von JOSEF KRAUS
BERLIN – Rückblende: Am 14. Oktober debattierte der Bundestag über die 25-Minunten-Regierungseklärung von Bundeskanzler Merz zum unmittelbar bevorstehenden EU-Gipfel. Nun, Merz hat schon bessere und schon schlechtere Reden gehalten. Darum geht es hier nicht. Hier geht es um die 12-Minuten Antwort des Oppositionsführers Tino Chrupalla (AfD). Wenig davon ist erinnerungswürdig, man hat alles schon mal in Variationen gehört. Fast alles. Denn eine Passage zeigt erneut überdeutlich, wie die AfD in Sachen Putin/Russland tickt.
Chrupalla sagte mit Blick nach Moskau und als Entgegnung auf Merz:
„Wir können und müssen selbst Kontakte etablieren, um selbstverantwortlich und eigenständig bezahlbare Energie für unsere Bürger zu verhandeln … Herr Bundeskanzler, Ihr Vorgänger im Amt, Gerhard Schröder, verfügt über solche Zugänge. Stehen Sie mit ihm dazu in Verbindung, auf Augenhöhe, von Bundeskanzler zu Bundeskanzler!“
Was Chrupalla hier zum Ausdruck bringt, ist die naive, ja lächerliche Subalternität der AfD gegenüber Putin. Einhergehend mit nicht einmal einem Minimum an Empathie für das Leid, mit dem Putin die ukrainische Bevölkerung tagtäglich mit seinem Terrorkrieg überzieht.
Da soll nun plötzlich der Putin-Freund und Putin-Söldner Gerhard Schröder helfen. Ausgerechnet Schröder, der seinem “Freund“ Putin, dem „lupenreinen Demokraten“, am 7. Oktober in dessen Privatwohnung und zu dessen 74. Geburtstag die Aufwartung machte. An einem Oktobertag, an dem – von vermutlich Hunderten an gefallenen Soldaten an diesem Tag auf beiden Seiten wissen wir nichts – 21 Zivilisten, darunter vier Kinder, in der Ukraine dem Terrorkrieg um Opfer fielen.
Putin und Schröder grinsen dennoch frivol in die Kamera – Chrupalla grinst innerlich mit
Seinen Drang Richtung Kreml verbirgt er ja sonst nicht. Angeblich war er seit dem russischen Überfall auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 nicht mehr in Moskau. Aber am 9. Mai 2023 besuchte er zusammen mit Gerhard Schröder und dem früheren DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz einen Empfang der russischen Botschaft in Berlin zum Jahrestag des „vaterländischen“ Sieges über Deutschland.
Chrupalla fühlt sich wohl in der „Moskau-Connection“ der „Frogs“ – der „Friends of Gerhard Schröder“. Ab 1978 war Schröder übrigens regelmäßig in Moskau, seine erste Auslandsreise als niedersächsischer Ministerpräsident führte ihn 1991 nach Moskau. Während seiner siebenjährigen Kanzlerschaft 1998 bis 2005 gab es mehr als 40, oft auch sehr private Treffen mit Putin. Geld stinkt eben nicht. Reinhard Bingener und Markus Wehner haben diese „Connection“ im Frühjahr 2023 auf 300 Seiten sehr ausführlich beschrieben. Titel: „Die Moskau-Connection. Das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit.“ Chrupalla scheint dieses Buch appetitanregend gelesen zu haben.
Um der schrägen Russlandpolitik der AfD die Krone aufzusetzen, verabschiedete die in-spe- und de-facto-Koalition aus AfD und BSW in Magdeburg exakt am 14. Oktober in einem Anflug von politischem Größenwahn einen Antrag, mit dem beide fordern, die Politik der gegen Russland gerichteten Sanktionen und der Waffenlieferungen an die Ukraine zu beenden.
