Vor 40 Jahren: Olé España – Die WM der Kuriositäten

Erzielte zwei Tore: Paul Breitner vom FC Bayern München.
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von MARK ZELLER

Saufgelage, Nichtangriffspakt, Brutalo-Foul – trotz Vizemeisterschaft gilt die Fußball-WM 1982 aus deutscher Sicht als Skandal-Turnier. Dabei schuf sie auch reichlich Anekdoten, Superlative und Geschichten für die Ewigkeit. Eine persönliche Erinnerung.

Selbst kurze Spiel-Ausschnitte von damals lassen mich diese Zeit sofort wieder fühlen: Dauerwellenträger mit Schnäuzern und baumelnden Halsketten, mit heruntergelassenen Stutzen und ohne Schienbeinschoner, die zum lieblichen Gleichklang von Gastrompeten über den Rasen rennen, schießen und vor allem grätschen: Das war Fußball anno 1982.

Obwohl ich gerade erst Sieben wurde, war ich schon seit drei Jahren Stadionbesucher. Seit einem Jahr kickte ich selber im Verein, seit diesem Jahr sammelte ich Fußballbilder. Keine Frage: Die Zeit war reif für meine erste WM, also die erste, die ich bewusst wahrnahm. Dabei war der Sommer 82 einer voller Umbrüche: Meine Kindergarten-Zeit endete, und ich wartete auf meine Einschulung. Meine Großeltern waren gerade von Meiderich nach Walsum gezogen – und mit ihnen mein zweites Zuhause. Vor allem aber war unser MSV erstmalig aus der Bundesliga abgestiegen.

„Passend“ dazu hatte Bundestrainer Jupp Derwall die Europameister-Elf von 1980 gesprengt und ihren Kapitän – unseren „Ennatz“ Dietz – ausgebootet. Indem er sich für eine Rückkehr Paul Breitners in die Nationalelf entschied, hob er das Gefüge jener Erfolgself komplett aus den Angeln. Weitere Säulen der Mannschaft, die die Fußballwelt zwei Jahre zuvor verzückt hatte, blieben außen vor (Bernd Schuster, Klaus Allofs) oder wurden zu Statisten degradiert (Hansi Müller). Doch auf fast wundersame Weise waren all diese denkbar schlechten Vorzeichen wie verflogen, denn es machte sich für mich etwas völlig Neues breit: ein irgendwie allumfassendes Fußball-Fieber. WM-Stimmung.

Papp-Fußballer im Schaufenster und Spielplan am Kühlschrank

Wann immer man den Fernseher anmachte, war der Bildschirm Rasen-grün. In einem Walsumer Schaufenster bewarb ein lebensgroßer Papp-Aufsteller des polnischen Stürmerstars Zbigniew Boniek das größte Sportereignis der Welt – oder zumindest die dafür zum Kauf angebotenen Röhren-Bildschirme. Und plötzlich bekam selbst mein ungeliebter Spielplatz-Spitzname „Rummenigge“ einen besonderen Klang. Den hatte auch der Song „Olé España“, der die Nationalelf mit gesangsstarker Unterstützung von Michael Schanze bereits vor dem Turnierstart in die Top 10 gebracht hatte. Und am elterlichen Kühlschrank hing im DIN-A3-Format der Spielplan zum Selber-Eintragen aus der „Hörzu“, und er sollte dort die vollen vier Jahre lang bis zur nächsten WM in Mexiko bleiben.

Das Turnier selbst begann mit einem Paukenschlag: Titelverteidiger Argentinien musste sich den Belgiern geschlagen geben, was sich zugegebenermaßen meinem bewussten Erinnerungsvermögen entzieht. Umso präsenter ist mir das Auftakt-Debakel unserer Elf: Eine 1:2-Pleite gegen Neuling Algerien. Da schlug die allzu laxe Vorbereitung – das Trainingslager vor der WM am Schluchsee wurde ob der Zock- und Trinkgelage der deutschen Spieler im Nachgang als „Schlucksee“ tituliert – voll durch.

Erstaunlicherweise war ein gewisser Grundoptimismus ungebrochen, wie sich vor dem zweiten deutschen Spiel zeigte, als von der heimischen Tipprunde bis zu der im Fernsehen irgendwie alle auf ein 4:1 gegen Chile setzten. Und genau so ging es dann auch aus. Zum Weiterkommen fehlte aber noch ein Sieg gegen Österreich. Womöglich eine Fügung des Schicksals, dass ich jenem 1:0 nicht „live“ beiwohnen konnte, weil zeitgleich eine „Abschieds-Übernachtung“ im Kindergarten anstand. Dafür erinnere ich mich noch allzu gut, dass beim Abholen am nächsten Morgen meine Mutter meine „Gewonnen?“-Frage mit einem für mich völlig unverständlichen „Ja, aber…“ beantwortete. Der Ergebnisfußball hatte mit diesem sogenannten „Nichtangriffspakt von Gijón“ seinen Höhepunkt erreicht.  

