von KLAUS KELLE
BOCA GRANDE – Julija Wolodymyriwna Mendel ist eine ukrainische Journalistin, die von Juni 2019 bis Juli 2021 als Pressesprecherin des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj tätig war. In dieser Woche erregte sie mit einem brisanten Interview in der Show des US-Moderators Tucker Carlson internationale Aufmerksamkeit, als sie schwere, allerdings auch unbewiesene, Vorwürfe gegen die ukrainische Führung vor einem globalen Publikum erhob.
Mendel wurde am 3. September 1986 in Henitschesk (Oblast Cherson) geboren, studierte Journalismus und arbeitete vor ihrer politischen Rolle für verschiedene ukrainische Fernsehsender und internationale Medien. Nach seinem Wahlsieg 2019 engagierte Selenskyj sie im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung, nachdem sie sich gegen fast 4.000 Bewerber durchsetzte.
Die Frau kann was, zweifellos, auch wenn ihre Art gegenüber Medienvertretern immer wieder zu Kontroversen führte.
So kam ihre Entassung im Juli 2021 nicht überraschend. Und was macht die enge Mitarbeiterin einen wichigen Staatsmannes, wenn sie aus dem Amt ausscheidet? Richtig, sie schreibt ein Buch, ins Mendels Fall „The Fight of Our Lives“, das 2022 erschien. Darin beschrieb sie Selenskyjs Wandel zum weltweit geachteten Anführer während des russischen Angriffskrieges – loyal und positiv.
Doch das Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit aus so einem Job ist für manche Menschen nur schwer zu ertragen.
Wie in Deutschland etwa Aussteiger und Ausplauderer aus der AfD jederzeit die Aufmerksamkeit des medialen Mainstreams finden, so hatte auch Frau Mendel schnell ein neues Geschäftsmodell gefunden. Sie avancierte von der treu ergebenen Mitarbeiterin zur schärfsten Kritikerin ihres früheren Arbeitgebers.
Im anderthalbstündigen Gespräch mit Tucker Carlson am 11. Mai erhob sie massive Anschuldigungen und scheute dabei auch nicht davor zurück, sich in tiefste Kloaken zu begeben.
Präsident Selenskyj sei kokainabhängig, behauptete Menden und weiter: „Das ist für niemanden ein Geheimnis.“ Natürlich ist das möglich. Aber es stellt sich schon die Frage, was das mit seiner Rolle in diesem russischen Angriffskrieg gegen sein Land zu tun hat. Ich versuche es mal mit Whataboutism.
Erinnern Sie sich an den Kokain-Skandal im Deutschen Bundestag im Herbst 2000?
Das Sat.1-Fernsehmagazins „Akte 2000“ hatte damals Reporter losgeschickt, die im Berliner Reichstagsgebäude heimlich Wischproben von den Sanitäreinrichtungen sicherten. Das pharmazeutische Analyse-Institut in Nürnberg unter der Leitung von Prof. Dr. Fritz Sörgel teilte nach Analyse am 1. November 2000 mit, dass auf 22 von 28 getesteten Toiletten Spuren von Kokain nachgewiesen wurden. Und die Proben stammten aus allen Bereichen des Gebäudes – von der Besucherebene über die Fraktionsräume bis hin zum Präsidialbereich.
Das soll die Vorwürfe gegen Selenskyj keinesfalls relativieren, aber im Grunde sagt das nichts über seine Fähigkeit aus, seinen Job als Verteidigungspräsident der Ukraine exzellent auszuüben, wie er es seit mehr als vier Jahren macht.
Kokain blockiert die Wiederaufnahme von Dopamin im Körper und erzeugt kurzfristig extreme Wachheit, unterdrückt Müdigkeit und steigert die Konzentration bei chronischem Schlafmangel. Und nochmal: ich persönlich halte den Gebrauch Rauschmittel insgesamt für ein Zeichen von Schwäche und lehne es ab. Die einzige Droge, die ich nutze, ist ab und zu ein Bier im Stadion oder ein Grauburgunder zum Essen.
