Wie soll denn in diesem Mexiko eine sichere Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden?

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Mexiko versinkt derzeit im Chaos. Jedenfalls sieht es aus der Ferne so aus, nachdem das Militär dort den mächtigsten Drogenbaron Nemesio Oseguera Cervantes zur Strecke gebracht – das heißt getötet – hat.

In den frühen Morgenstunden des vergangenen Sonntags fand eine Spezialeinheit der mexikanischen Armee, unterstützt durch geheimdienstliche Erkenntnisse der US-Drogenbehörde DEA, das Versteck von Cervantes in der abgelegenen Bergregion von Tapalpa, Jalisco. „El Mencho“, Kopf des berüchtigten Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG), galt bis zu diesem Zeitpunkt als unauffindbar. Doch dieses Mal fanden sie ihn – irgendwann finden sie jeden, wie auch Osama bin Laden einst lernen musste, bevor er final von dieser Welt verabschiedet wurde.

Als die mexikanischen Soldaten das Anwesen stürmten, kam es wohl noch zu einem kurzen und heftigen Feuergefecht, bei dem „El Mencho“ so schwer verletzt wurde, dass er noch während des Transports im Militärhubschrauber starb.

Ein Sieg im Kampf gegen die Macht der Drogenkartelle – zweifellos

Aber gleichzeitig auch – im wahrsten Sinne des Wortes – der Startschuss zu schweren Unruhen in bisher mindestens zwölf mexikanischen Bundesstaaten.

Schwer bewaffnete Bandenmitglieder des Kartells besetzten innerhalb kürzester Zeit strategisch wichtige Knotenpunkte, zündeten Autos an und schossen wahllos auf Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. In der Millionenmetropole Guadalajara, dem Machtzentrum des Kartells, wurden Dutzende Linienbusse und LKWs als brennende Barrikaden („Narco-Bloqueos“) quer über Autobahnen gestellt. Tankstellen wurden gesprengt, Bankfilialen geplündert und Regierungsgebäude unter Beschuss genommen.

Die Nationalgarde, eigentlich für die Sicherheit verantwortlich, sah sich selbst massiven Angriffen von Gangs mit Panzerfäusten und sogar Drohnen konfrontiert. Mehr als 70 Todesopfer sind bisher zu beklagen. Das öffentliche Leben in den betroffenen Bundesstaaten ist weitgehend zum Erliegen gekommen, Schulen sind geschlossen und Länder wie die USA und auch Deutschland haben dringende Reisewarnungen herausgegeben.

Und immer drängender stellt sich die Frage: Wie soll eigentlich hier in vier Monaten eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden?

Denn Mexiko ist neben den USA und Kanada einer der Gastgeber der ersten „XXL-WM“ mit 48 Mannschaften aus allen Teilen der Welt. Von den insgesamt 104 Spielen sollen dabei 13 in Mexiko ausgetragen werden – verteilt auf Mexiko-Stadt, Monterrey und ausgerechnet auch Guadalajara.

DFB-Sportdirektor Rudi Völler äußerte sich gestern auf einer Pressekonferenz alarmiert von den Bildern aus Mexiko und sagte, er hoffe, dass sich die Lage in den kommenden Monaten wieder beruhige.

Ja, das hoffen wir alle, aber das Prinzip Hoffnung kann ja nicht alles sein.

Die FIFA rechnet mit Hunderttausenden Fußballfans aus allen Teilen der Welt, aber wie soll das funktionieren, wenn derzeit die Einheimischen nicht mehr wagen, aus ihren Häusern zu gehen? Und: Ende März stehen erste wichtige internationale Playoff-Partien in Guadalajara und Monterrey an, sozusagen die Generalprobe für das große Turnier.

Man „beobachte die Situation genau“, ließ der Weltverband FIFA gestern verlauten. Das klingt wie bei einer Bundespressekonferenz in Berlin wenig vertrauenerweckend, jedenfalls ganz sicher nicht nach einem Plan B.

Organisatorisch ist es im Fall der Fälle vermutlich zu wuppen. In den Vereinigten Staaten stehen genug moderne Stadien zur Verfügung, und die Amis könnten das sicher organisieren. Aber für Mexiko wäre es ein Desaster, das sich der ganzen Welt als moderner und stabiler Partnerstaat präsentieren möchte.

Die aktuelle Situation in Mexiko wirft ein grelles Schlaglicht darauf, was passieren kann, wenn ein Land über viele Jahre einen Staat im Staate duldet oder nicht in den Griff bekommt. Und das sollte auch uns hier in Deutschland und Europa zum Nachdenken bringen.

Mit besorgten Grüßen

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.