Koch und Kellner: Warum dürfen frühere Kanzler und Geheimdienstler beim potentiellen Feind anheuern?

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Wenn ich die Fotos der Männerfreunde Gerhard Schröder und Wladimir Putin im Fernsehen und auf Zeitungsseiten sehe, dreht sich mir nach wie vor jedes Mal der Magen um. Was für ein … denke ich dann über den früheren deutschen Bundeskanzler von der SPD, der auch noch – wie ich – aus dem schönen Landkreis und ehemaligen Fürstentum Lippe stammt.

So wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übrigens auch.

Vor einigen Jahren habe ich dann oft gesagt, das sei schon eine besonders gute Ecke da in Ostwestfalen, zumal ich immer darauf verweisen konnte, anders als die beiden politischen Großtiere in der CDU gewesen zu sein und immerhin bei der Kommunalwahl 1979 – wenige Monate nach meinem Abitur – zum jüngsten Stadtrat in ganz Nordrhein-Westfalen gewählt worden zu sein.

Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, was seitdem mit meinem, mit unserem Land passieren würde

Meine Sicht auf Steinmeier war nie sonderlich positiv. Seit er deutsches Staatsoberhaupt wurde, empfinde ich tiefe Abneigung gegen den Bundespräsidenten, der sein Amt weder souverän (Feine Sahne Fischfilet) noch neutral (böse, böse AfD) gestaltet. Bei Gerhard Schröder ist das anders.

Obwohl einer von den „Roten“, imponierte mir der kometenhafte Aufstieg des Jungen aus Mossenberg, heute ein Stadtteil von Blomberg. Da war ich oft eingeladen, und immer wenn es in der lippischen Jungen Union kräftige Raufereien gab – die Blomberger JU war auf meiner Seite. Sympathische Leute dort.

Gerhard Schröder kam nicht zur Jungen Union, als Jugendlicher wurde er Jungsozialist und Sozialdemokrat.

Folgerichtig, denn die Schröders waren, was man „arme Leute“ nennt. Sein Vater fiel 1944 im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Rumänien. Seine Mutter Erika brachte – wie viele Kriegerwitwen damals – die Familie als Putzfrau und Fabrikarbeiterin durch. Die Familie wohnte in einer Baracke direkt am Sportplatz und litt in der Nachkriegszeit oft unter Hunger.

In den 1950er und 1960er Jahren spielte Schröder Fußball, erst beim TuS Bexterhagen, bevor er als Stürmer bei den Giganten des TuS Talle anheuerte. Seine Mannschaftskameraden nannten ihn damals „Acker“, weil er unermüdlich ackerte und bei jedem Spiel den Rasen umpflügte.

Ich will hier keine Biografie schreiben, aber der junge Gerd weckt in mir schon Erinnerungen an meine Jugendzeit dort.

Immerhin lebte ich die ersten 25 Jahre meines Lebens dort im Schatten des Teutoburger Waldes, und es war eine verdammt schöne, behütete Zeit.

Ach kommen Sie, erlauben Sie mir, dass ich noch schnell eine Anekdote von damals erzähle…

Nach den Sitzungen des Bad Salzufler Stadtrates zwischen 1979 und 1984 war es üblich, dass die Mitglieder der Ratsversammlung nach Ende der Sitzung gemeinsam in die Rathaus-Kantine gingen und belegte Brote (Salami, Käse) und Herforder Pils aus der Flasche serviert bekamen.

Und der kleine Klaus, mit weitem Abstand der Jüngste in der Runde, kam da natürlich auch ins Gespräch mit den großen Alphatieren der Kommunalpolitik. Die waren entweder bei der CDU, der SPD oder der FDP, etwas anderes gab es nicht. Bürgermeister war der unvergessene Kurt Dröge von der CDU. Irgendwann an einem solchen Abend sprach mich der Fraktionsvorsitzende der SPD an – wie ich mit einer Flasche Bier in der Hand.

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„Du bist ja so ein fleißiger und netter Junge“, sagte der Alt-Sozi zu mir und dachte wohl, er sage etwas Nettes, obwohl wir gar nicht per „Du“ waren und das Letzte, was ein 19-jähriger Stadtrat in seiner Wichtigkeit hören möchte, die Bezeichnung „Junge“ ist.

Und dann: „Aber warum lässt Du dir nicht mal die Haare anständig schneiden?“ Die waren damals tatsächlich ziemlich lang.

