Welle des Mitgefühls und enorme Hilfsbereitschaft in Ungarn

Aus der Ukraine geflüchtete Menschen nahe einer Flüchtlingsunterkunft im ungarischen Beregsurány. Foto: Marton Monus/dpa
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von GREGOR MAYER

TISZABECS – Mehr als eine Million Ukrainer hat Russlands Krieg in die Flucht geschlagen. In den Notunterkünften entlang der 140 Kilometer langen Grenze Ungarns zur Ukraine sind fast ausschließlich Frauen und Kinder anzutreffen. Das Gesicht der Flucht ist hier weiblich.

Frauen wollen ihre betagten, an Krankheiten leidenden Mütter und Großmütter in Sicherheit bringen, junge Mütter ihre kleinen Kinder. Am Steuer der Autos, die über die Grenze kommen, sitzen fast nur Frauen. Männer im wehrfähigen Alter, das in der Ukraine von 16 bis 60 Jahren reicht, lassen die ukrainischen Grenzbeamten nicht durch.

Mitgefühl, Solidarität und Hilfsbereitschaft

Jewgenija (20), eine Journalistin aus der umkämpften Millionenstadt Charkiw, bringt es so auf den Punkt: «Wenn du jetzt kein Kämpfer, kein Soldat bist, musst du sehen, dass du überlebst.» Mit ihrer alten Großmutter hat sie das Erstaufnahmezentrum der ungarischen Baptisten in Tiszabecs erreicht.

Die Wohnviertel von Charkiw seien vom russischen Militär gnadenlos mit Raketen beschossen worden, sagt Jewgenija, die ihren vollen Namen nicht nennen wollte. «Nach vier Tagen, die wir meist im Bunker verbrachten, entschlossen wir uns zur Flucht.» Das Ziel der beiden Frauen ist Konstanz am Bodensee, wo Jewgenijas Eltern bereits leben.

In Ungarn treffen die Geflohenen aus der Ukraine auf viel Mitgefühl, Solidarität und Hilfsbereitschaft. Menschen aus ganz Ungarn geben am Hilfszentrum in Tiszabecs haltbare Lebensmittel, Decken, Kleider, Kinderspielzeug, Hygienebedarf ab. Andere bieten Mitfahrgelegenheiten und Unterkunft in ihren Häusern und Wohnungen an. Die Menschen aus dem Nachbarland können die ungarische Eisenbahn und die öffentlichen Verkehrsmittel in Budapest kostenfrei nutzen.

Im Hilfszentrum von Tiszabecs arbeiten 30 Mitarbeiter des Hilfswerks der ungarischen Baptisten sowie Freiwillige, die sich oft spontan gemeldet haben. «Es ist zutiefst beeindruckend, wie sich ganz Ungarn für die Menschen aus der Ukraine einsetzt», sagt Reka Berczelly, eine Sprecherin des Hilfswerks. Die Lager mit Hilfsgütern seien voll. Aber man weise nichts zurück, da niemand wissen könne, wie sich die Lage weiter entwickelt.

Eine der spontanen Freiwilligen ist die Budapester Start-up-Unternehmerin Dalma Teveli (26). Sie und ihre Freundin hätten sich kurzfristig entschlossen. Mal stehen sie unmittelbar am nahen Grenzübergang, um den Ankömmlingen Sandwiches, Schokoriegel und Trinkwasser zu reichen, mal helfen sie im Hilfszentrum aus. «Die Anstrengungen werden hier von Zivilorganisationen, Kirchengemeinden wie den Baptisten und privaten Freiweilligen getragen», sagt sie.

Rechtsnationale Regierung reagierte 2015 anders

Teveli hatte schon 2015, im Jahr der großen Flüchtlingswanderung in Europa, am Budapester Ostbahnhof gestanden. «Da haben wir Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan geholfen», erinnert sie sich. Doch die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban hieß die damaligen Flüchtlinge nicht willkommen.

Heute hängt Orban aber eher nach, dass er jahrelang eine politische Freundschaft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin pflegte. Inzwischen trägt er die EU-Sanktionen gegen Russland, die Beschlüsse der Union zu Waffenlieferungen an die Ukraine mit. Die staatlichen Medien rufen zur Solidarität mit den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine auf.

Bildquelle:

  • Geflüchtete in Ungarn: dpa
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