Doch danach definierte die deutsche Elf den Begriff, der in jener Zeit synonym mit ihr war: Turniermannschaft. In der damals noch üblichen Zwischenrunde gab es zunächst ein torloses Remis gegen England, ehe mit einem Sieg gegen Spanien der Weg für den Halbfinal-Einzug geebnet wurde – der Auftakt einer Tradition übrigens, die die Deutschen über Jahrzehnte hinweg immer wieder zum Schreckgespenst des jeweiligen Gastgebers werden ließ.

Halbfinal-Drama mit seherischen Fähigkeiten

Das Halbfinale gegen Frankreich wurde dann zum ganz großen Drama – mit wechselnden Führungen, einem folgenreichen, gleichwohl vom Schiedsrichter nicht als solches geahndeten Foul von Torwart Toni Schumacher, einem „Tor des Jahres“ per Fallrückzieher von Klaus Fischer, und schließlich mit dem ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte, das einen weiteren deutschen WM-Mythos begründete. Ich weiß noch genau, wie ich der allgemeinen Verzweiflung nach Stielikes Fehlschuss mit Blick auf den nächsten Schützen, Didier Six, kindliche Logik entgegensetzte: Der spielt doch in der Bundesliga, also verschießt der! Und so kam es. Und am Ende hieß es: Deutschland steht im Finale!

Doch der kapriolenreiche Weg dorthin hatte manchem offensichtlich so zugesetzt, dass sich die Euphorie in Grenzen hielt. Leuchtendstes Beispiel: mein Opa. Ich höre jetzt noch das ungläubige „Das gibt es doch nicht!“ meines Vaters, als meine Mutter uns beim Telefonat mit ihrer Mutter am Final-Abend mitteilte: „Opa guckt nicht, der würfelt lieber!“ Ein Mann wohlgemerkt, der sich für Fußball jahrzehntelang bei Wind und Wetter in unüberdachte Stehränge gequetscht hatte.

Und so schauten wir das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in ähnlicher Konstellation, wie sonst die Hitparade mit Dieter Thomas Heck: Zu Dritt auf der elterlichen Couch. Ob das reichen sollte gegen die starken Italiener? Die waren nach mäßigem Turnier-Beginn voll durchgestartet und hatten in der Zwischenrunde mit Argentinien und Brasilien zwei Top-Favoriten geschasst. Vor allem aber waren sie ein Team mit Charakterköpfen, von denen vier herausstachen: Dino Zoff (sein Vorname war Programm), der Ruhepol im Tor, Bruno Conti, der klassische Spielmacher, Paolo Rossi, der in den letzten drei Spielen zum Finale sagenhafte sechs Tore erzielt hatte, und: Claudio Gentile! Ein Manndecker mit der humorlosen Aura eines Mafia-Paten, der bereits mit Zico und Maradona innerhalb weniger Tage das offensive Who is Who des Weltfußballs neutralisiert hatte.

Um es kurz zu machen: Sie alle stachen im Finale. Und doch stahl ihnen ein anderer die Show: Marco Tardelli. Der erzielte mit seinem 2:0 nicht nur die Vorentscheidung, sondern schuf mit seinem anschließenden Ekstase-Lauf einen Torjubel für die Ewigkeit. Meinen einzigen Jubel hingegen, den zum 1:3-Ehrentreffer kurz vor Schluss, quittierte mein Vater nur mit einem verächtlichen: „Das nützt doch nichts mehr!“ Er sollte Recht behalten. Und meine „erste“ WM endete so, wie sie die deutsche Öffentlichkeit bezüglich der eigenen Mannschaft über weite Strecken ausgemacht hatte: Enttäuschend.

„Eschweiler-Rolle“ und Platzsturm durch Scheich

Doch insgesamt war es zweifelsohne eine besondere WM, nicht zuletzt dank ihrer Kuriositäten und Superlative: In dem erstmals mit 24 Teilnehmern ausgetragenen Turnier holte Italien den Titel trotz siegloser(!) Vorrunde, während Ungarn trotz des bis heute höchsten WM-Sieges aller Zeiten (10:1 gegen El Salvador) die Vorrunde nicht überstand. Der deutsche Schiedsrichter Walter Eschweiler erlangte unfreiwillig Weltruhm, als er nach einem Zusammenstoß mit einem peruanischen Spieler eine Rückwärtsrolle einlegte. Und beim Spiel gegen Frankreich stürmte der kuwaitische Verbandspräsident, Scheich Fahid al-Ahmad al-Sabah, den Platz und brachte Schiedsrichter Stupar dazu, ein französisches Tor zurückzunehmen.

Vor allem aber erweckte „España 82“ in mir dieses einzigartige Gefühl – das, was Fußball-WM bedeutet: Das größte Sport-Ereignis der Welt, im Sommer, in einem Land, das diesen Sport lebt, getragen von Fans in aller Welt. Lang ist’s her…

Bildquelle:

  • Paul_Breitner_WM_1982: dfb
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