Kane versemmelt Elfmeter: Frankreich im Halbfinale

Die französischen Spieler feiern den Sieg, Englands Harry Kane (l) kauert auf dem Rasen. Foto: Robert Michael/dpa
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vpn JAN MIES & PATRICK REICHARDT

AL-CHAUR – Wie versteinert kauerte Harry Kane auf dem Rasen, nur ein paar Meter entfernt hüpften Frankreichs Titelverteidiger feiernd im Kreis. Englands Kapitän hatte beim 1:2 (0:1) im letzten WM-Viertelfinale gegen den Weltmeister erst einen Strafstoß verwandelt (54.) – und dann einen vergeben (84.).

Trainer Gareth Southgate, einst selbst Elfmeter-Fehlschütze der Three Lions, versuchte es sofort nach dem Abpfiff im Al-Bait Stadion in Al-Chaur mit tröstender Aufbauarbeit. Es half nicht viel: Englands Titeltrauma hält mindestens noch eineinhalb Jahre an.

Aurélien Tchouaméni (17.) und Olivier Giroud (78.) trafen vor 68.895 Zuschauern für die Équipe Tricolore von Didier Deschamps, die am Mittwoch gegen Marokko um die Endspielteilnahme spielt. Frankreich wandelt auf den Spuren der legendären brasilianischen Auswahl, die 1962 als bisher letztes Team den WM-Triumph direkt wiederholt hatte.

«Das ist außergewöhnlich. Wir haben super gut gearbeitet. Das hat mich an das Spiel gegen Belgien 2018 erinnert. Am Ende waren wir die Glücklichen. Das ist super für unsere Mannschaft», sagte Matchwinner Giroud und war nach dem Sieg im Gipfeltreffen erleichtert: «Das war ein dickes Ding. Wir wussten, was diese Generation von jungen englischen Talenten drauf hat. Wir hatten die richtige Mentalität. Es geht so weit, wie es gehen kann. Ich bin sehr stolz auf dieses Team.»

Deschamps mit Respekt vor Marokko

Nun wartet Marokko als letzte Hürde vor dem Finale. «Marokko verdient auch Respekt. Eine richtige Überraschung sind sie nicht, die haben wirklich was drauf», sagte Deschamps. Vielleicht habe Frankreich ein bisschen Glück gehabt. «Wir genießen das jetzt erstmal.»

England hingegen reist nach dem verlorenen EM-Finale in Wembley im Vorjahr wie schon so oft früher als gewollt ab. Den letzten Titel bei einem großen Turnier gewannen die Three Lions 1966 im Finale gegen Deutschland, das noch in schwarz-weiß übertragen wurde. ««Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Es hätte so und so ausgehen können. Wir hatten die mentale Stärke. Wir haben alles gegeben. Es hat nicht gereicht», sagte Liverpool-Star Jordan Henderson und meinte mit Blick auf Kane: «Wie viele hat er für uns getroffen? Wie viele Elfmeter? Wie viele Tore? Er ist ein Weltklasse-Stürmer. Ohne ihn kann ich mir unser Team nicht vorstellen.»

Die britischen Fans waren in der einem Wüstenzelt nachempfundenen Arena zwar in der Überzahl. Zumindest war das «Come on, England» deutlich lauter zu hören als «Allez, les Bleus». Die beiden Regierungschefs Emmanuel Macron und Rishi Sunak hatten sich vor der Partie bei Twitter ein kleines Spaßgeplänkel geliefert, wer denn nun ins Halbfinale einzieht.

Mbappé leitet Führungstor ein

Nach England sah es in der Anfangsphase nicht aus. Die Auswahl von Gareth Southgate agierte im Spielaufbau ideenlos – und leistete sich ungewohnt viele Fehler. Frankreichs Tempo-Sturm nutzte das gnadenlos aus.

Der nicht zu stoppende Kylian Mbappé wechselte mit dem Ball am Fuß die Seite und leitete damit die Führung ein. Tchouaméni traf sehenswert nach Vorlage von Antoine Griezmann aus gut 25 Metern, der Ball schnellte dabei auf 108 km/h. Erstmals bei dieser WM lag England hinten, und jetzt kam Kane.

Der Stürmerstar von Tottenham Hotspur prüfte seinen Vereinskollegen Hugo Lloris im französischen Tor in der 21. und 29. Minute, war nun präsenter. Das Spiel der Three Lions wirkte nicht mehr ganz so statisch, auch Jude Bellingham hatte mehr Ballaktionen. Kurzzeitig hatten die Engländer auf einen Elfmeter gehofft, als ein Zweikampf zwischen Bayern-Profi Dayot Upamecano und Kane an der Strafraumgrenze per Videobeweis überprüft wurde. Schiedsrichter Wilton Sampaio (Brasilien) unterbrach das Spiel lange, doch einen Strafstoß gab es nicht.

Mbappé fiel in dieser Phase des Duells der beiden «Weltklassespieler» (Southgate) im Vergleich mit Kane etwas ab. Sein Schuss in der 40. Minute ging weit über das englische Tor. Aber das musste bei dem 23-Jährigen nichts heißen. Gegen Polen im Achtelfinale hatte der Paris-Stürmer laut seines Trainers Deschamps nicht vollends überzeugt – aber trotzdem zwei Tore erzielt.

Maguire und Saka vergeben große Chancen

Der Halbzeit-Rückstand war in der aufregenden englischen Fußballhistorie ein schlechtes Omen: Noch nie gewannen die Three Lions ein WM-Spiel, wenn sie zur Pause hinten lagen. Bellinghams Versuch, sich dem entgegenzustemmen, wurde kurz nach dem Wiederanpfiff von Lloris über das Tor gelenkt (47.). Dann gab es aber doch Strafstoß für England. Tchouaméni holte Bukayo Saka im Strafraum von den Beinen, Kane ließ sich die Chance bei seinem elften WM-Einsatz als England-Kapitän nicht nehmen. Der 29-Jährige zog mit seinem 53. England-Tor mit Rekordschütze Wayne Rooney gleich.

Die Briten wurden in der Folge besser, hätten das zweite Tor schon zur Mitte der zweiten Halbzeit verdient gehabt. Harry Maguire (70.) und Saka (71.) vergaben aussichtsreiche Möglichkeiten. Giroud bestrafte die mangelnde Chancenverwertung zu Beginn der Schlussphase: Den ersten Versuch des 36-Jährigen konnte Englands Torwart Jordan Pickford noch entschärfen (77.), beim zweiten per Kopf war er aber machtlos.

Das ungestüme Abwehrverhalten von Theo Hernández, das wieder vom Videoassistent überprüft wurde, führte zum zweiten Strafstoß. Kane legte sich den Ball in aller Ruhe zurecht – und schoss weit drüber. Als dann auch Marcus Rashford in der Nachspielzeit einen Freistoß knapp über das Tor setzte, war das Aus für England besiegelt.

Bildquelle:

  • Freud und Leid: dpa
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.