Herr P. hat mir geschrieben, und ich antworte ihm hier, in was für einem Deutschland ich leben will

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Liebe Leserinnen und liebe Leser,

wie Sie wissen, bin ich unzufrieden mit der politischen Schieflage, in die unserer Land weitgehend durch die Schuld von CDU und CSU geraten ist. Die neue rot-grüne Bundesregierung mit dem heldenhaften Christian Lindner, der zwar das Tempolimit verhindert, aber der dafür den Sozialismus möglich macht, ist nicht dazu angetan, meine Laune zu verbessern. Und ich bin sicher, die der meisten von Ihnen auch nicht.

In unseren Planungen für diese Zeitung hängen wir nach sechs Monaten um etwa 200 Abonnements zurück, und die Spendenlage ist für ein Nachrichtenmedium auch nicht berauschend, bei dem, was wir alles noch vorhaben. Aber wie vorgestern an gleicher Stelle geschrieben: Aufgeben ist keine Option. Ein Ehepaar, Leser unserer Zeitung, hat mir heute geschrieben, dass ihnen meine Artikel so gut gefallen, dass sie mich nach Südafrika einladen wollen, wo sie seit einigen Jahren leben. Das hat was, und weil ich dort noch nie war, aber immer neidvoll auf Facebook sehe, dass Joachim Steinhöfel dort oft zu ausgedehnten Fishing-Touren unterwegs ist, überlege ich wirklich, diese Einladung anzunehmen.

Als Publizist erhalten Sie jeden Tag eine Menge Mails, Messenger-Nachrichten und – Achtung, festhalten! – sogar Briefen, so richtig auf Papier. Ich glaube, zumindest unsere beiden Jüngsten wissen gar nicht, wovon ich rede, wenn ich erzähle, dass man früher mit einem Kugelschreiber auf Papier Worte aneinandergereiht hat. Heute Morgen erhielt ich einen Brief von einem unserer Leser. Der bekennt sich dazu, regelmäßig und gern TheGermanZ zu lesen, was ich für eine wirklich gute Idee halte. Und dann schreibt Herr P. weiter und fragt, ob es nicht an der Zeit sei, meinen Analysen jetzt auch eine Vision folgen zu lassen. Im Grunde greift er damit auf, was auch unser „Schwarm“-Gast Josef Kraus letztens in Essen vorschlug: Nochmal neu gruppieren, offen reden, Pläne schmieden. Unser Land, dieses Deutschland, ist zu wichtig und zu schön, um es einfach aufzugeben und charakterlosen Ideologen zu überlassen.

Herr P. schreibt also wörtlich:

„Ich bin mir bewusst, dass Journalismus den Ist-Zustand beschreibt. Aber wäre es nicht mal einen ‚Frühen Vogel‘ wert, Ihre Ideen, Ihren Traum zu beschreiben? Ich bin mir sicher, dass Sie ein inneres Bild vor Augen haben, wie es anders laufen könnte oder zumindest Ansätze, wie vielleicht doch das ein oder andere zu retten möglich wäre – selbst wenn es nie zustande käme.“

Lieber Herr P., Sie haben absolut recht, und ich will zumindest versuchen, mein Deutschland zu beschrieben. Wege zur Veränderung sind dann nochmal ein ganz anderes Thema.

Ich bin wirklich gern Deutscher, ich mag das Land und auch die – meisten – Leute, die ich kennengelernt habe. Klar, der eine Menschenschlag liegt mir mehr, der andere weniger. Das ist normal. Ich bin ein Ostwestfale, da redet man nicht so viel, trinkt Korn und Pils und feiert Schützenfest. Der Rheinländer kann auf Knopfdruck lustig sein, das liegt mir nicht so und er feiert exzessiv Karneval, das ist mir vollkommen fremd. Aber ich liebe es, in der Osternacht im Kölner Dom zu sitzen und mich von der gewaltigen Lithurgie tragen zu lassen. Ich mag die Menschen in Bayern, in Sachsen und Thüringen, aber auch – Achtung, festhalten! – die Berliner. Ich mag Hamburg und Wandern auf dem Deich in Bremerhaven. Ich mag unsere großen Dichter und Erfinder, die Autobauer und den Fußball, ja auch denn noch…trotz allem. Ich mag den englischen Fußball eigentlich noch mehr, aber der ist zu wenig erfolgreich. Obwohl…

