Frank-Christian Hansel hält seine Partei für alternativlos: „Was uns in der AfD trennt, sind eher Stilfragen“

Streitet unermüdlich für eine AfD als große Sammlungsbewegung: Frank-Christian Hansel.
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BERLIN – Frank-Christian Hansel ist Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD im Abgeordnetenhaus von Berlin, Mitglied im Landesvorstand und war in den Anfangszeiten sogar mal Bundesgeschäftsführer seiner Partei. Der Mann der ersten Stunde gehört zu den Realos und wirb unermüdlich 24/7 dafür, in diesen Zeiten, in denen Millionen bürgerliche Wähler heimatlos herumvagabundieren, aus der AfD die große bürgerlich-konservative Sammlungsbewegung zu machen. TheGermanZ wollte das genauer wissen und sprach mit dem Mann.

Herr Hansel, unermüdlich werben Sie landauf landab dafür, dass alle Bürgerlichen nach dem Absturz der Union jetzt zur AfD wechseln sollen. Aber dieser Austausch funktioniert augenscheinlich nicht. CDU und CSU verlieren – und die AfD verliert gleichzeitig auch. Was läuft da schief?

Mir geht es um diejenigen, die verstanden haben, dass die deutsche Politik in den 16 Jahren unter Merkel eine Wendung genommen hat, die Deutschland in eine soziale und wirtschaftliche Abwärtsspirale manövriert hat: Verlorene Technologieführerschaft, Bildungsmisere, falsche Zuwanderung, Staatsverschuldung und Schuldenunion mit der EU, Aufgabe der eigenen nationalen Souveränität und damit Aufgabe von Demokratie und Freiheit. Die zerstörerische Politik dieser Jahre muss ich Ihnen ja nicht erklären, da Sie diese Sicht auf das, was falsch läuft, in unserem Land, ja selbst teilen. Zumindest habe ich in den vergangenen drei Jahren auf den Treffen der von Ihnen veranstalteten „Schwarmintelligenz“ des liberal-konservativen Lagers von „bürgerlichen Dissidenten“, wie ich sie nenne, nichts anderes gehört.

Die lange Liste der Redner in Berlin, Erfurt und zuletzt in Essen teilt im Kern das, was wir als AfD seit 2013 sagen. Und immer fragen Sie am Schluss, was können wir alle jetzt noch tun? So, als würde es die real existierende AfD gar nicht geben. Doch es ist anders herum, Herr Kelle: Nicht-linke Mehrheiten gibt es nur mit der AfD. Ich meine, auf was warten Sie? Selbst ein Hans-Georg Maaßen wird doch in den Medien als angeblicher Rechtsextremist geschmäht.

Das, worauf Sie alle warten, ist eine um alles irgendwie Schmuddelige bereinigte politische Kraft rechts der Mitte. Doch die wird es nicht geben. Die einzig richtige Frage an Sie alle ist: Wie halten wir es in Zukunft mit der AfD?

Aber in Ihrer AfD rumort es doch seit Jahren – das Schiedsgericht hat alle Hände voll zu tun. Ihr Parteichef Jörg Meuthen tritt nicht mehr an – ein Gemäßigter. Bei der ersten Sitzung Ihrer neuen Bundestagsfraktion hat es mächtig gekracht. Die ohnehin eher rechte bayerische AfD hat jetzt noch einen weiter rechts stehenden Vorstand gewählt. Das ist doch kein Modell für die Zukunft…


Es ist dem Machtkartell aus den linken Parteien („gegen rechts“), Mainstream-Medien und Verfassungsschutz nicht gelungen, die AfD aus dem politischen Spiel zu nehmen. Wir haben eine solide Wählerbasis. Die AfD hat ein klares Programm, die Wähler können sich auf uns verlassen.

Und, ja, es gibt im Osten in der AfD einen breiteren Resonanzboden für unsere Themen, weil die gelernten DDR-Bürger eine echte Diktaturerfahrung hatten. Und das, was landläufig unter „Flügel“ läuft, ist ein konstruiertes Narrativ. Und das wird sowohl von Björn Höcke und seinen Getreuen als auch von den uns übelwollenden Medien genutzt. Der dummdreiste Satz von Wanderwitz, die Ossis hätten die Demokratie nicht verstanden, gewinnt umgekehrt an Relevanz: Weil sie genau verstanden haben, wie Diktatur funktionierte und in guten 20 Jahre in der erstrittenen Demokratie gelernt haben, sie zu schätzen, wehren sie sich gegen all das, was man ihnen wieder zu entreißen droht.

