TOKIO – Es ist ein politisches Erdbeben: Mit ihrem überwältigenden Sieg bei den Unterhauswahlen gestern hat Sanae Takaichi nicht nur ihre Macht gefestigt, sondern ein Mandat erhalten, das Japan deutlich verändern wird. Die erste Premierministerin des Landes steht für einen Kurs, der wirtschaftlichen Aufbruch mit kompromissloser nationaler Sicherheit und einer Rückbesinnung auf traditionelle Familienwerte vereint. Der Wahlsieg der Liberaldemokratischen Partei (LDP) unter Takaichi übertraf die kühnsten Prognosen der Demoskopen. Mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament kann sie jetzt auch die japanische Verfassung ändern. Das galt in dem Land jahrzehntelang als Tabu.
Die konservative und wirtschaftsliberale Takaichi ist keine Politikerin der leisen Töne. Sie gilt als Schützling des verstorbenen Shinzō Abe, dessen Erbe sie nicht nur antritt, sondern in vielen Punkten rechts überholt.
In der Familienpolitik verkörpert sie die japanische Tradition. Während progressive Kräfte auf Reformen drängen, steht Takaichi für das bestehende Familiensystem. So lehnt sie die Einführung unterschiedlicher Nachnamen für Ehepaare strikt ab und sieht in der Bewahrung der patrilinearen Thronfolge des Kaiserhauses ein Fundament der japanischen Identität, das unantastbar ist.
Für Takaichi ist die Familie die Keimzelle der Nation. Ihr Gesellschaftsbild ist geprägt von Pflichtbewusstsein, Disziplin und dem Erhalt nationaler Bräuche. Diese Haltung verschafft ihr besonders in den ländlichen Regionen Japans und bei der älteren Generation massiven Rückhalt, während sie gleichzeitig junge Konservative anspricht, die sich nach einer klaren nationalen Identität sehnen.
Kein Wackeln, sondern klar im Westen verankert
Trotz ihres Fokus auf japanische Traditionen lässt Takaichi keinen Zweifel daran, wo Japans Platz auf der Weltkarte der Geopolitik ist: eindeutig und unmissverständlich im Westen. In einer Zeit, in der die globalen Spannungen zunehmen, positioniert sie Japan als den wichtigsten demokratischen Ankerpunkt im Indopazifik. Takaichi sieht dabei die Sicherheit Japans untrennbar mit der Allianz mit den USA verknüpft. Sie fordert eine noch engere militärische Integration und eine massive Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf über zwei Prozent des BIP. Doch auch gegenüber Europa sucht sie den Schulterschluss. Ihr Ziel ist eine „Werte-Diplomatie“, die Japan enger an die NATO und die EU bindet, um eine geschlossene Front gegen Russland, Nordkorea und China zu bilden.
Besonders deutlich ist ihre Haltung zu Taiwan. Takaichi war eine der ersten hochrangigen japanischen Politikerinnen, die öffentlich klarstellten, dass die Sicherheit Taiwans direkt mit der Sicherheit Japans verknüpft sei. Sie pflegt enge Kontakte zur Führung in Taipeh und macht keinen Hehl daraus, dass Japan unter ihrer Führung im Falle eines Konflikts keine neutrale Beobachterrolle einnehmen würde. Für Peking ist sie damit eine Reizfigur, für den Westen jedoch eine verlässliche Partnerin, die bereit ist, Verantwortung für die regionale Stabilität zu übernehmen.
Takaichis Programm der „Sanaenomics“ verspricht ein Ende der Deflation durch gezielte Staatsinvestitionen in Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz (KI) und Quantencomputing. Durch die temporäre Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel will sie die Kaufkraft stärken und den sozialen Frieden sichern.
Sanae Takaichi steht für ein selbstbewusstes und wehrhaftes Japan. Für ihre westlichen Partner in Berlin, Washington und Brüssel ist ihr Sieg ein Signal der Kontinuität und Stärke. Japan bleibt nicht nur ein Verbündeter, sondern wird unter ihrer Führung zum aktiven Mitgestalter der zukünftigen globalen Ordnung.
Bildquelle:
- Sanae Takaichi: reuters/kim kyung-hoon