Ich erzähle Ihnen das, weil es wunderbar das damalige alte SPD-Milieu bei uns beschreibt, wo sich im Dorfkrug jede Woche die gleichen Leute – fast ausschließlich Männer – zum Stammtisch trafen. Mal stand der Wimpel vom örtlichen Sportverein auf dem Tisch, die Woche danach der von den Kaninchenzüchtern und danach der vom SPD-Ortsverein. Wenn ich mir die politischen Verhältnisse heute anschaue, denke ich, es war eine verdammt schöne Zeit.

Doch zurück zu Gerhard Schröder aus Mossenburg. Der zog durch und legte eine steile Karriere hin. Von ganz unten nach ganz oben. Und das imponiert mir und Ihnen sicher auch.

Aber als er als Juso-Bundesvorsitzender 1970 begann, nach Ost-Berlin (DDR) zu reisen, um sich mit Vertretern der Freien Deutschen Jugend (FDJ) „zu Gesprächen“ zu treffen, als er nach Moskau reiste, um sich mit Vertretern des kommunistischen Jugendverbands Komsomol zu treffen, da hätte man ahnen können, dass der Gerd, der nach oben wollte, möglicherweise etwas aus dem Ruder laufen könnte.

Immerhin: Anekdote 2

Wegen seiner aufsehenerregenden Ostkontaktpflege begann die DDR-Staatssicherheit (Stasi) damals, „Acker“ aus Lippe intensiv zu beobachten und Akten über den jungen Juso-Chef anzulegen. Die Stasi schätzte ihn wohl als pragmatischen und überaus ehrgeizigen Linken ein. In einer Aufzeichnung fand man – kein Witz – nach der Wende den Eintrag: „Trinkt gern und viel Bier.“

Schröder wurde deutscher Bundeskanzler und heuerte nur Wochen nach dem Ausscheiden aus diesem hohen Staatsamt bei der Nord Stream AG an, wohlgemerkt Nord Stream 1, es war Dezember 2005.

Für den Vorsitz des Aktionärsausschusses soll er Berichten zufolge eine feste Vergütung von rund 250.000 Euro im Jahr erhalten haben. Beim staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft, wo er von 2017 bis Mai 2022 den Aufsichtsrat leitete, gab es ein fixes Jahresgehalt von offiziell 600.000 Euro, und später, als Direktor des russisch-britischen Ölunternehmens TNK-BP, gab es auch noch mal 200.000 Euro obendrauf. Nicht schlecht für einen Jungen aus Lippe, oder? Der auch noch sein Ruhegehalt als Bundeskanzler hatte.

Bei der steilen Karriere half Schröder natürlich die Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin, mit dem er dann irgendwann so eng verbunden war, dass Putin persönlich dafür sorgte, dass die Schröders – damals hieß seine Ehefrau Doris – zwei russische Kinder adoptieren konnten. Putin und Schröder wurden und sind augenscheinlich „Männerfreunde“, und Männerfreundschaft – das ist etwas wirklich Schönes.

Nicht schön ist jedoch, wenn jemand mit dem internen Wissen um die wichtigsten Staatsgeheimnisse der Republik nur einen Monat nach dem Ausscheiden aus dem Kanzleramt ein hochdotiertes Arbeitsverhältnis bei einem anderen Staat eingeht. Zwei, die vorher auf Augenhöhe gesprochen haben, sind jetzt in einem mittelbaren Angestelltenverhältnis – Koch und Kellner nennt der Volksmund das.

Und das darf nicht sein

So wie es nicht sein darf, dass der mächtige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) nach dem Ausscheiden aus dem Amt (und einem kurzen Zwischenspiel als Staatssekretär im Innenministerium) privatwirtschaftlich Geheimdokumente seiner früheren Behörde kauft und an andere Staaten weiterverhökert.

Wer Jobs wie Bundeskanzler, Innenminister oder Geheimdienstchef hatte, wird bestens dafür bezahlt, im Interesse des deutschen Volkes zu handeln, das ihn (oder sie) dafür fürstlich bezahlt und später für eine üppige Altersversorgung sorgt. Dass man diesen Leuten dann erlaubt, das im Amt erworbene Wissen an gut zahlende Kunden – oft auch „Schurkenstaaten“ – meistbietend zu verscherbeln, ist ein Skandal. Wird eigentlich daran gearbeitet, dies per Gesetz zukünftig zu verbieten?

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Klaus Kelle

k.kelle@the-germanz.de

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.