Ist es zu viel verlangt, zehn Minuten zuzuhören? Respekt und Höflichkeit kommen aus der Mode…

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Liebe Leserinnen und Leser,

Sie wissen, ich bin derzeit in der deutschen Hauptstadt und treffe jede Menge Leute aus Politik und Medien jeden Tag, aber auch echt viele „aus’m Volk“.

Es ist in Berlin Usus, das man es in der letzten Woche vor der Sommerpause noch mal krachen lässt. Nicht, dass die Herrschaften sonst nichts anderes täten, aber es gibt kurz vor den Ferien viele Empfänge, Sommerfeste und manche MdBs treffen sich – auch parteiübergreifend – in irgendeinem urigen Lokal nochmal zum Essen und ein paar Glas Wein, bevor man für zwei Monate auseinandergeht.

Es gibt nicht wenige Zeitgenossen, die unseren Abgeordneten das neiden, ich persönlich finde das kleinkariert. In jedem Betrieb sitzt die Belegschaft auch mal zusammen, Teambildung nennt man das. Und manche lernen sich darüber auch ein bisschen persönlich kennen und nicht nur beim Ankeifen im Fachausschuss. Das kann später bei Absprachen auf dem Flur nochmal wichtig werden.

Das Problem ist nicht, dass Fraktionen beim Sommerfest Currywürste auf Steuerzahlerkosten essen und Bier trinken. Aus meiner Sicht sind nicht einmal die Diäten das Problem, wenn die Leute vernünftige Arbeit machen. Das eigentliche Problem ist, dass unser Parlament viel zu groß ist. Wirklich viel zu groß. Über 700 Abgeordnete im Bundestag als Repräsentanten von 80 Millionen Bürgern, wenn die Amis mit 400 Parlamentarieren für 300 Millionen auskommen – das können sie keinem normalen Menschen erklären.

Gestern Abend feierte der Parlamentskreis Mittelstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion – das PKM-Fest gibt es seit vielen Jahren und ist beliebt, was die langen Schlangen auf dem Roten Teppich vor dem Kronprinzenpalais auch gestern eindrucksvoll belegten. Eine bayerische Kapelle spielte zünftig auf, und sofort sammelten sich junge Asiatinnen an der Straße, um mit ihren Smartphones die Magie des Augenblicks festzuhalten. Sie schicken die Videos dann zu ihren Familien nach China und schreiben dazu 德国人就是这样, übersetzt: So sind’se, die Deutschen.

Ein Abgeordneter aus NRW, der seit 40 Jahren zu meinen engsten Freunden gehört, hatte mich eingeladen. Journalist? Kann man machen. Und bevor ich wieder Leser verliere: Ich habe den ganzen Abend ein einziges Bier getrunken und eine Scheibe Spießbraten mit Kartoffelsalat gegessen. Auch in Zeiten der Krise halte ich das für vertretbar.

Friedrich Merz und Alexander Dobrindt begrüßten die sicherlich 1000 Gäste bei strahlendem Sonnenschein im Garten und hielten kurze und launige Begrüungsreden. Und da komme ich zum unschönen Teil: Es ist unfassbar, mit welch einem Lärmpegel ungerührt weitergequatscht wird, wenn zu Beginn des Abends mal ein paar Minuten zugehört werden sollte. Aus Respekt, aus Höflichkeit. Aber viele Leute reden in einer Lautstärke weiter, wenn der Gastgeber eröffnet.. Und nein, das ist nicht nur bei der Union so, sondern auch bei echten Familienfeiern…

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

 

 

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.