Aber selbst, wenn die Vorwürfe Mendels zuträfen: Für mich ist die Frage interessanter, warum sie das jetzt gerade tut? Warum sie bei Tucker auftritt, der seit längerem einen Hang zu russischen Narrativen erkennen lässt in seinen Interviews. Selbst als er am 8. Februar 2024 den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich befragte, vermied der angeblich hehren journalistischen Zielen verpflichtete Carlson jedes kritische Nachfragen selbst zu Kriegsverbrechen wie in Butcha oder der Unterdrückung der Opposition in Russland selbst. Anstatt nachzufragen, fungierte der US-Moderator als handzahmer Stichwortgeber und Höfling, aber ganz sicher nicht als Journalist.
Auch Frau Mendel durfte im Gespräch bei Carlson allerlei krude Vorwürfe unwidersprochen erheben, räumte aber dann zum Beispiel beim Thema Kokain kleinlauit ein, dass sie – eine der früher engsten Mitarbeiterinnen Selenskyjs – ihn niemals beim Konsum von Drogen gesehen zu haben. Ihre Aussagen, so Mendel, stützten sichnur auf Gerüchte und Erzählungen Dritter.
In dem Interview warf sie dem früheren Arbeitsgeber auch vor, sich zu einem autoritären Herrscher und „nationalistischen Hardliner“ entwickelt zu haben, der den Frieden blockiere. Dazu gehöre auch sein Auftreten gegenüber europäischen Partnern wie dem damaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.
Mendel behauptete bei Carlson, Selenskyj sei im Frühjahr 2022 zu weitreichenden Kompromissen mit Russland bereit gewesen, habe den Verhandlungstisch jedoch nach einer Intervention des damaligen britischen Premierministers Boris Johnson verlassen. Auch ein Narrativ, das Moskau gern erzählt, auch denkbar, dass daran etwas dran ist. Aber auch: Was geht es Frau Mendel an, ob Präsident Selensyj mit Präsident Orban unterkühlte Gespräche führte. Warum wift sie gerade jetzt vor einem globalen Publikum mit Dreck nach ihrem früheren Förderer?
Die ganze Show ist in meinen Augen das übliche Anti-Selenskyj-Bashing für die Ruski-Dumpfbacken auch in Deutschland.
Wenn ich Videos von alten verbitterten ehemaligen NVAlern sehe, die Reporter anpöbeln und behaupten, Russland habe die Ukraine nie angegroffen, dann steigt mein Blutdruck.
Manchmal muss ich auch lachen, wenn irgendwo wieder eine neue Selenskyj-„Enthüllung“ auf irgendwelchen Portalen weit verbreitet wird, von denen ich vorher noch nie gehört habe, die aber ganz genau wissen, wie viel Geld und wie viele Yachten und bestimmt auch Goldbarren der ukrainische Präsident gebunkert hat.
Und dann kauft er angeblich das Kehlsteinhaus in Berchtesgaden, das Hitler einst als Teehaus errichten ließ. Und dann kauft er ein Spielcasino auf Zypern für 60 Millionen Euro und seine Frau kauft Seidenunterwäsche im noblen Londoner Nobelviertel Mayfair – und alles natürlich „von deutschem Steuergeld“. Man möchte sich auf die Schenkel klopfen und noch ein Bier bestellen, aber es gibt Hunderttausende Menschen da draußen, die jeden Müll dieser Art für wahr halten, einfach, weil sie diese Horrorgeschichten unbedingt glauben wollen, um ihr Weltbild bestätigt zu bekommen – so absurd es auch ist..
Das ukrainische Präsidialamt hat Mendels Erzählungen gestern scharf zurückgewiesen. Kommunikationsberater Dmytro Lytwyn sagte dazu, sie sei seit langer Zeit „nicht mehr sie selbst“, habe nie an den besagten Verhandlungen teilgenommen und ihre Aussagen seien „nicht ernst zu nehmen“. Auch in ukrainischen Medien und weiten Teilen der Öffentlichkeit stieß ihr Auftritt, bei dem sie sich am Ende auf Russisch direkt an Wladimir Putin wandte, auf Kritik und Heiterkeit. Aber in manchen Regionen Deutschland fühlt man sich jetzt sicher bestätigt…
Bildquelle:
- Julia_Mendel: tucker carlson screenshot
