„Mehr wir. Weniger ich.“ Über die dümmsten Wahlplakate aller Zeiten

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Liebe Leserinnen und Leser,

wissen Sie, was noch niveauloser ist als das inhaltleere Gerangel um den Job im Bundeskanzleramt, das wir alle in diesen Wochen erleben? Richtig! Es sind diese vollkommen geistlosen und beliebig umzulabelnden Wahlplakate der Parteien. Zugegeben, Christian Lindner ist zur Zeit der Einzige, der an die Model-Qualitäten eines Robert Habeck heranreicht. Aber ein Foto im Halbdunkel beim Aktenstudium und der Spruch: „Nie gab es mehr zu tun“? Ich bitte Sie! Genau den Spruch und das Parteilogo der MLPD oder der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) darunter – würde genau so funktionieren. Allenfalls am auffälligen Gelb/Magenta könnte man bemerken, dass es sich um die Liberalen handelt.

Oder unser ambitionierte Öko-Partei, die schreibt „Unser Land kann viel, wenn man es lässt“ – hellblau eingefärbt, AfD-Logo drunter – passt auch. Oder auch die Bayernpartei – hey, das würde sogar Sinn ergeben.

Am geilsten (entschuldigen Sie bitte!) fand ich gestern Abend ein Wahlplakat, ich glaube eines Kandidaten der CDU in Mönchengladbach, auf dem ich im Vorbeifahren las „Mehr wir. Weniger ich.“ Das ist mal eine Aussage. In vier Jahren lässt der Mann dann „Nicht so. Aber anders.“ draufschreiben oder „Nicht heiß. Eher kalt.“

So belanglos wie die (Nicht-) Aussagen der Kandidaten und mancher Parteiprogramme sind in jedem Fall nahezu alle Plakate, die Sie jetzt überall im Straßenverkehr sehen. So viele, dass Sie gar nicht daran vorbeischauen können. Und das gemeinsame Ziel aller Parteien ist: Bloß nicht Klartext, bloß keiner relevanten Wählergruppe vor den Kopf stoßen, bloß nicht Widerspruch erregen. Bunte Plakate, sympathische Photoshop-Kandidaten und Trigger-Worte, die ein Gemeinschaftsgefühl suggerieren: Aufschwung. Sicherheit. Familie. Energie sichern, gute Bildung, mehr Käsekuchen im Seniorenheim.

Ich verstehe die Werbefritzen, die sich mit solchen Plattitüden im Bundestagswahlkampf eine goldene Nase verdienen. Sie bekommen von den Parteien den Auftrag, sympathisch zu wirken, Siegeszuversicht zu verbreiten und bloß nicht ernsthaft zu provozieren – außer die Parteien, die ohne brachiale Slogans überhaupt nicht wahrgenommen würden. Fast alle Plakate sind austauschbar, so wie die Kandidaten. Baerbock, Laschet, Scholz – keiner von denen hat das Zeug, das Kanzleramt zu übernehmen. Aber einer von ihnen wird es. Mit welcher Agenda genau – das erfahren wir alle erst, wenn es so weit ist. Von den Wahlplakaten der relevanten Parteien jedenfalls nicht.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.