Notwendig seien dafür ein sofortiger Waffenstillstand und die Aufnahme von Friedensverhandlungen mit Russland. Die Ukraine soll demnach nur noch humanitär unterstützt werden. Den Antrag, der wie im Kreml verfasst wirkt, soll die Landesregierung von Sachsen-Anhalt (welche?) in den Bundesrat einbringen. Putin wird dann bestimmt in sich gehen und kuschen, und beide – Putin und die Magdeburger AfD-/BSW-Hufeisen-Connection – stehen somit zum Friedensnobelpreis 2027 an. Wieder an Trump vorbei, dem anderen Autokraten, den die AfD so bewundert-
Wo Chrupalla und seine Magdeburger Genossen agieren, da ist Alice Weidel nicht fern
In einem aktuellen Video-Interview mit der britischen Zeitschrift The Economist bringt sie ihre ganze Geringschätzung gegenüber der Ukraine zum Ausdruck. Dieter Stein, Chefredakteur der Jungen Freiheit und sonst kein radikaler Kritiker der AfD, schreibt dazu am 17. Oktober das Richtige:
„Schockierend ist im Interview die Empathielosigkeit, mit der Alice Weidel – wie auch weitere AfD-Politiker – über ein Volk und seine Führung spricht, die sich seit über vier Jahren gegen einen Aggressor verteidigen. Es ist eine Geringschätzung, mit der man einer Nation begegnet, die ihre Souveränität und Freiheit tapfer behauptet. Weder Weidel im Interview noch die AfD Sachsen-Anhalt in der Entschließung im Landtag sind in der Lage, die russische Aggression beim Namen zu nennen, es kommt zu einer regelrechten Täter-Opfer-Umkehr. Wenn Alice Weidel sagt, die Ukraine sei ‚zu klein‘, um sich gegen die Eroberung durch Russland zu wehren, dann werden diese Worte in Ländern wie Finnland, Polen oder den baltischen Staaten aufmerksam registriert, die kleiner sind als die Ukraine und die im Gegensatz zum von nationaler Selbstverleugnung und pazifistischem Wunschdenken befallenen Deutschland historisch bewiesen haben, sich imperialen Erpressungsversuchen nicht zu beugen.“
Weidels abschätzige Worte über die Ukraine werden bei Osteuropäern aufmerksam registriert
Apropos „zu klein“ – dazu ein wenig Nachhilfe. Wenn man vom europäischen Teil Russlands absieht, ist die Ukraine mit 603.549 km² das flächenmäßig größte Land Europas – mit rund 40 Mio. Einwohnern, also etwa der Bevölkerungsstärke Polens. Zum Vergleich: Frankreich (ohne Überseegebiete) hat 543.941 km², Spanien 498.485 km² (inkl. Inseln); Schweden 438.574 km²; Norwegen ca. 385.207 km² (ohne Svalbard/Spitzbergen); Deutschland 357.581 km². Aha, Deutschland wäre also auch zu klein, um sich alleine zu verteidigen?
Die NATO ist der AfD ohnehin ein Dorn im Auge. Ende 2024 stellte Chrupalla die deutsche NATO-Mitgliedschaft infrage. Die NATO habe auch die Interessen Russlands zu respektieren, sagte er. Andernfalls müsse sich Deutschland überlegen, inwieweit das Bündnis nutzbringend ist. Nun, die Frage bleibt: Soll Deutschland ein russisches, postsowjetisches Protektorat werden? Wie anno dazumal die DDR – in der Chrupalla mit den dort stationierten bis zu 500.000 sowjetischen Soldaten ja bekanntermaßen aufwuchs. Hat ihm das niemand erzählt?
Interessant und besorgniserregend freilich bleibt, wie sich hier die ultrarechte AfD, dort die Ultralinken von der Ex-SED und vom BSW einig sind. Hufeisentheorie nennt man das. Das Hufeisen schließt sich nämlich an den Enden. Wo? In Moskau! Vulgärpazifistische Tyrannophile aller Länder vereinigt euch!
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