Mein Feund geht nie ans Handy – also wirklich nie…

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Liebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie auch so Leute, die nie ans Handy gehen? Ich meine nicht die, die beim Essen oder in einem Meeting oder beim Geburtstag der ältesten Tochter das Smartphone ausschalten. Das macht jeder Mal, ich auch natürlich. Ich meine die, die nie drangehen. Wirklich nie. Es gibt einzelne, da bekomme ich schon Bluthochdruck, wenn ich nur die Ansage der Mailbox höre, die ich vorher schon 5000 Mal in zwei Monaten gehört habe.

Ich kenne mehrere solcher Menschen, aber ich denke gerade an einen, der wirklich ein besonderer Freund ist. Einer, der nahezu alle düsteren Geheimnisse von mir kennt, und ich hoffentlich wenigstens ein paar von ihm. Da er einige Jahre jünger ist als ich, wird er wahrscheinlich irgendwann bei meinem Begräbnis in der ersten Reihe sitzen und – davon bin ich überzeugt – wirklich trauern, weil wir uns vertrauen und immer zusammenhalten. Man hat nur wenige solche Freunde. Aber er geht halt nicht ans Handy, wenn ich anrufe. Nie.

Vorhin habe ich versucht, ihn anzurufen. Unterwegs im Auto zu einem Abendessen. Seine Mailbox sprang an, ich klickte auf den kleinen roten Telefonhörer. Weg. Und ich rief die Festnetznummer zu Hause bei ihm an. Anrufbeantworter. Wieder weggeklickt. Also rief ich die Handynummer seiner Frau an. Mailbox. Weggeklickt.

Als ich vor dem Restaurant einparkte, rief wenigstens sie zurück, um zu fragen, was ich wolle. „Ich möchte gern mit Deinem Mann sprechen“, antwortete ich, um zu erfahren, dass er gerade unterwegs sei. Aber ich könne ihn am Abend gut erreichen. So ging ich ins Restaurant, begrüßte meinen Gesprächspartner und bestellte ein Moretti-Pils.

Als die Pasta mit Rinderfiletspitzen gebracht wurde, vibrierte mein Handy. Mein Freund endlich dran. „Du, ich bin hier gerade beim Essen im Gespräch, kann ich Dich nachher erreichen?“, fragte ich.

Klar, ich solle einfach anrufen. Kein Problem. „Meld‘ Dich, wenn es passt!“

Auf der Rückfahrt ab 22 Uhr klingelte ich fünf Mal bei ihm durch. Jedes Mal sprang seine nervtötende Mailbox an. Es ist jetzt nach Mitternacht, erreicht habe ich ihn nicht, und er hat auch nicht zurückgerufen. Gut möglich, dass es am Vormittag so weiter geht. So wie jeden Tag, wenn ich ihn erreichen will.

Ich bin 62 Jahre alt, bald 63, und es macht mich irre, und weil ich Ihnen gestern versprochen habe, dass ich mal wieder etwas Gehaltvolles hier schreibe, wollte ich Ihnen das schnell mal erzählen… Kennen Sie auch solche Menschen?

Einen sonnigen Maitag!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.