KIEW/WASHINGTON/MOSKAU – Dass Russlands Feldzug in der Ukraine zunehmend zum Desaster wird, ist keine neue Erkenntnis. Seit mehr als zwei Jahren stecken Putins Truppen im Morast der Ostukraine fest, zerstören mal ein Dorf oder rücken 500 Meter vor, aber sie haben sich eingegraben und halten ihre Stellungen mehr oder weniger. Und das russische Oberkommando beschießt die Zentren der Ukraine und insbesondere die Hauptstadt Kiew Nacht für Nacht mit Raketen und Drohnen. Sie zerstören dabei viel kritische Infrastruktur, sodass zehntausende Menschen in eiskalten Wohnungen ohne Strom- und Wasserversorgung aushalten müssen – darunter viele mit kleinen Kindern und alten Leuten.
Der bekannte russische Militärblogger Roman Saponkov war einer der Ersten, der gestern über massive Ausfälle bei den Russen berichtete.
Die Rede ist davon, dass der SpaceX-Chef Elon Musk sein „Starlink“-System für die Russen einfach abgeschaltet hat. Deshalb wurde ein erheblicher Teil der Terminals entlang der gesamten Frontlinie für die Russen blockiert, was die kämpfenden Einheiten massiv einschränkt, die nun ohne jede Verbindung zu ihrem Mutterland dastehen.
In der pro-russischen Bloggerszene ist Saponkov kein Unbekannter. Er gilt als einer der einflussreichsten „Z-Korrespondenten“, der oft direkt von der Front berichtet und immer top informiert ist. Im Gegensatz zu den offiziellen Staatsmedien ist er für seine teils schonungslosen Analysen der russischen Probleme beim Ukraine-Feldzug bekannt. Wenn Saponkov von einer „Katastrophe“ spricht, horcht der Kreml auf, denn seine Berichte spiegeln die ungefilterte Realität einfacher Soldaten wider.
Durch die plötzlichen massiven Probleme wird ein lange gehütetes Geheimnis auf dem offenen Markt diskutiert
Russische Einheiten nutzten „Starlink“-Terminals, die sie über Mittelsmänner in Dubai oder Kasachstan auf dem Schwarzmarkt massenweise gekauft hatten. Da SpaceX offiziell nicht in Russland operiert, war dies, vorsichtig formuliert, eine rechtliche Grauzone.
Und jetzt hat Elon Musk die Reißleine gezogen. In enger Abstimmung mit dem Pentagon und der ukrainischen Regierung implementierte SpaceX ein sogenanntes „Geofencing-Update“, kombiniert mit einer „weißen Liste“. Das bedeutet: Nur noch Terminals, deren Seriennummern offiziell für die ukrainischen Streitkräfte registriert sind, erhalten ein Signal. Alle anderen Geräte, die sich in den besetzten Gebieten befinden, werden sofort identifiziert und vom Netzwerk getrennt.
Die Auswirkungen für die russischen Truppen sind verheerend
Da die russische Armee über kein vergleichbares, mobiles Satellitensystem verfügt, war „Starlink“ das Rückgrat ihrer modernen Kriegsführung. Ohne das System fällt die Echtzeit-Übertragung von Befehlen an die tief auf ukrainischem Gebiet kämpfenden russischen Einheiten einfach weg; sie können nun keine Unterstützung mehr anfordern oder wenigstens ihre aktuellen Positionen melden.
Besonders schmerzhaft ist der Ausfall für die russische Drohnenflotte. Viele Langstreckendrohnen nutzten „Starlink“-Terminals, um über hunderte Kilometer hinweg steuerbar zu bleiben. Diese Drohnen stürzen nun entweder ab oder verlieren ihr Ziel. Berichte von der Front bestätigen, dass geplante russische Offensiven abgebrochen werden mussten, weil die Koordination zwischen Aufklärung und Artillerie schlicht nicht mehr existiert. Die Truppen müssen nun auf alte Funkgeräte oder lokale, leicht abhörbare Netze ausweichen, was sie langsam und verwundbar macht.
Ein weiterer Aspekt, der die russischen Militärblogger toben lässt, ist der finanzielle Schaden.
Da „Starlink“-Terminals in Russland illegal waren, wurden sie zu Wucherpreisen auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Ein Set, das im Westen wenige hundert Euro kostet, wurde für 2.000 bis zu 5.000 US-Dollar an russische Freiwilligenverbände und Einheiten verkauft. Doch tausende dieser Geräte sind nun wertlos geworden. In den Telegram-Kanälen der Blogger ist die Rede von einem „elektronischen Friedhof“. Saponkov und seine Kollegen beschweren sich bitter darüber, dass Millionen von Rubeln an Spendengeldern und Militärbudgets in „teuren Plastikschrott“ investiert wurden.
Ist das ein „Gamechanger“? Das kann jetzt noch keiner sagen. Aber Elon Musks Entscheidung hat das Kräfteverhältnis an der Front innerhalb weniger Tage verschoben. Während die Ukraine weiterhin über ein sicheres Hochgeschwindigkeitsnetz verfügt, steht die russische Invasionsarmee digital im Dunkeln. Jetzt rächt sich Russlands Abhängigkeit von westlicher Hochtechnologie, die sich als große Achillesferse seines Militärs zu erweisen scheint.
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- Starlink_Kommunikation aus dem All: shutterstock/alinstock
