von JOSEF KRAUS
PARIS – In Frankreich hat der Staat in mehreren Regionen die Kontrolle verloren. Das hat damit zu tun, dass Frankreich die größte arabische und muslimische Bevölkerung in Europa hat. Dort ist die muslimische Kultur in weiten Bereichen Leitkultur. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie die Lage an Frankreichs Schulen ist, weiß man, wie Frankreich in 20 Jahren ausschauen wird. Vermutlich so, wie es 1973 Jean Raspail im »Heerlager der Heiligen« und 2015 Michel Houellebecq in »Unterwerfung« fiktiv, aber sehr realistisch skizziert hatten.
Islamische Gewalt in den Schulen
Von Bildung kann an Frankreichs Schulen oft kaum noch die Rede sein. Am Ende der Grundschulzeit sind zwei Drittel der Schüler ohne fließende Französisch-Sprachkenntnisse.
Schulen haben oft mehr mit der Gewährleistung von Sicherheit als mit Bildung zu tun. Schulen als Hochsicherheitstrakte mit Drehkreuzen am Zugang, Überwachungskameras und Metalldetektoren sind keine Seltenheit. An nicht wenigen Schulen gibt es eine gewalttätige Scharia-»Sittenpolizei« von nordafrikanischen Jugendlichen. Ein Mädchen, das sich europäisch kleidet, kann schnell als Ungläubige und Hure angesehen und ins Koma geprügelt werden. Schulleiter knicken ein, wenn sie verlangt haben, dass eine Schülerin ihr Kopftuch ablegt. Selbst wenn an französischen Schulen ein Kopftuchverbot gilt.
Zig Schulen mussten im Frühjahr 2024 unter bewaffneten Schutz gestellt werden, nachdem mehr als 130 islamistische Terrordrohungen eingegangen waren.
Ein Gymnasium in der Nähe der Stadt Nantes wurde evakuiert, nachdem Schüler, Eltern und Lehrer Online-Videos erhalten hatten, die Enthauptungen zeigten. Drohungen erhielt eine Gymnasiallehrerin in Issou, die ihren Schülern ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert gezeigt hatte. Weil auf dem Bild nackte Frauen zu sehen sind, schlugen muslimische Schüler theatralisch die Hände vors Gesicht. Eltern warfen der Lehrerin vor, sie habe das Bild extra gezeigt, um Muslime zu verletzen.
Immer wieder gibt es Todesopfer in Schulen oder in deren Umfeld. Am 16. Oktober 2020 enthauptete ein 18-jähriger muslimischer Extremist den Lehrer Samuel Paty auf offener Straße. Eltern und islamistische Aktivisten hatten in den sozialen Medien eine Kampagne gegen den angeblich »islamophoben« Lehrer losgetreten. Schüler zeigten dem Mörder, wo er Paty finden könne. Dem Mörder hatte nicht gefallen, dass Paty den Schülern Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Patys jüngere Schwester Michaëlle sagte in einem Interview mit der Zeitschrift Le Point, dass es in Frankreich immer noch Leute gebe, die nicht sehen wollen, wie sehr islamistische Ideologien die Schule bedrohen.
Am 13. Oktober 2023 wurde der Lehrer Dominique Bernard in einer Schule in Arras ermordet. Der Mörder ist der polizeibekannte Tschetschene Mohammed Mogouchkov. Ihn störte die demokratische Wertevermittlung des Lehrers. Die Familie Mogouchkov ist seit 2014 ausreisepflichtig.
Nichtdestotrotz werden im Hochschulmagazin Polis, das von staatlichen Stellen unterstützt wird, Unterrichtsmaterialien empfohlen, in denen es um »Anti-Islamismus, Mobbing, strukturellem Rassismus und Stigmatisierung« geht. Islamkritiker zu sein ist demnach schlecht und rassistisch, wie es überhaupt schlecht sei, über Islamismus zu reden.
Attentate und Unruhen
Kein anderes europäisches Land hat so viele islamistisch motivierte Morde zu verschmerzen wie Frankreich. Mittlerweile sind es mehr als 300 Tote. Kein Wunder, wenn 92 Prozent der Franzosen laut einer Umfrage vom Frühjahr 2024 meinen, dass die Innere Sicherheit auf dem Rückzug ist. Jeder zweite war schon Opfer eines Angriffs oder eines Diebstahls. Dazu kommen regelmäßig schwerste gewalttätige Unruhen arabischstämmiger Jugendlicher. Ende Juni 2023 etwa, als schließlich 45 000 Polizisten im Einsatz waren, es 3354 Festnahmen und einen Schaden von einer Milliarde Euro gab. Auslöser war, dass ein 17-jähriger mehrfach krimineller Muslim bei einer Autokontrolle erschossen wurde.
Gefördert werden diese Tendenzen in Teilen der muslimischen Bevölkerung von Aktivisten, Influencern und islamischen Staaten wie Katar, die Moscheen und Vereine finanzieren.
