Trotz schärfster Sanktionen: So flossen russische Milliarden auf Umwegen über Dubai in ein amerikanisches Arktis-StartUp

LNG-Tanker im gefrorenen Eis der Arktis.
von KLAUS KELLE
MOSKAU/ALASKA – Sie alle haben die Fernsehbilder im September gesehen. Inmitten hochsensibler, geheimer Verhandlungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine reisen zwei der engsten Vertrauten von US-Präsident Donald Trump wieder einmal nach Moskau:  Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, und der Immobilieninvestor Steve Witkoff, „Sondergesandte“, wie man die beiden Allzweckwaffen des Präsidenten nennt.
Kushner und Witkoff treffen auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin dabei zum wiederholten Mal.
Doch neben – hoffentlich auch – diplomatischen Bemühungen, diesen so unsinnigen und mörderischen Krieg in der Ukraine endlich zu beenden, kommt ein weiteres heikles Thema zu Sprache, wenn man der New York Times (NYT) glauben will. Denn hinter verschlossenen Türen im Kreml wurde über ein Wirtschaftsprojekt gesprochen, das die arktische Geopolitik auf den Kopf stellen würde. Konkret geht es darum, ein gigantisches Exportterminal für Flüssigerdgas (LNG) in Alaska zu bauen. In dieses Projekt ist der zweitgrößte russische Gaskonzern Novatek tief verwickelt. Wir wissen nicht, ob Kushner und Witkoff das vor dem Treffen im Kreml wussten.
Im Raum steht ist, dass sich der Kreml über einen Drittstaat in das amerikanische Prestigeprojekt eingekauft hat 
Nur wenige Wochen nach dem Treffen in Moskau enthüllte die NYT nämlich, dass Nowatek – das unter schärfsten US-Sanktionen steht – als milliardenschwerer Geldgeber hinter dem US-Energie-Startup Polar LNG steht. Das dürfte eigentlich gar nicht möglich sein, aber dürfte ist wie hätte…es passiert. 
Recherchen decken eine Spur auf, die in den Persischen Golf führt. Als nämlich das im Frühjahr dieses Jahres gegründete US-Startup Polar LNG (auch bekannt als Polar Train LNG) Geld für sein geplantes 25-Milliarden-Dollar-Projekt an der Prudhoe Bay im Norden Alaskas suchte, meldete sich eine arabische Investmentfirma namens Tech Wave mit Sitz in Abu Dhabi und bot an, zu helfen. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), muss man wissen, tragen die westlichen Sanktionen gegen Russland nicht mit. Seit russische Panzer ab Februar 2022 in die Ukraine rollen, hat sich der Wüstenstaat zu einer globalen Drehscheibe für russisches Kapital entwickelt.
Über Tech Wave flossen fortan Millionenbeträge von Novatek direkt nach Alaska
Damit operierte Polar LNG unter der Kontrolle Moskaus, noch während das Unternehmen beim US-Finanzministerium (OFAC) offiziell eine Ausnahmegenehmigung beantragte, um legale Geschäfte mit Russland betreiben zu dürfen.
Der Skandal flog auf, als das Top-Management von Polar LNG die Reißleine zog.
Als CEO John Riddle nämlich bemerkte, für wen er da tatsächlich arbeitete, trat er sofort zurück. „Es ist nicht nur rechtswidrig, sondern es liegt auch nicht im Interesse der USA, dass russische Technologie die Vermarktung von arktischem Gas kontrolliert“, stellte Riddle klar. Gemeinsam mit dem CFO und dem Vizepräsidenten verließ er das Unternehmen und informierte die amerikanischen Behörden. Ein neues Management wurde schnell gefunden: Tim Talkington hatte bis August 2022 das Russlandgeschäft von Goldman Sachs geleitet. Mer kenne uns, mer helfe uns, sagt der Kölner zu sowas…
Ist US-Präsident Donald Trump an diesem Deal beteiligt?
Zumindest gibt es bisher keinerlei Beweise, dass Trump direkt involviert ist.
Hinter dem ganzen Projekt steht allerdings der texanische Investor Gentry Beach, ein enger College-Freund von Donald Trump Jr., der 2017 Millionen US-Dollar für Donald Trumps Amtseinführung in Washington DC gesammelt hatte. Beach hatte außerdem bereits im Herbst 2025 – also lange vor der offiziellen Gründung von Polar LNG – eine Absichtserklärung mit Novatek über arktische Gasgeschäfte unterzeichnet.
Nach allem, was bisher bekannt ist, zeichnete sich in den Moskauer Gesprächen zwischen Kushner, Witkoff und Putin im September ab, dass die Russische Föderation eine Art „Energie-Waffenstillstand“ vorgeschlagen hat. Dabei sei u. a. vereinbart worden,  dass Novatek seine hochspezialisierte, arktische Verflüssigungstechnologie sowie eine bereits teilweise fertiggestellte, schwimmende Schiffs-Anlage von Russland nach Alaska transportiert. Damit könnte die US-Anlage in Rekordzeit fertiggestellt werden.
Im Gegenzug habe Wladimir Putin eine Gegenleistung gefordert: Die Trump-Administration soll die harten Sanktionen gegen Novateks  eigenes arktisches Prestigeprojekt Arctic LNG 2 durch eine Ausnahmegenehmigung aufheben.
Irgendwie passt das alles zu manchen Schachzügen Trumps auch bei anderen Themen
Erst gerade im Oktober hatte Trump Teile der über den Graham Act beschlossenen Russland-Sanktionen per Dekret ausgesetzt und russische Diesellieferungen in die USA erlaubt, um die heimischen Treibstoffpreise vor den Kongresswahlen zu drücken.
Um die Tragweite dieser ganzen Geschichte zu erfassen, muss man wissen, wer Novatek ist.
Der Konzern wird von Gennadi Timtschenko kontrolliert, einem Oligarchen aus dem engsten Zirkel Putins. Das Unternehmen ist sowas wie das technologische Kronjuwel der russischen Arktis-Strategie. Denn wie in vielen anderen Bereichen hat Russland aus der Not eine Tugend gemacht. Da das Land durch die westlichen Sanktionen seit 2022 vom Zugang zu westlicher Verflüssigungstechnologie abgeschnitten ist, hat es schnell eigene arktische Technologien entwickelt.
Mit dem Einstieg bei Polar LNG – den Novatek nach dem Auffliegen des Skandals sogar offiziell bestätigt, indem das Unternehmen eine Minderheitsbeteiligung anstrebt – will sich der Kreml Zugang zum amerikanischen Markt verschaffen und seine internationale Isolation brechen. Sie müssen sich das so ein bisschen wie Wirecard in Deutschland vorstellen, in dessen Spitze russische Geheimdienstler dafür sorgten, Moskau weitgehenden Zugang zum europäischen Bankensystem zu verschaffen. 
US-Präsident Trump hat sich zu den skandalösen Vorgängen bisher überhaupt noch nicht direkt geäußert.Donald Trump Jr ließ von einem Sprecher mitteilen, er gebe keinerlei persönliche Involvierung oder auch nur Kenntnis von verdeckten russischen Geldströmen.

Bildquelle:

  • LNG-Tanker_Arktis: adobe.stock/lubos chlubny

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.