Öffentlich-Rechtlicher Warn- und Droh-Funk: Wenn der Umgang mit der Corona-Pandemie lebensbedrohlicher wird, als die Wirkung von COVID-19

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von DR. ALBERT WUNSCH

Die Bundesregierung schaltet mit Verweis auf die steigenden Infektionszahlen erneut auf Alarm. Sie hält eisern an den bestehenden Corona-Beschränkungen fest und warnt vor einem zweiten Lockdown. Und die Mainstream-Medien übernehmen diese Botschaft ohne eine kritische journalistische Aufbereitung. Insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender überschlagen sich allabendlich in Zahlenspielen zur Verkündung ständig zunehmender Neuinfektionen. Nachrichtenprogramme werden zum faktenarmen Warn- und Droh-Funk.

Doch solche Informationen produzieren überwiegt Unsicherheit und Angst. Und diese sind keinesfalls gute Begleiter in schwierigen Situationen. Dies trifft auch auf den Umgang mit der Corona-Pandemie zu. Aber wieso schüren die Regierungs-Verantwortlichen und die meisten Medien – bewusst oder fahrlässig – diesen Verängstigungsprozess mit dem ständigen Verweis auf die – aktuell steigenden – Zahlen von Neuinfektionen?

Eine Studie der Universität Passau zur Corona-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen Sender belegt, dass hier ein fundamentales Versagen besteht. Statt einer kritischen Berichterstattung wurde der „ideologische(n) Marschrichtung der Politik“ gefolgt. So lässt sich „die Pandemie im Zusammenhang mit dem Virus SARS-CoV-19 auch als eine Geschichte einer Pandemie der Medien beschreiben.“

Wer gerne mit Zahlen jongliert, sollte sich im Zirkus bewerben

Weshalb wird dieser offensichtliche Anstieg nicht mit der gewaltigen Test-Zunahme in Relation gesetzt? Denn jeder klar denkende Mensch wusste auch schon vor Monaten, dass es eine große Zahl von Infizierten gab, welche aber wegen fehlender Symptome gar nichts davon wussten und somit auch von keiner Statistik erfasst wurden. Da nun durch eine Vervielfachung der Tests auch stark in diesen Dunkelzifferbereich hineingewirkt wird, müsste statistisch herausgerechnet werden, wie hoch wirklich der Anstieg im Vergleich zum Beginn der Pandemie ist. Außerdem gibt es mittlerweile etliche Anhaltspunkte, dass die Zuverlässigkeit der Test wesentlich geringer ist, als von den politisch Verantwortlichen dargestellt wird. Und dass er zusätzlich eine recht kostspielige Momentaufnahme ist, wird eher nur zurückhaltend geäußert und führt bei den Getesteten zu dem fatalen ‚Ich-bin-coronafrei-Gefühl’. Aber schon drei oder fünf Tage später kann alles anders und der Test damit wertlos sein.

Aber selbst wenn nach objektiven Kriterien die Zahl der Neuinfektionen steigen würde, sagt dies noch recht wenig zu einer möglichen Dramatik dieser Entwicklung aus. Denn um eine Einschätzung zur wirklichen Gefahr für die Bevölkerung vornehmen zu können, wäre bei der Benennung von Corona-Zahlen folgende Differenzierung notwendig:

  • Gemeldete Infizierte insgesamt?
  • Gemeldete Infizierte ohne Befund?
  • Gemeldete Infizierte mit leichten Begleiterscheinungen?
  • Gemeldete Infizierte mit deutlichen Begleiterscheinungen?
  • Gemeldete Infizierte mit schweren Begleiterscheinungen?
  • Gemeldete Infizierte, welche auf eine Intensiv-Station müssen?
  • Gemeldete Todesfälle, welche verstärkt durch Covid-19 verursacht wurden.

Und ergänzend wäre die Zunahmen der Infizierten in Relation zur Zunahmen der Testungen zu setzen. So stellen sich denken könnende Menschen täglich die Frage: Weshalb wird diese grundlegende Differenzierung seit Monaten systematisch durch z.B. das RKI, die politischen Verantwortlichen und die großen Medien verweigert? Entspring diese Fokussierung auf nur begrenzt aussagefähige Zahlen der eigenen Profilierung? Werden diese Zahlenspiele als Methode der Panikmache eingesetzt? Oder liegt der Grund in ideologischen Vorgaben?

Fakt ist, dass der Anstieg der Infektionszahlen in den letzten Wochen fast identisch mit dem prozentualen Anstieg der getesteten Personen ist. Ergänzend ist aus dem Umfeld von Krankenhäusern zu vernehmen, dass dort von der viel beschworenen „zweiten Welle“ nichts zu spüren sei. ‚Die Hospitalisierungsrate sei niedrig wie nie zuvor. Es gebe keine coronabedingte Übersterblichkeit.’ Und wenn wirklich die Ansteckungsgefahr durch möglicherweise ‚Neu-Infizierte Urlauber’ vermieden werden soll, dann gibt es eigentlich nur eine 10 – 14tägige Quarantäne als sichere Lösung.

