Lass es nie so nah ran an Dich – das ist leicht gesagt

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Liebe Leserinnen und Leser,

gestern war nicht mein Tag, ich weiß nicht, ob es mit Allerheiligen zu tun hat. Am Nachmittag kam eine kleine dpa-Meldung herein von einem Prozess in Lüneburg. Alltag für einen Journalisten, Meldung ins Blatt und fertig. Aber so war es nicht.

Ich habe mich in diesen Fall eingelesen, wo ein Rentner in einem Altenheim seine Frau mit einem Messer getötet hat. Vor einem Jahr, am Muttertag. Man denkt sofort, man wisse, was da wohl wieder für ein jahrelanger Rosenkrieg geherrscht haben muss, der dann eskalierte. Man wird gedanklich gleich in den wahnsinnigen Alltag unserer Zeit hineingezogen. Doch dieser Fall war ganz anders, und je mehr ich darüber herausfand, was wirklich geschehen war, und als ich anfing auf meinem Blog zu schreibenhier , desto mehr Mühe hatte ich, vor meinem PC die Fassung zu bewahren und meine Emotionen unter Kontrolle zu behalten. So eine Tragödie zwischen zwei Menschen, die sich geliebt haben, und denen das Schicksal so dramatisch mitgespielt hat…man denkt unwillkürlich: Mit was für einem belanglosem Krempel beschäftigen wir uns eigentlich jeden Tag? Wer CDU-Vorsitzender wird oder dass Fräulein Thunberg einen Schmetterling gefangen hat oder was weiß ich.

Letztlich geht es doch um den Lebensallttag der Menschen, und dass sie gut leben können, gesund bleiben und anständig sind. Und dass aus ihren Kindern gute Menschen werden, die das Feuer weitertragen- „Gewerkschaften fordern Fortschritte im Länder-Tarifstreit“ kommt gerade rein. Morgen berichten alle darüber. Dieses alte Ehepaar aus Lüneburg wird morgen schon wieder vergessen sein.

Eigentlich wollte ich für heute früh selbst eine Kritik über das frisch erschienene Buch von Birgit Kelle verfassen: „Camino – Mit dem Herzen gehen“ heißt es, ich habe es von vorne bis hinten durchgelesen – natürlich. Aber ich kann es nicht schreiben, weil ich persönlich zu nah dran an all dem bin und Birgit mit meinem Herzinfarkt im Januar 2016 beginnt. „Camino“ ist ein wunderbares Buch geworden, es beschreibt ihre persönliche Pilgerreise auf dem Jakobsweg, ihre Gedanken, ihre Begegnungen und ihre Erfahrungen mit dem, was viele von uns Gott nennen. Ein umwerfendes Buch, das wir natürlich hier in den nächsten Tagen ausführlich vorstellen werden. Aber eben nicht ich selbst.

Was ich sagen möchte: Journalisten sind wie Ärzte oder Pfleger in einem Krankenhaus oder in einem Hospiz, sind wie Kriminalbeamte oder Psychotherapeuten. Einer der obersten Grundsätze lautet immer: Lass es nie so nah ran an Dich, dass Du es abends mit nach Hause nimmst! Und genau das funktioniert eben nicht immer wie in einem Handbuch aufgeschrieben. Wir haben mit Menschen zu tun, und nicht nur mit ihren guten Seiten und auch nicht nur mit guten Menschen. Und an so Tagen wie gestern, da verschwimmen die Dinge, da ist es nicht mehr möglich, einfach nur nüchtern und cool seinen Job zu machen.

Und wissen Sie was? Es ist gut, dass man die Schicksale anderer Menschen nicht einfach so abstreifen kann.

Kommen Sie gut durch den neuen Tag!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.