von KLAUS KELLE
HAMBURG/BERLIN – Leider ist es politischem Journalisten nicht möglich, die Palaverrunden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen komplett zu meiden. Denn immer wieder sitzen da Politiker und kluge Analysten, die wirklich Relevantes zu sagen haben. Das kann man – wie einige sogenannte „alternative Medien“ – nicht komplett ignorieren, wenn man seine Leser anständig und seriös informieren will.
Und so blieb ich gestern Abend wieder einmal bei Markus Lanz im ZDF hängen, der aus dem farblosen Allerlei seiner Kollegen und Kolleginnen immer mal heraussticht – ganz einfach, weil er dank guter Vorbereitung beharrlich nachfragen kann, und das auch tut.
Ich schaute bei Lanz rein, weil Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) in der Runde saß, den ich nicht persönlich kenne und den ich bisher auch nicht sonderlich wahrgenommen habe.
Aber weil er Mitte April in China war, um dort – salopp gesagt – die Werbetrommel für den VW-Konzern zu rühren, der ja in Niedersachsen seinen Stammsitz hat, wollte ich hören, mit was für Erkenntnissen er aus dem Reich der Mitte zurückgekehrt ist.
Und das war wirklich spannend, stellte Lies, dessen Bundesland mit 20 Prozent an VW beteiligt ist, doch eine umfangreiche Kooperation der Wolfsburger mit chinesischen Herstellern in Aussicht.
VW habe in China Marktanteile zurückgewinnen können, sagte der SPD-Politiker, und der chinesische Autobauer XPeng plant ja wohl auch, in Europa Autos zu produzieren, wobei VW-Standorte in Deutschland eine Rolle spielen sollen.
VW, so Lies, habe in China wieder „einen Fuß in der Tür“ und schicke sich an, „den chinesischen Markt zurückzuerobern“. Das ist mal etwas Positives, oder? Und das von einem SPD-Politiker. Vielleicht sollte der Mann Frau Bas möglichst bald ersetzen.
Aber noch interessanter wurde es bei Maischberger
Ich hatte die Fernbedienung schon in der Hand, um die Glotze abzuschalten, aber vertippte mich und landete bei der daneben liegenden ARD, die ich sonst mit großer Überzeugung zu meiden versuche.
Da saß also Frau Maischberger vom Staatsfunk mit der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) – und ihr Auftritt war fantastisch.
So wie ich immer wieder auch von Bundestagsabgeordneten höre, wie souverän sie die Sitzungen des Parlaments leite. Es war nicht einmal, dass sie etwas Unerwartetes sagte, besonders grob gegen irgendwen austeilte oder gar Geheimnisse verriet, es war die Präsenz, die unglaubliche Souveränität dieser Frau.
So waren Top-Politiker früher oft, aber hier stach das so heraus, dass da jemand aus der Spitze unseres Staates charmant, mit Humor, aber klar in der Sache die Dinge erklärte, die sich in einem früheren Deutschland von selbst erklärten.
Etwa, dass sie – immerhin die Nummer 2 in der Hierarchie der Bundesrepublik nach dem Bundespräsidenten und vor dem Bundeskanzler – am sogenannten „Christopher Street Day“ nicht die Regenbogenfahne der Homo-Lobby am Reichstag hisst, sondern dies an einem Tag einmal machen lässt, der einen Bezug zur deutschen Geschichte hat.
Denn am 17. Mai 2002 beschloss der Deutsche Bundestag (gegen die Stimmen von CDU/CSU und FDP) eine Ergänzung des NS-Aufhebungsgesetzes. Danach wurden die Urteile gegen Homosexuelle und Wehrmachtsdeserteure in der Zeit des Nationalsozialismus für nichtig erklärt.
Aber warum sollte das deutsche Parlament Fahnen von allen möglichen Interessengruppen aufhängen, die das gerne hätten?
Es gibt viele unterstützungswerte Initiativen, aber der Reichstag ist der Sitz der deutschen Volksvertretung. Punkt. Da weht Schwarz-Rot-Gold und meinetwegen noch Europa.
Wie es läuft mit den Ordnungsrufen im Hohen Haus, wollte Maischberger wissen. Und ob sie Friedrich Merz spüren lasse, dass sie in der Rangfolge über ihm steht und wie es zu dem Verzicht der Bundestagsabgeordneten auf die anstehende Diätenerhöhung gekommen sei.
Klöckner unumwunden: „Das ist eine symbolische Entscheidung, das muss man sehr klar sagen. Und wenn es hilft, ist es eine gute Entscheidung.“ Der Schritt sei „ganz bewusst gewählt worden, in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase“. Mit Reformen beim Elterngeld oder bei den Krankenkassen würden die Bürger hart belastet. Darum sei es richtig, dass auch Abgeordnete ein Zeichen setzten.
Überhaupt: „So einen Bundestag hatten wir noch nie!“ Die Zahl der Ordnungsrufe nehme zu, besonders häufig für Abgeordnete der AfD und der Linken, aber auch bei den Grünen. Doch es seien nicht nur emotionale Debatten, die ihr Eingreifen erforderten, sondern auch Redebeiträge, die dem Selbstzweck einzelner Abgeordneter dienten und ihrer TikTok-Anhängerschaft.
Dann bekamen die Medien noch ihr Fett weg, die sich in der Berichterstattung fast ausschließlich auf negative Dinge konzentrierten.
Je länger das Gespräch von Maischberger und der Bundestagspräsidentin dauerte, desto mehr drängte sich bei mir die Frage auf: Warum ist Frau Klöckner eigentlich nicht unsere Bundeskanzlerin? Sie erklärt Dinge verständlich, mit großer Ruhe und überzeugend und ist dabei auch noch sympathisch.
Bildquelle:
- Maischberger_Klöckner_19.05.2026: ard