Wer wichtige Informationen weglässt, unterminiert die Glaubwürdigkeit

Wenn wir nach den Gründen für einseitige, lückenhafte, unkorrekte, verfälschte oder aus dem Nichts gegriffene Nachrichten suchen und Unvermögen ausschließen, brauchen wir nur zu erkunden, welche Absichten bzw. Vorteile die Informanten von einem solchen Handeln haben. Fakt ist: Jede Intransparenz, jegliches unredliche oder unwahrhaftige Agieren fördert bzw. provoziert Misstrauen, Ohnmacht oder Angst und wird schnell zum Nährboden für krude Pandemie-Erklärungen, fördert Wut bzw. Hass und gipfelt nicht selten in Gewalt-Aktionen.

Der Begründer der Individual-Psychologie Alfred Adler fordert die Menschen stets dazu auf, die Finalität – das heißt, die meist nicht so leicht erkennbare Zielsetzung – eines Handelns zu erkunden, um so die Motivation – den tiefer liegenden Beweg-Grund – zu erforschen und dann auch zu berücksichtigen.

Was auch im Einzelnen die Gründe sein mögen. Eine fatale Folge ist, dass viele Menschen mittlerweile die ‚offiziellen Verlautbarungen’ nicht mehr ernst nehmen. Sicher kann man sich über Mund-Nasenschutz-Verweigerungen oder unverantwortliche Party-Macher ereifern oder diese gar brandmarken. Aber wenn wichtige Fakten nicht eingebracht werden, entwickelt sich schnell das Handlungs-Muster, sich nur noch nach eigenem Gutdünken bzw. momentanen Bedürfnissen zu verhalten. Und je intensiver andere Auffassungen oder wissenschaftlich fundierte Fakten zur Verbreitung oder zum Umgang mit diesem Krankheits-Erreger der Zensur unterzogen werden, je umfangreicher werden Verweigerungs- und Protest-Verhalten verstärkt. Dies ist dann aber nicht in erster Linie den jeweiligen ‚eigenwilligen Akteuren’, sondern den (un-)verantwortlich Handelnden in Politik und Gesellschaft zuzuschreiben.

Es geht weder um Panikmache noch um eine Bagatellisierung

Resümierend ist festzuhalten: Nach Einschätzung unterschiedlicher Virologen kann die SARS-CoV2-Infektion bis 50 % ohne Beschwerden, evtl. sogar ohne eigenes Bemerken – also asymptomatisch – verlaufen, aber in 10 – 20% der Fälle auch mit lebensbedrohlichen Komplikationen für jung und alt einhergehen. Mit dieser Spannung müssen wir alle umgehen lernen und klare Handlungsschritte für den Fall eines Infektions-Verdachtes im Kopf haben. Da hilft weder Bagatellisierung oder Dramatisierung noch ein ignorierendes ‚Kopf in den Sand’ stecken. Und damit nicht Jeder so handelt, wie sie / er es als angemessen oder gar richtig ansieht, ist Transparenz, Offenheit und ein selbstkritisches Handeln aller Verantwortlichen das Gebot der Stunde.

Diese herausfordernde Situation wird vom Philosophen Jürgen Habernass wie folgt umrissen: „Soviel Wissen über unser Nichtwissen und den Zwang, unter Unsicherheit handeln und Leben zu müssen, gab es noch nie.“ Da ist es nachvollziehbar, dass sich viele Menschen einfach auf eine Seite schlagen, weil es an der notwendigen Ambiguitäts-Toleranz mangelt, um mit dieser ‚Es-kann-so-aber-auch ganz-anders-sein-Spannung’ angemessen umgehen zu können. Auch die häufig beschworene meinungsdominante politische Korrektheit führt in die gesellschaftspolitische Konturlosigkeit mit der Folge einer gezielten Ausgrenzung oder gar Bekämpfung wichtiger Fakten. Stattdessen müssen wir „eine neue Tugend der respektvollen Konfrontation entwickeln“, sagt der Kommunikations-Wissenschaftler Bernhard Pörksen. Denn wenn wir in existentiellen Herausforderungs-Situationen nicht mehr die klarste Problemanalyse und die beste Reaktionsweise im Blick haben, sondern sich stattdessen Politiker bzw. mehr oder weniger Fachkundige gegenseitig zu profilieren suchen, ‚dann bestimmen nicht mehr tragfähige Argumente sondern rechthaberische Verbal-Keulen die Situation’.

© Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

Dieser Text erschien zuerst in der Online-zeitung „The European“.

Albert WunschDer promovierte Erziehungswissenschaftler und Psychologe, tätig als Supervisor (DGSv), Konflikt-Coach und Paarberater, lehrte viele Jahre an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der FOM (Hochschule für

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  • Coronavirus_5: pixabay
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