Gaspreise verzehnfacht: Wie sich ein hessischer Bäcker für Kunden und Mitarbeiter durch die Krise kämpft

Mit Sparsamkeit und Kreativität versucht Hartmut Moos sein Geschäft trotz der hohen Energiekosten sicher durch die Krise zu führen.
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von KLAUS KELLE

AßLAR/WETZLAR – Hartmut Moos ist das, was man einen Selfmade-Unternehmer nennt. 1986 gründete er im hessischen Wetzlar „eine kleine Backstube“ mit fünf Mitarbeitern, 1993 erweiterete er seinen Betrieb mit eine weiteren Backstube im beschaulichen 14000-Einwohner-Städtchen Aßlar im Lahn-Dill-Kreis. Inzwichen sind aus den bescheidenen Anfängen 60 Geschäfte mit über 500 Mitarbeitern geworden. „Ohne Moos nix los“, ist einer der Werbesprüche des Unternehmens, bei dem es nicht nur um Gewinnmaximierung geht, sondern wo darauf geachtet wird, dass eingekaufte Produkte aus regionalem Anbau stammen und dass „der Teig ausgiebige Ruhezeiten“ bekommt, damit die „hohen Ansprüche an Frische, Haltbarkeit und Genuss“ erfüllt werden. Doch nun droht Ungemach in Aßlar. Der Grund sind die explodierenden Gaspreise.

„Wir werden nie wieder auf das Niveau kommen, auf dem wir mal waren“, zeigt sich Hartmut Moos im Gespräch mit TheGermanZ pessimistisch über die zu erwartende Entwicklung des Bäckerhandwerks. Musste sein Unternehmen für die Produktion von Brot, Brötchen und süßen Teilchen in seinen Öfen bisher im Jahr rund 60.000 Euro aufwenden, so sieht der Voranschlag für 2023 eine Verzehnfachung der Gaspreise vor – mehr als 500.000 Euro kommen nun noch obendrauf.

Und es ist ja nicht nur die Produktion, es sind auch die 1500 Sitzplätze in den Filialen, wo seine Kunden gemütlich Kaffee trinken und Backwaren genießen sollen – in beheizten Räumen. Gas-beheizten Räumen.

Während der Corona-Pandemie war dieses Café-Geschäft, vorsichtig gesagt, wenig einträglich. „Aber was gerade passiert ist schlimmer als bei Corona“, sagt der Unternehmer. In seinem ganzen Leben als Unternehmer habe er immer die Fäden selbst in der Hand gehabt. „Ich konnte mir überlegen, was ich als Nächstes mache, versuchen, Trends der Zukunft frühzeitig auszumachen“, sagt Moos, aber das sei vorbei.

Während der Corona-Krise habe man nur die staatlichen Anordnungen zu befolgen gehabt. Und jetzt ist Krieg in der Ukraine, jetzt sind die Sanktionen mit all den Folgen für unser Land: „Ich habe keine Möglichkeit, selbst zu handeln und zu entscheiden, wie es mit meinem Unternehmen weitergeht.“

Drei Hauptprobleme in der aktuellen Krise

Um sein Unternehmen und die Mitarbeiter sicher durch die Krise zu führen, muss Moos drei gravierende Probleme lösen: die hohen Energiepreise, die Rohstoffknappheit beim Getreide und „meine Leute müssen bei den steigenden Preisen auch mehr Geld verdienen“. Allein die Umsetzung des Mindestlohns verursache in seinem Unternehmen 56.000 Euro Mehrkosten. Pro Monat.

„Es ist eine gewisse Ohnmacht, weil Du es selbst nicht mehr in der Hand hast“, erzählt Hartmut Moss, während wir zusammen ein Brötchen aus eigener Produktion, mit Käse belegt, essen und Kaffee trinken.

Irgendwie werde er mit seinem Unternehmen durch diese stürmischen Zeiten kommen, ist er sicher, aber alles verändert sich. Rund eine Million Euro habe er zuletzt jedes Jahr in seinen Betrieb investiert. Aber in Zukunft? „Auf fünf oder acht Jahre im Voraus zu denken, das ist einfach nicht mehr möglich.“

60.000 Brötchen, 8000 Brote und 5000 süße Teilchen werden an jedem Tag in Aßlar bei der Bäckerei Moos produziert. Um die Kosten unter Kontrolle zu bekommen wird nun mit noch mehr hingeschaut, wo Einsparpotential ist. Von den bisher elf Öfen in Betrieb laufen nur noch zehn durch intelligenteres Bepacken. Eine „gute Kruste“ sei entscheidend bei kräftigem Brot, Moos hat herausgefunden, dass er das auch mit einer „Anback-Temperatur“ von 280 statt bisher 290 Grad sicherstellen kann.

Vier bis fünf Prozent Energie spart er durch solche Maßnahmen ein. Alles hilft, damit es weitergehen kann.

Hilft die Politik?

Hartmut Moos ist kein Mann, der per se auf Politiker schimpft, egal, was die tun. Irgendwas müssen und werden die schon tun, damit die deutsche Wirtschaft nicht zusammenbricht, denkt er. Aber über die Entscheidung, die deutschen Atomkraftwerke nicht mehr zu nutzen, kann er nur den Kopf schütteln.

Zum Abschied schütteln wir uns die Hand, und ich wünsche dem beeindruckenden Mann viel Glück, die Krise zu überstehen. „Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt“, sagt er zum Abschied.

Bildquelle:

  • Hartmut_Moos: thegermanz
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.