Das Problem wurde vom französischen Establishment jedoch lange verschwiegen und verdrängt – aus Angst vor Rassismusvorwürfen. Eine Mehrheit der Linken und viele Bürgerliche tabuisierten das Problem, indem sie Warnern vorwarfen, »Wasser auf die Mühlen der Rechten« zu leiten. Überhaupt sympathisieren viele Linke mit Islamisten – wie man bei den Krawallen vom vergangenen Wochenende beobachten konnte. Der Intellektuelle Pascal Bruckner kritisiert die »Schleimspur des Islam-Gauchismus«, auf welcher Toleranz und humanistisches Engagement durch naives oder gezieltes Wegschauen in ihr Gegenteil abgleiten.
Die Lage in Frankreich mag noch schlimmer sein als in Deutschland
Aber immerhin gibt es in Frankreich – anders als in Deutschland – ernstgenommene Intellektuelle, die sich um Frankreichs Zukunft sorgen und sich keinerlei Multikulti-Illusionen hingeben. Solche Denker werden in Frankreich nicht als »rechts« diffamiert. Der eigentlich linke Philosoph Michel Onfray zweifelt an der Möglichkeit einer »Reconquista« (Rückeroberung Frankreichs), er sagt bürgerkriegsähnliche Zustände voraus und prognostiziert: »Die Republik gibt auf.« Von der politischen Führung nimmt er nur »Prahlereien« und »Humbug« wahr. Das mediale Establishment schwafle ansonsten ratlos von »vielen sensiblen Vierteln«.
Alain Finkielkraut ist ebenfalls ein namhafter Mahner. Der vormalige Professor für Ideengeschichte ist Sohn eines polnisch-jüdischen Lederwarenhändlers, der das KZ Auschwitz überlebt hatte.
In Büchern und Zeitungsessays kritisiert er den »Wokeismus« als »Todeskult« und als »Installation des Hasses auf den Westen im Herzen des Westens«.
Hinzu komme, dass der Wokeismus sich mit dem Islamismus verbinde. Auch Macron schont Finkielkraut nicht: Dieser freue sich zwar, dass im November 2023 ein vereintes Frankreich gegen den Antisemitismus marschierte. Dann aber habe er nicht an diesem Marsch teilgenommen, um die Einheit des Landes zu wahren. In seinem Buch »Ich schweige nicht« (2021) kritisiert Finkielkraut den Westen als besessen vom Antirassismus, er arbeite so an seiner Selbstauflösung. Mit Selbstverleugnung aber könne man den Feinden nicht entgegentreten. Und dann der gewaltige Satz: »Auf islamistischen Fanatismus reagieren Frankreich und Europa mit egalitärem Nihilismus.«
Ebenfalls jüdische Wurzeln hat der Historiker Georges Bensoussan, Sohn einer jüdischen Familie, die 1958 von Marokko nach Frankreich floh. Er sagt im Januar 2024 in einem NZZ-Interview mit Blick auf den 7. Oktober 2023 ungeschminkt: »Ein Teil der eingewanderten Bevölkerung ist ein Reservoir des antisemitischen Hasses, das eines Tages explodieren wird.« Und: »Man verurteilt den Antisemitismus, aber man benennt nicht die Antisemiten.« Seit drei Jahren lebt Bensoussan mehrheitlich in Israel. Damit gehört er zu den Zehntausenden Juden, die Frankreich in den letzten Jahren verlassen haben. Bensoussan sagt auch: »Es gibt rechten Antisemitismus, aber er ist weniger wichtig und weniger gefährlich als der islamische Antisemitismus.
Die extreme Rechte dient offiziell als Argument, um die Realität in Frankreich zu verschleiern
Die Medien spiegeln dieses Frankreich oft nicht wider, sie sind von einer kulturellen, intellektuell verarmten Linken geprägt. Diese Linke erkennt in den Muslimen, angefangen mit denen in Gaza, die neuen ›Verdammten dieser Erde.‹« Bensoussan rechnet damit, dass der Exodus der französischen Juden nach Israel weitergehen wird. In den letzten 20 Jahren hat die jüdische Gemeinschaft in Frankreich rund 100 000 von 500 000 Mitgliedern verloren. Etwa 70 000 sind nach Israel gegangen. Ein Rest wird bleiben, aber auf immer diskretere Weise leben.
Dass ein antisemitisches Klima in Frankreich um sich greift, führt die französische, übrigens linke Autorin Caroline Fourest, die für Charlie Hebdo gearbeitet hat, auf den Fundamentalismus der »Kulturtaliban« in migrantischen und islamistischen
Milieus und auf das Klima in den Universitäten zurück. Eine ihrer Kernaussagen in ihrem Buch ≫Generation offensee≪ von 2024 ist: Unter dem Label »Kampf gegen Islamophobie« mache sich die identitäre, auch die feministische Linke in schier schizophrener Weise mit der Ideologie des politischen (frauenverachtenden) Islam gemein. Fourest berichtet, eine Sprecherin der linksidentitären Gruppe
»Indigènes de la République« habe gefordert, Vergewaltigungen nicht anzuzeigen, wenn der Täter muslimisch sei, um ihn vor rassistischer Polizei- und Staatsgewalt zu schützen. Heute würden Feministinnen jungen Frauen gar erklären, dass der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung und das Kopftuch den Rassisten helfe.
Überflüssig zu erwähnen: Frankreich ist von Deutschland nur durch den Rhein getrennt.
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