Warten auf den Tod im Stahlwerk Azovstal

Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt so viele Themen, über die ich gerne mal zum Übergang in den neuen Tag wieder mit Ihnen plaudern möchte, aber keine Chance. Der brutale Krieg in der Ukraine lässt nicht zu, dass wir über Freundschaft, GenderGaga oder den Hamburger Sportverein nach dem Pokal-Aus sinnieren. Ob ich will oder nicht, ich muss jede Nacht am Krriegstagebuch Ukraine weiterschreiben.

Während die geschundene Ukraine auf Frieden oder wenigstens eine Feuerpause hofft und Hilfe aus dem Westen, bombardiert Russland gnadenlos weiter, immer intensiver, gestern wurden mehr als 60 „Ziele“ angegriffen. Im Blickpunkt dabei: Das belagerte Stahlwerk Azovstal in Mariupol. Das wurde gestern von russischen Kampfflugzeugen mit bunkerbrechenden Bomben überzogen. Diese Sprengkörper machen, was ihr Name verspricht: sie zerstören Bunker, die letzten Schutzräume, in die sich die mehrere Tausend Menschen verkriechen konnten. Mit diesen Waffen gibt es keine Hoffnung mehr auf ein Überleben in dieser Hölle aus Stahl.

Anders als zunächst mitgeteilt, befinden sich auf dem riesigen Gelände nicht nur Kämpfer des berüchtigten wie gefürchteten Asow-Battaillons, sondern auch reguläre Truppen der ukrainischen Streitkräfte, offenbar auch freiwillige Milizen aus mehreren Ländern und natürlich Zivilisten und Kinder. Und natürlich russische Soldaten, die in den Komplex eingedrungen sind und nun Gebäude um Gebäude „säubern“. Die russische Armeeführung hatte die Menschen im belagerten Stahlwerk nach Ostern aufgefordert, zu kapitulieren. Doch niemand wagte sich heraus, niemand hisste eine weiße Fahne, niemand traut den Zusagen Russlands, man werde alle am Leben lassen, anständig behandeln, mit Essen und medizinischer Hilfe versorgen. Keiner traut Versprechungen Russlands. Warum sollten sie auch?

Das russische Verteidigungsministerium kündigte für heute eine erneute Feuerpause in der Umgebung des Stahlwerks an. Die dort verschanzten ukrainischen Truppen sollten in dem Zeitraum ab 13 Uhr MESZ ihre Waffen niederlegen. Was würden Sie, was würde ich tun in dieser Situation?

Niemand kann sich das Grauen vorstellen, das sich dort entwickelt hat. In den deutschen Netzwerken wurde gestern wie an jedem Tag von interessierter Seite gegen Präsident Selenskyj Stimmung gemacht, er habe seinen Soldaten dort verboten, das Stahlwerk preiszugeben und zu kapitulieren. Keiner von uns kann das verifizieren im Moment, aber ich denke, dass die Soldaten des Asow-Regiments lieber sterben werden, als sich zu ergeben, nachdem russische Befehlshaber schon vor Wochen angekündigt haben, man werde „die Faschisten“ ausrotten. Medizinische Hilfe? Wie verlogen sind die russischen Versprechungen?

Gibt es eine Punkt, wo der Mensch jede Hoffnung aufgibt? Wo jede Entscheidung, die man trifft, unweigerlich zum Tod führen wird? Ich glaube ja. Und warum soll man dann noch kapitulieren?

Der seit zwei Monaten tobende Krieg Russlands gegen das „Brudervolk“ neigt sich nicht etwa dem Ende zu, er wird mit zunehmender Härte und unbarmherzig intensiviert. Jeden Tag sterben vermutlich Tausende – Ukrainer ebenso wie Russen. Und der Hass, der sich in der ukrainischen Bevölkerung aufgestaut hat gegen die, die ihr Land zerstören und ihnen ihre Unabhängigkeit nehmen wollen, wächst ins Unendliche. Selbst, wenn Russland Teile der Ukraine am Ende annektieren kann, die Besatzer werden keine Freude an ihrem „Sieg“ haben, und es wird keine Normalisierung mehr geben über Generationen. Der Name Putin wird in die Geschichtsbücher eingehen, aber anders als er sich das an seinem langen Tisch im Kreml vorstellt.

Dieses Massaker, dieses sinnlose Morden, Zerstören und Vergewaltigen wird nicht akzeptiert werden und Putin wird nicht davonkommen, egal, wie lange dieser Wahnsinn noch andauert.

Klaus Kelle

Anzeige

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.