John Rabe, der deutsche Held von Nanjing

John Rabe, der "gute Nazi" rettete 250.000 Menschen.
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von MARC KNIFFKA

Der Himmel glühte schauerlich rot und es roch nach Tod. Nanjing die historische Hauptstadt des jahrtausendealten Chinas am Rande des Jangtsekiang-Deltas lag im Sterben und glich der Pforte zur Hölle. Hunderttausende Leichen und abgeschlagene Köpfe säumten die Straßen, Plätze und Häuserruinen, wovor japanische Invasoren triumphierend die Flagge der aufgehenden Sonne schwenkten. China erlebte die dunkelsten Stunden seiner Geschichte.

Wir schreiben das Jahr 1937. Das Kaiserreich Japan hat erneut seine Armeen in Gang gesetzt um möglichst große Teile des chinesischen Festlands zu erobern für seinen Traum der Großostasiatischen Wohlstandssphäre. Bereits zu Beginn des Jahrzehnts wurden weite Teile des nördlichen China von japanischen Truppen überflutet und die Republik China hatte dem nichts entgegenzusetzen. Nationalisten, Kommunisten und verschiedene Warlords lagen untereinander im Bürgerkrieg, und die offiziell herrschende Kuomintang, die Nationale Volkspartei Chinas, hatte in weiten Teilen desLandes keine Möglichkeit die Staatsgewalt auszuüben.

Ein gefundenes Fressen für den östlichen Nachbarstaat um mit einfachen Mitteln große Stücke aus dem Kuchen China herauszureißen.

Mitte Juli kam es zum berühmten Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke unweit Pekings, wo sich chinesische und japanische Soldaten Feuergefechte lieferten. In der Folge kam es zur Schlacht von Shanghai, die unerwartet lange und heftig geführt wurde. Annähernd 200.000 Soldaten auf beiden Seiten verloren in einem brutalen Häuserkampf ihr Leben, der erst endete, als sich die Chinesen aufgrund einer drohenden Einkesselung aus der Stadt zurückzogen. Die ausgesprochen hohe Zahl der Opfer basierte auf einem Befehl des japanischen Kaisers Hirohito, der ausdrücklich besagte, dass bei der Behandlung von chinesischen Kriegsgefangenen nicht die Haager Konvention anzuwenden sei.

Das Kaiserreich Japan, welches auch nie die Genfer Konvention unterzeichnet hatte, machte in China fast keine Gefangenen. Chinesische Soldaten, die sich ergaben, wurden in der Regel direkt erschossen, so dass es zum Ende des Krieges gerade einmal 56 chinesische Kriegsgefangene gab.

Im Dezember 1937 erreichte die japanische Armee Nanking, wo es ebenfalls zu einer erbitterten Häuserschlacht kam. Daneben kam es zu massiven Bombardierungen, Plünderungen, Brandschatzungen, Vergewaltigungen und Massenhinrichtungen unter der Zivilbevölkerung. Besonders widerwärtig war dabei ein Wettkampf zweier japanischer Offiziere, die darum rangen, wer von ihnen als erster 100 Menschen mit dem Schwert töten würde. Über 10.000 Zivilisten wurden unter dem Vorwand. in ein Lager gebracht zu werden, vor der Stadt mit Maschinengewehren wortwörtlich abgeschlachtet, und weitere tausende Zivilisten ertranken auf der Flucht elendig im Jangtsekiang.

Der ehemaliger japanische Soldat Tadokoro Kozo schrieb dazu in einem Buch :

„Wie benutzten Stacheldraht um die gefangenen Chinesen zu Zehnerbündeln zusammenzuschnüren und banden sie an Gestelle. Dann schütteten wir Benzin auf sie und verbrannten sie lebendig…ich fühlte mich, als würden wir Schweine töten.“

Ein weiterer Autor, Nora Sausmikat, schrieb :

„Nach Zeugenaussagen schnitten die marodierenden japanischen Soldaten Frauen die Brüste ab, nagelten Kinder an die Wände oder rösteten sie über offenem Feuer. Sie zwangen Väter ihre eigenen Töchter zu vergewaltigen und kastrierten chinesische Männer. Sie häuteten Gefangene bei lebendigem Leib und hängten Chinesen an ihren Zungen auf.“

Die in der Stadt verbliebenden Europäer versuchten die chinesischen Einwohner vor den Massakern zu retten, indem sie eine entmilitarisierte Sicherheitszone in der Stadt einrichteten. John Rabe (1882-1950), der Leiter der Siemens-Werke in der Stadt wurde dabei zum Vorsitzenden des „Internationalen Komitees für die Nanjing Sicherheitszone“ gewählt und leitete von nun an unter Einsatz seines Lebens die Rettung von mehr als 250.000 Menschen. Als Deutscher hatte Rabe gegenüber dem japanischen Militär eine gewisse Anerkennung, wohl da beide Länder enge diplomatische Kontakte pflegten, und da die Firma Siemens in Japan aufgrund ihres Knowhows und ihrer Wirtschaftsleitung hoch im Kurs stand.

Die abgesteckte vier Quadratkilometer große Schutzzone wurde größtenteils vom japanischen Militär toleriert, so dass sich die geflüchteten Menschen dort relativ sicher fühlen konnten und die Massaker überlebten. Rabe nahm selbst auf seinem Grundstück und in seinem Privathaus mehr als 650 Flüchtlinge auf und stellte auch zur Versorgung der Menschen sein gesamtes privates Vermögen zur Verfügung, so dass in den Wochen des Massakers die Menschen genug zu essen hatten.

1938 wurde Rabe nach Deutschland zurückbeordert und dort direkt für kurze Zeit von der Gestapo inhaftiert. Rabe wurden Vorträge über seine Erlebnisse in Nanking untersagt, aber er durfte wenigstens seine Aufzeichnungen und Tagebücher behalten. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges überlebte Rabe nicht mehr lange, denn seine schwere Diabetis hatte ihm bereits schon in China schwer zu schaffen gemacht. 1950 verstarb John Rabe an den Folgen eines Schlaganfalls vergessen und völlig verarmt.

Erst 1996 entsann man sich seiner wieder, als seine Enkelin Ursula Reinhardt der internationalen Öffentlichkeit die Tagebücher ihres Großvaters auf einer Pressekonferenz in New York vorstellte. Das Tagebuch wurde von Historikern umgehend als eine herausragende historische Quelle eingestuft und Rabe aufgrund seiner humanitären Leistungen als „Oskar Schindler Chinas“ betitelt. 1997 erschienen die Tagebücher in Auszügen in Deutschland, Japan, China und den USA, woraufhin die New York Times titelte „Der gute Nazi“.

Was bleibt sind die Erinnerungen an einen Menschen der Zivilcourage gezeigt hat und 250.00 Menschen das Leben gerettet hat, aber es bleiben auch die bis zu 300.000 Opfer des Massakers von Nanking, die heute fast vergessen sind. Krieg ist die größte Perversion der Menschheit – deshalb gilt, das man stets erinnern muss, damit solche Auswüchse der Unmenschlichkeit niemals wieder geschehen.

Helden sind dafür da, dass man nicht vergisst und John Rabe ist einer dieser Helden.

Bildquelle:

  • John_Rabe: china archiv
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