von MARTIN EBERTS
ROM – Als am 9. Oktober 1958 Papst Pius XII. starb, schwappte eine Welle der Anteilnahme um die Welt. Die Beisetzungsfeierlichkeiten waren ein Großereignis, wie es die Stadt Rom schon lange nicht mehr erlebt hatte. Unzählige Menschen – von einfachen Bürgern bis zu Staatsoberhäuptern – drückten ihre Anteilnahme und Hochachtung vor dem Lebenswerk dieses Mannes aus, der fast 20 Jahre auf dem Stuhl Petri gesessen hatte und das unter extremen Bedingungen, zur Zeit des Krieges und der Shoah.
Ein großer Freund des jüdischen Volkes
Die damalige israelische Außenministerin Golda Meir schrieb in ihrem Beileidstelegramm: „Wir teilen die Trauer der Welt über den Tod Seiner Heiligkeit Pius XII.“ Sie würdigte seinen Einsatz für die Verfolgten. Seine Stimme sei ein Zeichen der Hoffnung für das jüdische Volk gewesen. Ein Kommentar in der „Jerusalem Post“ sprach davon, ein großer Freund des jüdischen Volkes sei verstorben. Und das, obwohl der Vatikan damals noch nicht einmal den Staat Israel diplomatisch anerkannt hatte.
Pius – mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli – hatte viele Jahre im diplomatischen Dienst des Vatikans gedient, nicht zuletzt als Nuntius, Botschafter des Vatikan, in Deutschland. Dort hatte er, der neben mehreren anderen Fremdsprachen auch fast akzentfrei Deutsch sprach, schon lange vor der Machtübernahme der Nazis aus nächster Nähe erfahren, welche barbarische Brutalität in der NS-Ideologie steckte. Nicht für einen Moment täuschte er sich über die tödliche Bedrohung des braunen Rassenwahns. Seine Berichte als Nuntius sprechen dazu eine deutliche Sprache. Und obwohl er auch sehr genau um die Schrecken des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion wusste und diese mit größter Sorge verfolgte, fiel Pacelli – seit März 1939 Papst Pius XII. – niemals auf das diabolische Narrativ herein, die Nazis könnten als Mittel gegen den Kommunismus von Nutzen sein.
Hassgegner der Nazis
Schon unter seinem Vorgänger im Petrusamt mühte sich Pacelli nach Kräften darum, der NS-Ideologie entgegenzutreten. Die berühmte Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937, in der der Rassenwahn der Nazis heftig verurteilt wurde, stammte maßgeblich aus seiner Feder. Als Papst stärkte er den deutschen Bischöfen den Rücken in ihrem Widerstand gegen den Druck des Hitler-Regimes, insbesondere den Bischöfen Graf Galen (wegen seines Mutes als „Löwe von Münster“ bekannt) und Preysing (Berlin). Die Nationalsozialisten reagierten wütend und hasserfüllt auf seine Taten und Äußerungen.
Zu sehr Diplomat?
Aber war Pius XII. nicht dennoch zu sehr Diplomat? Hätte er nicht viel stärker in aller Öffentlichkeit die Verbrechen der Nazis anprangern müssen? Hielt er zu sehr an der Chimäre einer diplomatischen Neutralität gegenüber den Kriegsparteien fest, in der vergeblichen Absicht, auf dem Wege der Diplomatie etwas erreichen zu können? So klingt es fast immer in Würdigungen seiner Amtsführung in Medien und Politik unserer Zeit. Und so urteilen – in der Rückschau auf die Ereignisse – auch viele durchaus wohlgesonnene Chronisten.
Seine Zeitgenossen sahen das allerdings völlig anders. Für sie war die Stimme des Papstes klar und deutlich zu hören, seine Botschaft unzweifelhaft, eine Ermutigung und ein Zeichen der Hoffnung. Die „New York Times“ würdigte ihn Jahre 1941 als mutigen Fürsprecher der Verfolgten und moralisches Gewissen der Menschheit.
Helfer der Verfolgten
Wie treffend diese Wertung wirklich war, wurde im ganzen Umfang erst nach Kriegsende bekannt. Hatte doch der Papst persönlich dafür gesorgt, dass tausende Juden in Rom und andernorts in kirchlichen Einrichtungen versteckt und vor dem Zugriff der SS geschützt wurden. Aber Pius XII. beschränkte sich nicht auf humanitäre Hilfe. Er war sogar in Kontakt mit dem Widerstand in Deutschland und wurde vorab über die Vorbereitungen des 20. Juli 1944 informiert. Das ihm entgegengebrachte Vertrauen war überwältigend. Es zeigt, wie hoch seine Integrität von Menschen guten Willens geschätzt wurde.
Und plötzlich wieder Hassobjekt
Der Nachruhm des Papstes hielt nach seinem Ableben ungeschmälert an. Bis zum Jahre 1963. In diesem Jahr veröffentlichte Rolf Hochhuth sein Schauspiel „Der Stellvertreter“, in dem er Pius XII. quasi als heimlichen Sympathisanten des Nazi-Regimes anschwärzte, der aus niederen Motiven zum Holocaust geschwiegen habe. Wie es möglich war, dass ein fiktives Theaterstück aus der Hand eines zweitklassigen Schriftstellers den Ruf eines großen Mannes so vollständig und nachhaltig zerstören konnte, das bleibt letztlich ein Geheimnis; man ist versucht zu sagen: Mysterium iniquitatis.
Eine ganze Armee von Kolportage-Schreibern und Sensations-Journalisten stürzte sich damals auf das Thema, und obwohl Hochhuth später einmal unumwunden zugab, dass sein Plot nicht auf echten Quellen basierte, wurde die große Denunziation zum Nennwert genommen. Immer neue Bücher und Artikel wurden produziert, die das Narrativ weiter und weiter ausspannen. Papst Pius wurde zum finsteren Nazi-Kollaborateur und irgendwie Mitschuldigen am Holocaust stilisiert. Auch mehrfache Öffnungen der Archive des Vatikan konnten an dieser Ungeheuerlichkeit nichts ändern. Fakten spielten letztlich keine Rolle.
Des Pudels Kern
Einmal entfesselt pflanzten sich Verleumdung und Hass immer weiter fort. Es sollte uns zu denken geben, dass der Rufmord an Pius XII. so durchschlagend gewirkt hat, bis zum heutigen Tag. Aus den historischen Fakten lässt sich das nicht erklären, auch nicht aus persönlicher Abneigung gegen einen Mann, der zu Beginn der Kampagne schon fünf Jahre tot war.
Und so liegt es nahe anzunehmen, dass in der Person des Papstes Pius die Katholische Kirche insgesamt herabgewürdigt werden sollte. Sie war in den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Hassgegner Nummer 1 der radikalen Linken, die sich gerade anschickte, eine Kulturrevolution loszutreten. Ein moralisches Gewissen störte da mehr als jede gesellschaftliche Struktur; deshalb musste es abgetötet oder zumindest desavouiert werden. Und das erklärt dann auch, warum Pius XII. noch bei den Enkeln der „Achtundsechziger“ weiter als Projektionsfläche ideologischer Feindschaft gebraucht wird. Eine längst fällige Rehabilitierung ist nicht in Sicht.
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- Papst Pius XII.: getty images
