochmal spielfähig zu machen, doch das klappte nicht. Nach einer Unterbrechung von insgesamt etwa zehn Minuten ging der Torhüter dann vom Feld.

Bei Englands stimmigen Offensivaktionen war erstaunlich oft Abwehrrecke Harry Maguire beteiligt. Erst wurde er im Strafraum folgenlos zu Fall gebracht, dann traf er nacheinander das Außennnetz und per Kopf die Latte. Für Erleichterung sorgte dann Bellingham, der nach einer passgenauen Flanke von Luke Shaw platziert und überlegt ins lange Eck köpfte. Für den BVB-Profi war es ein WM-Debüt nach Maß, er erzielte sein erstes Länderspieltor überhaupt und ist mit seinen 19 Jahren hinter Michael Owen nun Englands zweitjüngster WM-Torschütze.

Das Spiel war zur Halbzeit entschieden

Vor allem die Flügelspieler Saka und Sterling machten für die Southgate-Elf ordentlich Tempo und hatten zahlreiche starke Aktionen. So waren die weiteren Treffer in der ersten Halbzeit, in der es eine skurrile Nachspielzeit von 14 Minuten gab, nur folgerichtig. Beim zweiten Tor legte Maguire per Kopf mit Auge auf Saka ab, der präzise und wuchtig vollendete. Nur zwei Minuten später legte dann Sterling, der von Kapitän Kane maßgerecht bedient wurde, nach.

Das Spiel war zur Halbzeit entschieden, es ging in den zweiten 45 Minuten nur noch um die Höhe des englischen Auftakterfolgs. Saka wurde wieder gut bedient, zog von rechts nach innen und schob zum 4:0 ein. Dann durfte doch noch der Außenseiter jubeln. Topstürmer Taremi vom FC Porto traf zum Anschluss, ehe der gerade erst eingewechselte Rashford mit seiner ersten Aktion wieder für die Engländer erfolgreich war. Zu diesem Zeitpunkt war Abwehrspieler Maguire bereits verletzt ausgewechselt worden. Joker Grealish traf auch noch, Taremis Elfmeter sorgte für den 2:6-Endstand.

Bildquelle:

  • England – Iran: dpa
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