Jörg Meuthen hat in seiner unvergessenen Rede auf dem Bundesparteitag in Kalkar deutliche Worte gefunden und den Gedanken gestreift, man könne Ihre Partei ja auch in eine Ost-AfD und eine West-AfD aufspalten. Die einen träumen von einem erfolgreichen Sozialismus mit patriotischen Vorzeichen, die anderen wollen die existierende und tatsächlich erfolgreiche Marktwirtschaft erhalten. Die einen laufen dem Kreml hinterher, die anderen wollen Westen sein. Warum eigentlich nicht?

Zunächst hat Meuthen in der Rede in Kalkar, wenn auch partiell überzogen, in der Sache aber völlig zu recht, sich gegen das Narrativ, die AfD sei eine Höcke-Partei, zu wenden und diejenigen gewarnt, die dieses Spiel in der Partei betreiben.

Betrachtet man sich die Deutschlandkarte der Wahlergebnisse, dann zeigt sich objektiv ein geteiltes Bild. Im Osten eher blau und rot, im Westen mehr schwarz/rot und grün. Die Färbung der Karte unterstützt meine These, dass die politische Sozialisation im Osten zu anderen Wahlergebnissen führt, obwohl dort die gleiche Politik gemacht wird wie im Westen. Im Berlin wird das völlig transparent: Obwohl wir im Berliner Landesverband und im Abgeordnetenhaus für ganz Berlin die gleiche Politik machen, reagieren die Wähler auf sie in Ost und West mit unterschiedlichen Ergebnissen. Dieses Phänomen ist übrigens kein AfD-Spezifikum. Schauen Sie zu den Grünen mit umgekehrten Vorzeichen: Die sind – bei gleicher Politik im Bund – im Westen stark, im Osten spielen sie kaum eine Rolle.

Ich bin mir nicht sicher, ob die von Ihnen genannten inhaltlichen Differenzen, überspitzt Sozialpatriotismus im Osten vs. Marktwirtschaft im Westen, Russlandversteher im Osten, Transatlantiker im Westen, so stimmen. Aus meiner Sicht teilen wir in der AfD erst einmal viel mehr, als uns scheinbar trennt. Was uns unterscheidet, sind am Ende eher Stilfragen, das weniger Laute gegenüber dem manchmal eher Polternden.

Im Dezember findet der nächste AfD-Bundesparteitag statt. Erste Namen werden für Meuthens Nachfolge genannt: Alice Weidel natürlich, aber auch Rüdiger Lucassen aus NRW. Und Tino Chrupalla ist eh gesetzt. Wird es gelingen, einen neuen Vorstand des Ausgleichs zu bekommen, der alle Flügel mitnimmt und nicht nur einen?

Unser Ergebnis bei der Bundestagswahl darf nicht schöngeredet werden. Wir müssen erkennen: Im Westen und in den Großstädten kommen wir aufgrund des Narrativs, wir seien eine Rechtsaußenpartei mit Ostlastigkeit, teils nahe an die fünf Prozent. Wir haben ganz klar ein Imageproblem. Und: Ein zusammengewürfelter Bundesvorstand, der weiterwurschtelt und gespalten ist, kann keine Option für die Zukunft sein. Der neue BuVo braucht eine klare Agenda, das sind wir unseren Mitgliedern schuldig und den Millionen Wählern, die ihre Hoffnung in uns gesetzt und die wir auch teilweise enttäuscht haben.

Darum hoffe und baue und appelliere ich auf den notwendigen Mitgliederzuwachs von außen. Ich baue auf den Aufbruch derjenigen, die nicht mehr warten auf Godot, der nicht kommen wird, die mit uns im Sinne einer Allianz für Deutschland in das größte und erfolgreichste Demokratieprojekt der Nachkriegsgeschichte einsteigen und ihren Einfluss geltend machen, dass die politische Wende, die sich auch in Ihren Schwarmintelligenz-Konferenzen als Desiderat herauskristallisiert hat, umgesetzt werden kann. Ich sehe keinen anderen Weg…

Das Gespräch mit Frank-Christian Hansel führte Klaus Kelle.

Bildquelle:

  • Frank_Christian_Hansel_AfD_PNG: thegermanz
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.