Was ich sagen möchte: Ich lebe gern in Deutschland, und ich gehöre gern dazu, zu diesen Deutschen, auch wenn ich selbst ja nichts dafür kann.

Ich werde keine Partei gründen und demzufolge auch kein Parteiprogramm hier abliefern, aber ich nutze den Brief von Herrn P., um Ihnen zu sagen, was mich bewegt, das zu tun, dass ich tue.

Ich bin froh, in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat zu leben. Aber ich sehe auch, dass beides von vielen Seiten angekratzt wird. Und ich sehe, welche Leute das betreiben.

Ich will einen Staat, in dem jeder denken, schreiben und reden darf, was er oder sie will. Das darf man auch heute noch – aber man muss dann halt mit den Konsequenzen leben, wie Zyniker sagen. In meinem Deutschland darf man eine Meinung haben und sagen, ohne Konsequenzen für die wirtschaftliche Existenz oder die körperliche Unversehrtheit fürchten zu müssen.

In meinem Deutschland braucht es keinen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk mehr. 1946 war das eine gute Idee, 2021 ist das ein reiner Anachronismus. Überflüssig.

Ich bin für die Soziale Marktwirtschaft, ja im Grunde sogar für den Kapitalismus als Lebensform, sofern es allen gut geht damit. Sozialismus ist ein Übel, hat noch nie irgendwo funktioniert und wird nie irgendwo funktionieren. Und deswegen muss das Wiederaufleben des Sozialismus überall, wo er sich regt, zu Wasser, zu Lande und in der Luft bekämpft werden. Gewaltfrei versteht sich.

Ich bin für Europa, auch für eine EU souveräner Vaterländer, die gemeinsame Ziele zum gegenseitigen Wohlergehen aller anderen Mitgliedsstaaten verfolgt. Und die sich behauptet gegenüber den anderen Machtzentren auf der Welt. Wie Brüssel mit Ungarn, Polen und anderen Osteuropäern umgeht, ist eine Schande.

Zu den absolut wichtigsten Themen für mich gehört die Förderung und der Erhalt der traditionellen Familie. Nichts ist so wichtig, wie unsere Kindern und deren Wohlergehen. Liebevolle Eltern, ein Staat, der fördert aber nicht gängelt. Und keine Partei, die eine „Lufthoheit über den Kinderbetten“ beansprucht. Solche hatten wir schon mal in den dunkelsten Jahren unserer Geschichte.

Ich will, dass jeder Bürger vor dem Gesetz gleich ist. Und dass jeder auch gegen die eigene Regierung einen fairen Prozess führen und – wenn es gut läuft – sogar gewinnen kann.

Und wenn es Gesetze und Regeln gibt, dann gelten die für alle gleichermaßen. Und wenn jeder Bundestagsfraktion ein Platz im Präsidium des Parlaments garantiert worden ist, dann muss man das auch denen gewähren, die man vielleicht nicht mag. Und wenn jede Parlamentspartei ein Recht auf staatliche Gelder für eine Bildungseinrichtung (Stiftung) hat, dann muss sie diese Gelder auch bekommen. Punkt. Sie wissen, dass ich kein Parteigänger der AfD bin, aber die Art, wie unser angeblich so vielfältiger und bunter Staat mit Taschenspielertricks versucht, dieser Partei, die Millionen Wähler hinter sich versammelt, um ihre Rechte zu betrügen, das ist ganz übel und trägt massiv dazu bei, dass viele Bürger sich angeekelt von unserem Parteienbetrieb abwenden.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.