WASHINGTON – Der einst schwerreiche und im globalen Jetset bestens vernetzte Kinderschänder Jeffrey Epstein wurde am 10. August 2019 gegen 6:30 Uhr in seiner Zelle im „Metropolitan Correctional Center“ (MCC), einem Bundesgefängnis in New York City tot aufgefunden.
Es heißt er habe Suizid begangen.
Genauer kann man das nicht herausfinden, weil sein Zellen-Mitbewohner kurz zuvor verlegt worden war und seine Wärter nachts die vorgeschriebenen Kontrollgänge versäumt und stattdessen geschlafen oder im Internet gesurft haben. Alles sehr merkwürdig, aber darüber ist viel geschrieben worden.
Jedenfalls ist Epstein weltzweit jeden Tag auch heute für Schlagzeilen gut. Und für Nebenstränge, die immer wieder neue Merkwürdigkeiten ans Licht bringen.
Einer, der in dem ganzen Epstein-Konstrukt eine wichtigere Rolle gespielt haben könnte, als man ihm bisher zutraute.
Sein Name ist Arthur Shapiro
Denn eine wichtige Frage ist weiter ungeklärt: Wie konnte Epstein, ein weitgehend unbekannter Mathematiklehrer ohne nennenswertes Vermögen, fast über Nacht zum Treuhänder eines der reichsten Männer Amerikas werden?
Arthur Shapiro kannte wohl die Antwort, aber er wird sie der Welt nicht mehr erzählen können.
Den am 6. März 1985 parkte Arthur Shapiro, ein prominenter Steueranwalt der Kanzlei Schwartz, Shapiro, Kelm & Warren in Columbus, Ohio, sein Auto vor einer Wohnanlage, schloss den Wagen ab und betrat das Gebäude. Dort wartete jemand auf Shapiro und erschoss ihn aus nächster Nähe. Eine professionellen Hinrichtung im Mafia-Stil: keine Zeugen, keine verwertbaren Spuren, maximale Präzision. Der Mord ist bis heute ungelöst,
Shapiro war bis zu seinem Tod engster Berater für Finanz- und Steuerfragen des rasant wachsenden Imperiums „The Limited“ von Les Wexner. Der hatte das Bekleidungs-Unternehmen 1963 mit einem Kredit von 5.000 US-Dollar von seiner Tante gegründet. Der Name „The Limited“ bezog sich auf die bewusste Beschränkung auf eine kleine Auswahl an schnell verkäuflichen Damenartikeln (Hosen und Blusen), anstatt das breite Sortiment klassischer Kaufhäuser anzubieten
Dieses Konzepot erwies sich als revolutionär und führte zu einem rasanten Wachstum. In den 80er Jahren expandierte Wexner aggressiv durch Akquisitionen und Eigenmarken wie „Victoria’s Secret“, „Express“, „Lane Bryant“ und später „Abercrombie & Fitch“.
Die Rolle von Jeffrey Epstein dabei
Obwohl Epstein nie eine formelle operative Rolle im Management von „The Limited“ oder der Dachgesellschaft „L Brands“ innehatte, war er durch seine Verbindung zu Wexner tief in die finanziellen Strukturen verstrickt.
So unterzeichnete Wexner im Jahr 1991 eine Generalvollmacht für Epstein. Diese gab Epstein die Befugnis, im Namen von Wexner Schecks auszustellen, Immobilien zu kaufen und sogar Steuerrückerstattungen zu unterzeichnen. Epstein wurde bereits 1991 als Treuhänder für den Ohio Higher Education Trust identifiziert, dem Wexner 10 Millionen Aktien von „The Limited“ im Wert von über 230 Millionen US-Dollar gespendet hatte.
Doch zurück zum überraschend verstorbenen Herrn Shapiro. Der sollte nämlich am Tag nach seiner vor einer Grand Jury aussagen. Die Steuerbehörden untersuchten damals ein illegales Steuersparmodell, in das er und seine Kanzlei verwickelt waren.
Sechs Jahre nach der Tat im Jahr 1991 verfasste die Kriminalanalystin Elizabeth Leupp für das „Organized Crime Bureau“ in Columbus einen achtseitigen Bericht, der später als das „Shapiro Murder File“ bekannt wurde. Darin stellte sie die brisante Hypothese auf, dass die Hinrichtung von Shapiro ein „Hit“ gewesen sei, den Anwalt vor seiner Aussage zum Schweigen zu bringen. Was logisch erscheint.
Leupps Bericht dokumentierte eine dichte Verflechtung zwischen Wexners Unternehmen und Personen mit Kontakten zum organisierten Verbrechen. Namen wie Edward DeBartolo, ein Bau-Tycoon mit mutmaßlichen Verbindungen zur Genovese-Familie, tauchten in unmittelbarer Nähe von Wexners Geschäften auf.
Der damalige Polizeichef James Jackson hielt den Bericht vor der Öffentlichkeit zunächst zurück und wollte ihn verschwinden lassen. Doch durch einen „Leak“ des Investigativjournalisten Bob Fitrakis gelangte der Inhalt an die Öffentlichkeit, Jackson wurde suspendiert.
Der Aufstieg des Jeffrey Epstein
Hier wird die zeitliche Abfolge entscheidend. Kurz nach Shapiros Tod trat der junge Jeffrey Epstein in das Leben von Les Wexner.
Es bleibt bis heute ein Rätsel, wie Epstein, der damals kaum vorzeigbare Erfolge in der Finanzwelt vorweisen konnte, das uneingeschränkte Vertrauen des öffentlichkeitsscheuen Milliardärs gewann.
Epstein übernahm faktisch Shapiros Rolle – und weit mehr. 1991, im selben Jahr, in dem der polizeiliche Bericht über den Shapiro-Mord fertiggestellt wurde, unterzeichnete Wexner eine umfassende Generalvollmacht für Epstein. Diese gab Epstein die totale Kontrolle über Wexners Finanzen, Immobilien und private Angelegenheiten.
Les Wexner hat stets jede Verwicklung in kriminelle Machenschaften bestritten. In einer Anhörung vor dem US-Kongress im Februar bezeichnete er Epstein als jemanden, der ihn über Jahre hinweg betrogen habe. Er stellt sich als Opfer eines brillanten Hochstaplers dar.
Kritiker haben Zweifel an dieser Darstellung
Der Mord an dem Mann, der zu viel wusste, schuf den Raum für den Mann, der bereit war, alles zu tun. Während die Welt heute über die systematischen Missbrauchsfälle auf Epsteins Insel spricht, liegt der
Zusammenhang all der folgenden Ereignisse mit dem Mord an Arthur Shapiro nahe.
Der Ausfall eines Steueranwalts, der kurz davor stand, die dunklen Seiten eines Milliarden-Imperiums vor einer Grand Jury zu enthüllen, ebnete den Weg für das vielleicht dunkelste Kapitel der modernen amerikanischen Finanzgeschichte. Der Fall Shapiro könnte der Schlüssel sein, endlich komplett zu verstehen, wie das System Epstein so lange funktionieren konnte.
Bildquelle:
- Les_Wexner: freepress.org
